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Sie galten als Ausnahmeerscheinung mit dem intelligentesten Hip-Hop Deutschlands, dann haben Kinderzimmer Productions zehn Jahre Pause gemacht. Jetzt bringt das Ulmer Duo mit „Todesverachtung to Go“ ein neues Album heraus.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Eine voll gepackte Wundertüte aus Texten und Beats, Geräuschen, Tönen, Satz- und Wortfetzen, aus Anspielungen und Zitaten, alles stimmig und mit Swing montiert, findet Musikkritiker Martin Gramlich.

Sie greifen wieder an: Sascha Klammt alias DJ Quasi Modo und Henrik von Holtum alias MC Textor, zusammen das Duo Kinderzimmer Productions aus Ulm, unterwegs „Im Auftrag ewiger Jugend und Glückseligkeit“, so hieß eines ihrer frühen Alben. Die wahrscheinlich erfreulichste Musik, die je aus einem Kinderzimmer drang, ist wieder da.

Es kommt in Wellen

Es klingt, als wären Textor und Quasi Modo nicht zehn Jahre lang weg gewesen: Auch auf dem neuen Album reihen sich kunstvoll - assoziative Wortketten, die Sätze schlagen immer mehrere Wege gleichzeitig ein, dehnen sich in entgegengesetzte Richtungen aus, öffnen ein weites Feld zwischen Hoch-, Sub- und Populärkultur: `Siegfried und Roy´ reimt sich hier auf `Sigmund und Freud´.

Mit der Identifizierung der Anspielungen in den Texten, aber auch in den Beats und den Samples könnte man problemlos ein literatur- oder musikwissenschaftliches Proseminar ordentlich zum Schwimmen bringen.

Zwischen Fakt und Fake

Kapitän Ahab und Queequeg aus dem Roman Moby Dick werden als Blaupause angeboten, aber Textor und Quasi Modo könnte man auch verstehen als einen rappenden Don Quixote und seinen unverzichtbaren Sancho Pansa: Ein wortmächtiger und wortwitziger Schlacks, der eher schlecht gelaunt und argwöhnisch seiner Umwelt gegenüber vom Leder zieht.

Denn inhaltlich geht es auf dem neuen Album – wie im Hip Hop ja so oft – um die Positionierung und Selbstbehauptung des lyrischen in diesem Fall des rappenden Ichs in und gegenüber seinem Umfeld. Aber es geht auch um die Auseinandersetzung mit der Komplexität einer Gegenwart, die nicht mehr weiß wo ihr der Kopf steht zwischen Fakt und Fake.

Voll gepackte Wundertüte

Musikalisch steht das Album auf einem mehr als solide groovenden Fundament: Mal rollende Drums, die klingen wie von Afrobeat- Begründer Tony Allen höchstpersönlich geklöppelt; mal Beats, die direkt aus dem New York Ende der 80er Jahre zu stammen scheinen.

Auf „Todesverachtung to Go“ präsentieren Kinderzimmer Productions ihre alten Stärken auf neuer Höhe: Virtuoser Sprechgesang und ein kunstvoller Umgang mit jeglichem Material, sowohl sprachlicher als auch musikalischer Art. Eine voll gepackte Wundertüte aus Texten und Beats, Geräuschen, Tönen, Satz- und Wortfetzen, aus Anspielungen und Zitaten, alles stimmig und mit Swing montiert.

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