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Jazzlegende – Der Jazzklarinettist und Komponist Rolf Kühn ist tot

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AUTOR/IN
Bert Noglik

Er zählte zu den herausragenden deutschen Jazzmusikern, zu den wenigen von Weltformat: Rolf Kühn. Sein Ton auf der Klarinette war unverwechselbar – warm, elegant, swingend, relaxt. Rolf Kühn ist am 18. August 2022 im Alter von 92 Jahren gestorben, wie Ehefrau Melanie Kühn, Bruder Joachim Kühn, die Agentur Jazzhaus Artists und das Label Edel/MPS am 22. August bekannt gaben.

Solist im Orchester von Kurt Henkels

Rolf Kühn konnte auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Geboren 1929 in Köln, aufgewachsen in Leipzig, war seine Kindheit durch Repressionen geprägt, die er als “Halbjude” im Dritten Reich zu ertragen hatte. Bereits in dieser Zeit widmete er sich seiner geliebten Klarinette. Ab den vierziger Jahren spielte Kühn als Solist des Orchesters von Kurt Henkels, damals das Flagschiff des Mitteldeutschen Rundfunks und eine der populärsten Bands Deutschlands.

„Das war im Jahre 1947, schon als die Kurt Henkels Band gegründet wurde, ich war also ganze 18 Jahre alt damals, und wir versuchten mit dem Radio Tanzorchester amerikanische Bands zu imitieren wie Tommy Dorsey, Woody Herman, Benny Goodman und so weiter.“

Bereits damals wagte Rolf Kühn mit seiner Komposition „Rolly's Be-Bop“ Ausflüge in den damals modernsten Stil des Jazz.

eine traurige Nachricht: der Jazzmusiker Rolf Kühn (92) ist gestorben. Er war ein wunderbarer Klarinettist. Und ein feiner Mensch. 2019 habe ich einen Film über ihn und seinen Bruder Joachim gedreht. Zur Erinnerung hier ein paar Bilder und Töne ⁦@3sat⁩ ⁦@ECOMediaTV⁩ https://t.co/UaotZZB848

Eine Lebensreise durch den modernen Jazz

1950 kam Rolf Kühn nach Berlin, wo er Mitglied des RIAS-Orchesters wurde. Mitte der fünfziger Jahre wagte er den Sprung nach Amerika. Als einer der ersten deutschen Jazzmusiker nach dem 2. Weltkrieg fand er Anerkennung im Ursprungsland des Jazz.

Rolf Kühn (Foto: IMAGO, IMAGO / Allstar)
1954 wurde Kühn bei einem europäischen Jazz-Wettbewerb erstmals als „Bester Klarinettist“ ausgezeichnet und sollte diesen Preis auch in den folgenden beiden Jahren verteidigen. IMAGO / Allstar

Er spielte im Orchester seines frühen Idols Benny Goodman und als Nachfolger von Buddy DeFranco in der Tommy Dorsey Band. Anfang der sechziger Jahre kehrte Rolf Kühn nach Deutschland zurück. Von da an begann eine Lebensreise durch die Gefilde des modernen Jazz – von Fusion bis zum Free Jazz.

Inspirierender Dialog mit seinem Bruder Joachim

Dabei gab es stets einen gegenseitig inspirierenden Dialog zwischen dem Klarinettisten Rolf und seinem jüngeren Bruder, dem Pianisten Joachim Kühn.

„Mein Bruder und ich – wir beide sind sehr experimentierfreudig. Wir haben eigentlich alles ausgekostet, was es auszukosten gab.“

Zu den Höhepunkten der Zusammenarbeit zählte die, zehn Tage nach dem Tod von John Coltrane 1966 in New York für das Label "Impulse!" aufgenommene Platte „Impressions Of New York“.

Rolf Kühn hat mit der Crème de la Crème des Jazzrock ebenso wie mit Lee Konitz, Albert Mangelsdorff, Ornette Coleman, Michael Brecker, Dave Liebman, immer wieder auch mit seinem Bruder Joachim Kühn gespielt.

Beständig auf der Suche nach der Erweiterung des Ausdrucks

Schon fast achtzigjährig formierte er die Band "Tri-O" mit Musikern, die seine Söhne oder gar seine Enkel hätten sein können.  Auch damit bekannte er sich eindrucksvoll zum Band der Generationen im Jazz.

Rolf Kühn hat die Jazztradition nie verleugnet, sich aber zugleich beständig auf die Suche nach der Erweiterung des Ausdrucks begeben.

„Ich fand es immer schlimm, wenn Musiker irgendwann ihre Stilart gefunden haben und blieben plötzlich stehen, keine Weiterentwicklung mehr. Das hat mich enorm gelangweilt.“

Eine große Musikerpersönlichkeit

In seinem Schaffen gelang es Rolf Kühn die ganze Geschichte seines Instrumentes im Jazz zu assimilieren – von der swingenden Eleganz eines Benny Goodman bis hin zum Aufbruch in die Bereiche der freien Tonalität.

Rolf Kühn war ein exzellenter Techniker, aber immer weit mehr als das – eine große Musikerpersönlichkeit mit einem völlig unverwechselbaren Spiel voller Brillanz, Wagemut, Souveränität und Schönheit.

Sein Lebenswerk wurde u. a. mit der German Jazz Trophy und der höchsten Auszeichnung des Preises der Deutschen Schallplattenkritik geehrt und 2019 in der TV-Dokumentation “Brüder Kühn – Zwei Musiker spielen sich frei” dokumentiert. Er gab bis zuletzt Konzerte auf den großen Bühnen der Welt von New York bis zur Elbphilharmonie.

Rolf Kühn & Tri-O beim Jazzfest Bonn 2013:

Jazz In Erinnerung an Rolf Kühn – ein Gespräch zu seinem 90. Geburtstag

Kurz vor seinem 90. Geburtstag erzählt Rolf Kühn über seine Kindheit, die Bedeutung von Disziplin und seinen persönlichen Musikgeschmack. Ein Gespräch aus dem Archiv in Erinnerung an die Jazzlegende, die am 18. August 2022 im Alter von 92 Jahren gestorben ist.

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Bert Noglik