Jazz

„Ensemble Fragile“ — Mit Jazz Menschen zum Nachdenken bringen über die Gesellschaft

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Sie wollen dem Jazz seine „Kraft, die Menschen zum Nachdenken zu bringen“ zurückbringen: Saxofonist Christoph Beck und Pianist Patrick Bebelaar spielen als „Ensemble Fragile“ an Orten, die sie in geschichtlich und weltpolitisch heiß diskutierte Zusammenhänge einordnen — darunter der jüdische Friedhof in Wankheim, die Alte Synagoge in Hechingen und der Panzerminen-Gedenkstein in Trier.

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Vor Ort mitten drin in der Geschichte

Auf dem jüdischen Friedhof Kusterdingen-Wankheim bei Tübingen, wurden bis in die 1940er Jahre Jüdinnen und Juden aus der Umgebung beigesetzt. Manche Grabsteine sind weit über 150 Jahre alt und haben noch hebräische Inschriften, Holzverschalungen sollen sie vor der Witterung schützen. Hier haben der Saxofonist Christoph Beck und der Pianist Patrick Bebelaar ihre Instrumente aufgebaut und sich von der Atmosphäre inspirieren lassen.

Herausgekommen ist eine freie Interpretation des Sklavenliedes „The Wayfairing Stranger“, die wegen des Autolärms der nahen Bundesstraße im Studio nachproduziert und mit stimmungsvollen, melancholischen Bildern der Gedenkstätte in Szene gesetzt wurde.

Ensemble Fragile — Jüdischer Friedhof Wankheim

Sklaverei und Zwangsmigration als verbindendes Element

Pianist Bebelaar erklärt die Idee hinter dieser Inszenierung: „Die jüdische Bevölkerung hat nie ganz dazugehört. Die war sozusagen, auch wenn sie schon über Generationen irgendwo gewohnt hat, nie ganz angenommen, ist immer auf der Flucht.“

Hier habe man den Link gesehen zum afroamerikanischen Spiritual, „weil die Afrikaner, die nach Amerika verschleppt und dort versklavt wurden, hatten genau dieselbe Situation. Also Sklaverei wie das jüdische Volk und da war der Fokus Migration, auf der Flucht sein, neue Heimat finden müssen, das sind wichtige Themen.“

Weltpolitische Themen im Jazz interpretieren

Die Grundidee hinter dem Projekt „Ensemble fragile“: Die beiden Musiker wollen visuell und musikalisch Themen anzusprechen, die nicht nur in der Vergangenheit eine Rolle gespielt haben, sondern auch heute relevant sind: Ausgrenzung, Flucht, der Verlust der Freiheit oder auch das Verschmelzen der Kulturen.

Um darauf hinzuweisen, haben sich Christoph Beck und Patrick Bebelaar für eines ihrer Musikvideos die Alte Synagoge in Hechingen ausgesucht. Zu orientalischen Improvisationen fährt die Kamera ganz langsam und nah vorbei an ebenso orientalisch anmutenden Galeriebögen, prächtigen Wandmalereien und einer mit Sternen verzierte Kuppel. Wenn es so gut zusammenpasst, warum dann der Streit im Nahen Osten, fragt das Ensemble Fragile.

Ensemble Fragile — Alte Synagoge in Hechingen

„Dieser Konflikt hat natürlich viele Ursachen“, gibt der Pianist zu. „Aber ich erlebe nie in diesem Konflikt zwischen Israel und den Nachbarstaaten oder den Palästinensern, dass man sich mal überlegt: Wo könnte man eigentlich mal mit Gemeinsamkeiten arbeiten, ähnlich wie bei der EU, anstatt immer nur auf die, auf die Unterschiede zu gucken und wieder ein neues Konfliktpotenzial zu haben.“

Raus aus dem Bildschirm-Filter

Durch den Dialog der Musik mit den Geschichten, die die Orte erzählen, wollen die Musiker dem Jazz seine politische Aussage und Kraft als Klagelied zurückgeben.

Die hat der Jazz, so Patrick Bebelaar, in Zeiten der Pandemie und Livestreams verloren: „Alles ist nur noch durch den Filter des Bildschirms wahrnehmbar. Das ist alles ganz schön und gut zur Zerstreuung, aber im Grunde genommen fehlt eigentlich die Kraft, Menschen zum Nachdenken zu animieren, aufzurütteln.“

Völklingen

Ausstellung „The World of Music Video” im Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Musikvideos sind fast immer am Puls der Zeit und weltweit längst eine eigene, grenzenlos kreative Kunstform. Wie sehr sie Zeitgeschichte und Zeitgeist spiegeln, zeigt die Schau „The World of Music Video“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte.   mehr...

Kunscht! SWR Fernsehen

Gespräch Jüdisches Leben in Laufersweiler lebendig gemacht: Förderkreis der Synagoge mit Obermayer Award geehrt

„Die waren ja alle reich, die konnten alle fliehen.“ Mit diesem so falschen und verharmlosenden Satz über jüdisches Leben in der Nazi-Zeit im Hunsrück sei er früher als Lehrer konfrontiert gewesen, sagt Christof Pies, Vorsitzender des Förderkreises für die Synagoge Laufersweiler im Hunsrück.
Weil der Förderverein mit der Aufarbeitung der Geschichte in Laufersweiler relativ früh dran war, habe er Kontakte mit Überlebenden des Holocaust und ihren Familien und Enkeln herstellen können und viele Dokumente über das jüdische Leben in Laufersweiler erhalten, erzählt Christof Pies. Auf dieser Grundlage konnte das Studien- und Begegnungszentrum in Laufersweiler entstehen, auch weil das alte Synagogengebäude Mitte der 80er Jahre nach kontroverser Debatte nicht abgerissen und unter Denkmalschutz gestellt worden war.
Die Synagoge sei heute ein Teil eines „einzigartigen Erinnerungsensembles“ in Laufersweiler, zusammen mit dem jüdischen Friedhof, einem Weg der Erinnerung und einem Pfad der jüdischen Lyrik. Für seine Arbeit an diesem Ensemble bekommt der Förderkreis nun einen der Obermayer Awards verliehen. Die Obermayer Jewish History Awards wurden von dem amerikanischen Chemiker und Unternehmer Arthur S. Obermayer gestiftet, dessen Vorfahren aus Deutschland stammen. Sie werden verliehen für den Kampf gegen Vorurteile und für die Bewahrung jüdischer Geschichte.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

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