Pop

Eine Reise ins Innere: „The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows“ von Damon Albarn

STAND
AUTOR/IN

Berühmt wurde Damon Albarn in den 1990ern mit seiner Band Blur, die neben Oasis die erfolgreichste der Britpop-Szene war. Dazu kamen vor 20 Jahren sein Projekt einer „Avatar-Band“ mit den Gorillaz. Schließlich noch The Good, The Bad & The Queen, Soundtrack-Arbeiten oder auch das Komponieren einer Oper. Auf seinem neuen Soloalbum zeigt sich der mittlerweile 53-Jährige nachdenklich: Mit „The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows“, übersetzt „Je näher die Quelle des Flusses, desto reiner der Strom“ ist ihm inhaltlich und musikalisch ein intimes, emotionales Album gelungen.

Audio herunterladen (4,3 MB | MP3)

Ein musikalischer Tausendsassa im Lockdown

Vor 30 Jahren wurde er zur Ikone des Britpop — war der lässige, junge Anführer der Band Blur. Heute ist Damon Albarn 53, schon lange bewohnt er neben seinem Haus in England ein weiteres auf Island, besitzt neben dem englischen einen isländischen Pass. Schon als Kind habe ihn die dortige Landschaft, die er im Fernsehen sah, fasziniert. Nun ist sie wie nie zuvor auch in seiner Musik zu hören und zu spüren.

Schwarz-weiß Bild einer Gruppe junger weißer Männer, gekleidet im Stil der 90er Jahre. (Foto: imago images, IMAGO / Allstar)
Mit einer Mischung zwischen Indie-Rock, Grunge, Shoegaze und Madchester-Sound wurde Damon Albarn mit seiner Band „Blur“ in den 1990er Jahren zum Posterboy des Britpop. Ihre Single „Song 2“ läuft nicht nur auf 90er-Themenparties. IMAGO / Allstar

Eine von ihm geplante musikalische Zusammenarbeit endete ungeplant durch den Ausbruch von Corona. Die zwölf Musiker*innen des Ensembles „Stargaze“ mussten Anfang 2020 Island schnell wieder verlassen, und auch Albarn selbst zog es zuweilen nach Devon im Südwesten von England, wo er Teile des Lockdowns verbrachte. Das neue Album sei, so sagt Albarn, in einer persönlich dunklen Phase entstanden. Er kam dennoch zu dem Schluss, dass es trotz aller Tiefschlägen und schlechter Nachrichten, eine reine Quelle geben müsse und besingt sie im Titelsong.

Damon Albarn — „The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows“

Charmante Experimentierfreude

Große Teile des Soloalbums von Damon Albarn klingen wie eine Reise ins Innere und eine Hommage an die Natur. Die Songs sind dabei nicht immer bis ins letzte Detail ausgefeilt. Albarn lässt manche Improvisationen unbearbeitet, experimentiert lieber mit Sounds und Beats, die nicht immer nach ausgefeilter Studiotechnik sondern an mancher Stelle nach billiger Rhythmusmaschine klingen.

Das Ergebnis klingt – und das ist seine Stärke — nicht ramschig, vielmehr charmant und eigen. Auch ein paar jazzige Momente sorgen für Abwechslung, wie im Instrumental-Song „Combustion“, der mit sanften, esoterischen Klängen beginnt und mittendrin zum schräg anmutenden Klangexperiment ausartet

Damon Albarn — „Combustion“

Zurück zur Natur, zurück zum Selbst

Auf Damon Albarns zweitem Soloalbum dominiert trotz einiger schwungvoller, swingender Momente eine melancholische Grundstimmung. Dazu passt, dass er neben eigener Texte Zeilen von John Clare nutzt. Albarns Mutter schenkte ihm als Jugendlicher Werke dieses Dichters aus dem frühen 19. Jahrhundert. Albarn beschreibt ihn als sensiblen Menschen gegenüber der Umwelt und der eigenen Psyche.

Damon Albarn ist für seine Experimentierfreude bekannt, hier 2016 bei einem Auftritt mit dem Syrian National Orchestra beim britischen Glastonbury-Festival: Ein Mann mit einer Tweed-Mütze und einer Gitarre sitzt auf einem Stuhl, im Hintergrund eine Gruppe Streicher, wahrscheinlich ein Orchester. Der Mann und das Orchester sitzen auf einer Bühne. Neben dem sitzenden, weißen Mann steht ein schwrazer Mann gekleidet in bunte, traditionelle westafrikanische Gewänder, er spielt auf einer Art Kalebassen-Gitarre, ähnlich einer ngoni. (Foto: imago images, IMAGO / Matrix)
Damon Albarn ist für seine Experimentierfreude bekannt, hier 2016 bei einem Auftritt mit dem Syrian National Orchestra beim britischen Glastonbury-Festival. IMAGO / Matrix

Er habe es passend empfunden, Clares Zeilen zu singen, zumal „Love and Memory“, also „Liebe und Erinnerung“ exakt die Gründe seien, warum die Menschheit nicht aufgeben, sondern weitermachen würde. Die 12 Songs klingen dabei oft nachdenklich, aber selten niederschmetternd oder gar hoffnungslos. Typisch für Albarn sind kleine Field Recordings, die er unter anderem in „The Cormorant“ einbindet. Der Song beginnt mit Meeresrauschen, später hört man Vögel und sieht den besungenen Kormoran vor sich, wie dieser Albarn beim Schwimmen in Meer beobachtet. Mit „The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows“ ist dem Musiker ein vielseitiges, intimes Werk gelungen.

Damon Albarn — „The Cormorant“

Podcast Das Thema Pop — Neue Alben anders hören

Kann Musik die Welt verändern? Wie passen Religion und Popmusik zusammen? Im neuen SWR2 Podcast „Das Thema Pop“ eröffnen Vanessa Wohlrath und Jakob Bauer einen anderen Blick auf die aktuellen Neuerscheinungen und tauchen tief in die Musik ein.  mehr...

Erklär mir Pop „Ausgang“ von Alex Mayr

Alex Mayr ist nach ihrem Studium an der Mannheimer Popakademie deutschlandweit bekannt geworden. Ihr Debütalbum „Wann fangen wir an?“ produzierte sie mit Konstantin Gropper von Get Well Soon. Im Juli erschien ihr zweites Album „Park“. Für ihre Musik hat Alex Mayr einen neuen Genre-Begriff eingeführt, der diese nach ihrer Ansicht perfekt charakterisiert: Soundtrack-Pop. Udo Dahmen stellt die vielfältige Künstlerin und ihren Titel „Ausgang“ vor.  mehr...

SWR2 am Samstagnachmittag SWR2

Pop Neues Album der Tindersticks „Distractions“: Die Romantik der alternden Männer

Düstere Pop-Romantik, elektronische Klänge und das zurückhaltende Vibrato von Sänger Stuart A. Staples. Seit 1993 pflegen die Tindersticks aus dem englischen Nottingham ihren eigenen Stil. Während andere Bands bei der großen Britpop-Party ausgebrannt sind, haben sich die Tindersticks zu einer Art musikalischem Kunstprojekt entwickelt, das noch immer große Popsongs zustande bringt.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

STAND
AUTOR/IN