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Ein Schauspieler, der singen kann: Tom Schillings neues Album „Epithymia“

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Im Kino kennen wir den Schauspieler Tom Schilling als Darsteller von eher wortkargen Typen, die an sich und der Welt zweifeln. Es mag sein, dass es dem Menschen Tom Schilling ähnlich geht. Im Infotext zur neuen Platte mit seiner Band Die Andere Seite schreibt er jetzt von seinem Gefühl, fremd und heimatlos zu sein, von seiner Sehnsucht nach innerem Frieden, die letztlich eine Todessehnsucht sei. Ist „Epithymia“, so der Titel des neuen Albums, nur ein weiterer Versuch eines Schauspielers, seine Präsenz auf die Bühne der Musik auszuweiten?

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Große Namen verkaufen sich gut

Mit singenden Schauspielern ist das so eine Sache. Als Fan kann man sich von einem Schauspieler ja nichts Bleibendes kaufen, es sei denn er veröffentlicht ein Buch oder eben eine Platte. Und große Namen verkaufen sich gut, auch wenn sie nicht mal sonderlich gut schreiben oder singen können.

Tom Schilling ist da eher die Ausnahme: Er ist nicht nur ein besonderer Schauspieler, er ist auch ein begnadeter Sänger und Songwriter. Am Gesangsmikro verwandelt sich seine etwas undurchdringliche Schauspieler-Aura in eine berührende Verletzlichkeit.

Tom Schilling erinnert an Hildegard Knef

Sehnsucht nach der anderen Seite, Sehnsucht nach dem Tod – es ist klar, wohin die Reise geht. Musikalisch wird tief in die Saiten gegriffen und gehauen, irgendwo zwischen frühem Nick Cave & The Bad Seeds und den Lärmexzessen einer Band wie The Swans. Die Stimme, in der Schilling dazu singt, ist nicht nur so androgyn, sondern auch so hypnotisch wie die der Knef.

Tom Schilling und Band (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
„Epithymia“, das griechische Wort für Sehnsucht, so heißt das Album. Tom Schilling hat es mit seiner alten Band eingespielt, die aber nicht mehr The Jazz Kids heißt, sondern Die Andere Seite. Picture Alliance

Es müsste nicht so laut zugehen

Ein bisschen übertreibt es die Band manchmal. Schillings Worte und sein Vortrag sind stark genug, es müsste gar nicht so laut zugehen. Tom Schilling zeigt sich einmal mehr als außerordentlich feiner Texter und Performer.

Ins Einfache Tiefe zu bringen, das ist vielleicht das Schwerste. Das gelingt auf „Epithymia“ wiederholt – ein Lied wie „Die Weide“, das in 34 kurzen Zeilen ein ganzes Leben umfasst, kann man ohne Übertreibung als meisterhaft bezeichnen.

Tom Schilling singt fast um sein Leben

An anderen Stellen schwingt sich Die Andere Seite fast zu melodiösem Pop auf, wie in der, natürlich auch verzweifelt-düsteren, Drogenballade „Die Königin“. Könnte das ein Hit werden? Schwer vorstellbar, aber wer weiß.

Tom Schilling und Band (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Einfach strukturierte Songs seien ihm nah, sagt Tom Schilling, russische Volkslieder, Hank Williams und Bob Dylan. Und: Schubert. Picture Alliance

Hitverdächtig ist es erst einmal nicht, wie Tom Schilling hier fast um sein Leben singt. Aber er macht das nicht brachial, sondern oft zärtlich, mit vielen Zwischentönen. Das tut manchmal weh und ist auf Albumlänge nicht leicht zu ertragen. Ganz klare Indizien dafür, wie gut diese Musik ist.

Die andere Seite – Single „Das Lied vom Ich“

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