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„Dunkel“, aber wohltuend: Das neue Album der „Ärzte“

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„Dunkel“ ist ein Album, das mit Titel und Texten in diese Zeit passt, die komplexe Gemengelage aufs Einfachste zusammenfasst, ohne dass es wehtut.

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Die lustigste Punkband Deutschlands

Wenn sich die Band auch den Titel der erfolgreichsten Punk-Band Deutschlands mit den Toten Hosen teilen, die lustigste und schlagkräftigste unter den beiden sind sie auf jeden Fall, und ihre Lieder wurden auch noch nicht bei CDU-Parteitagen gespielt.

Während sich andere Bands wie Die Goldenen Zitronen vom Fun-Punk abgewandt haben, weil er ihnen politisch zu uneindeutig war, zeigen die Ärzte immer wieder, dass man auch als Spaß-Punker klare Zeichen setzen und politisch etwas bewirken kann: So jetzt auf „Dunkel“.

Feingeister waren die alternden Punks von Die Ärzte noch nie

Ach, es kann so einfach sein, mit den Ärzten. Ja, es tut gut, in diesen Zeiten einen Song wie „Doof“ von den Ärzten zu hören. In einem Interview hat Ärzte-Mitglied Farin Urlaub den englischen Philosophen Bertrand Russell zitiert: „Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel.“

Hier sind sich einmal die Gescheiten sicher, wer die Dummen sind. In „Kraft“ dagegen liefert das Berliner Trio ein Hymne auf die Macht des Diskurses, in ganz einfachen Worten, und in diesem Song rufen sie ihre Fans auf, am Sonntag zur Wahl zu gehen.

Als Feingeister haben sich die drei alternden Punks noch nie hervorgetan, und sie haben einige üble Sauflieder und frauenverachtende Songs in ihrem Repertoire. Doch die sind alle schon sehr alt, und wie sie jetzt auf „Anastasia“ selbst den Sexismus alternder Männer, und damit auch sich selbst, aus Korn nehmen, macht das einiges wieder gut.

Eine Klammer zwischen Untergrund und Mainstream

Machen sie also alles richtig, Die Ärzte, diese Publikumslieblinge und Quotenstars, die letztes Jahr sogar live im Hamburger NDR-Studio die Tagesthementitelmelodie zur Eröffnung der Sendung spielen durften? Sie machen sehr vieles richtig für eine Band ihrer Größe.

Sie haben einen fantastischen Instinkt dafür, sich nicht anzubiedern. Wie viele Auszeichnungen sie schon abgelehnt oder nicht persönlich abgeholt haben, ist nicht zu zählen. Ebenso haben sie einen Instinkt dafür, das allzu Eindeutige immer wieder zu brechen, da sind sie gescheit im Russelschen Sinne.

Und keiner schafft es wie sie, eine Klammer zu bilden zwischen so etwas wie dem Untergrund und dem Mainstream. Die Künstler*innen ihres Herzens sind meist eher unbekannt und auf ihrem neuen Album hört man beispielsweise die kurdisch-deutsche Rapperin Ebow als Gast.

Nach „Hell“ kommt „Dunkel“, das in diesen Zeiten sehr gut tun kann, aber nicht muss

Vielleicht kann man es Den Ärzten sogar als Strategie auslegen, dass sie trotzdem noch solche Songs schreiben, die eher Pennälerhumor bedienen – damit könnten sie auch noch die weniger Gescheiten unter ihren Fans mitziehen.

Aber wahrscheinlich haben sie selbst Spaß an sowas, die Songs der Ärzte sind ja oft nicht viel mehr als die Vertonung einer Idee, die im gemeinsamen Rumgealbere entstanden ist. Und das ist okay, das hier ist ja immer noch Punk – sie selbst würden bestimmt nichts anderes behaupten, wie soll man auch ein Jahr nach dem letzten Album, das „Hell“ hieß, schon wieder 19 neue Stücke zusammenkriegen.

Jetzt also „Dunkel“, ein Album, das mit Titel und Texten in diese Zeit passt, das die komplexe Gemengelage aufs Einfachste zusammenfasst, ohne dass es wehtut. Nicht jede*r braucht diese Musik, man kann die Dinge auch auf einer anderen Ebene angehen, und mit anderen Tönen. Aber es kann auch sehr gut tun, in diesen Zeiten einen Song wie „Menschen“ zu hören.

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