Gespräch

#DeutschrapMeToo: Was steckt hinter dem neuen Aufschrei in der Rap-Szene?

STAND
INTERVIEW
ONLINEFASSUNG

„Es geht nicht darum, irgendwelche Texte zu verbieten“, sagt Heidi Süß, Rap- und Männlichkeitsforscherin, zur neu aufgeflammten Debatte um Frauenhass und sexualisierte Gewalt im deutschen Rap: „Wir müssen daran arbeiten und darüber reden, was dahinter für eine Mentalität und was für ein Männlichkeitsbild stehen.“

Audio herunterladen (3 MB | MP3)

Zwei junge Männer vor einer Fotowand von Kiss.Fm. Links Capital Bra, rechts Samra. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Geisler-Fotopress | Nicole Kubelka/Geisler-Fotopress)
Bis Anfang 2021 arbeitete Samra (rechts) regelmäßig und erfolgreich mit seinem Rap-Kollegen Capital Bra (rechts) zusammen. Das gemeinsame Album „Berlin lebt 2“ landete 2019 direkt auf Platz 1 der von GfK Entertainment ermittelten Charts. picture alliance / Geisler-Fotopress | Nicole Kubelka/Geisler-Fotopress

#deutschrapmetoo ist schon lange überfällig Sexuelle Übergriffe, Machtmissbrauch oder kursierende Vergewaltigungsvorwürfe wurden lang genug unter den Tisch gekehrt, von Plattenlabels & Rappern durch Schweigen mitgetragen oder Opfer durch teure Anwälte strategisch mundtot gemacht

Es brodelt schon lange

„Nicht überraschend“ findet die Wissenschaftlerin Heidi Süß den Entrüstungssturm und die unzähligen Erfahrungsberichte, die sich unter dem Hashtag #DeutschrapMeToo sammeln. Sie verweist auf eine erste — kleinere — Welle von #MeToo-Berichten aus der Rap-Branche, die 2017 durch mehrere Journalistinnen aus der Szene wie Helen Fares und Visa Vie losgetreten worden war.

Visa Vie zu #DeutschrapMeToo:

Diese hatten damals von übergriffigem Verhalten, unter anderem bei Festivals, durch Stars und Akteure der deutschen Rap-Szene berichtet und die Vorfälle öffentlich gemacht. Die Aufmerksamkeit für dieses Netzphänomen sei 2017 jedoch rasch abgeflaut, so Süß, die an der Universität Hildesheim zum Thema Rap und Männlichkeitsbilder promoviert hat. Außerdem sei es damals noch nicht unter dem griffigen Hashtag #DeutschrapMeToo gelaufen.

„Diesmal ist der Aufschrei größer“, vermutet Heidi Süß. Samra sei derzeit eine große Nummer im Deutschrap — gewesen, und außerdem hätten immer mehr Menschen Zugang zu Social Media und könnten sich mit ihren Erfahrungen melden.

Zudem würden die Vorwürfe von erfolgreichen Akteurinnen aufgegriffen und durch relevante weibliche Sprecherinnen aus der Szene unterstützt. „Da kommt etwas hoch, was schon seit längerem vor sich hin brodelt“, erklärt Süß.

Auf Instagram sammelt @deutschrapmetoo Vorwürfe sexueller Gewalt im Rap-Business:

Jane vom Kollektiv RNTLMS über den Account:

Audio herunterladen (3,2 MB | MP3)

Rapper Gzuz mit freiem, tätowierten Oberkörper bei einem Konzert. Er streckt beide Arme nach oben. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / HMB Media / Markus Kv?ller | Markus Kv?ller)
Rapper Gzuz, bürgerlich Kristoffer Jonas Klauß, von der 187 Straßenbande aus Hamburg ist einer der populärsten Gangsta-Rapper in Deutschland und macht immer wieder mit frauenfeindlichen Textzeilen auf sich aufmerksam. 2019 warf ihm seine Partnerin öffentlich vor, sie zu misshandeln. picture alliance / HMB Media / Markus Kv?ller | Markus Kv?ller

Die Wurzeln des Hasses?

Frauenfeindlichkeit im Rap sei ein komplexes Phänomen, die Ursprünge ließen sich nicht einfach festmachen, gibt die Wissenschaftlerin zu bedenken. Zentral sei vor allem ein „überfrachtetes Männlichkeitsbild“. Mit diesem beschäftigt sich auch das nun von Süß herausgegebene Buch „Rap & Geschlecht“.

„Die ganze Popkultur lebt von eindimensionalen Geschlechterinszenierungen — im Rap ist das nicht anders“, analysiert Heidi Süß. Der sexualisierte Frauenkörper lasse sich gut verkaufen, gleichzeitig würden auch Männerkörper zunehmend ästhetisiert — bekanntestes Beispiel etwa Kollegah, der seit Jahren in den deutschen Charts erfolgreich vertreten ist, zuletzt mit der „Rotlichtsonate“.

Rapper Nimo mit weißem Bucket-Hat und Trainingsanzug bei einem Konzert. Er hält ein Mikrofon vor dem Mund und hat einen Dreitagebart. Scheinwerfer leichten ihn an. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / HMB Media/ Markus Köller | Markus Köller)
Nach scharfer Kritik an seinem Song „Komm mit“ zog ihn Rapper Nimo gemeinsam mit Universal Music zurück und kündigte auf Instagram an, seine Herangehensweise an das Thema Gewalt gegen Frauen in Zukunft zu ändern. picture alliance / HMB Media/ Markus Köller | Markus Köller

„It's not about counting the 'bitches' and 'hoes'“

Süß warnt jedoch: „Man sollte einen nicht zu defizitären Blickwinkel auf den Rap werfen“ — gerade in der Überschneidung zu postkolonialen Diskursen und Interpretationen werde die Selbst-Sexualisierung von Frauen auch zum Empowerment genutzt: „Seine eigene Sexualität neu zu definieren, kann etwas sehr Befreiendes haben.“ Deshalb sei es auch keine Lösung einfach bestimmte Begriffe zu verbieten oder zu zensieren — wie sich auch in der US-amerikanischen Rap-Szene zeige.

Kulturmedienschau Hip Hop ohne Sexismus und Aerobic für den Feminismus | 24.6.2021

Erlebt Deutschrap gerade seinen #MeToo-Moment?, fragt die Zeit. Unter dem Hashtag #deutschrapmetoo wird endlich klar, dass Sexismus und Frauenhass keine Kunst sind. In Hamburg ist man schon weiter, dort zeigt das "Golden Sneakers International Film Festival“, dass Hip Hop mehr sein kann als rassistische und misogyne Texte, die taz stellt das Festival vor. Zuerst geht es in die 80er, als die Haare gut geföhnt waren und der trainierte Körper in bunten Leggings steckte: Die Serie „Physicals“ dreht sich um Aerobic, nicht nur als Sport, der fit macht, sondern als Sport, der Frauen befreit.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kulturmedienschau Nava Ebrahimi mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis geehrt & #DeutschrapMeToo

In Klagenfurt ist das Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis zu Ende gegangen. Die Feuilletons beschäftigen sich allerdings mehr mit dem Debattenniveau der Jury als mit den prämierten Texten. Twitter diskutiert unter #deutschrapmetoo über sexualisierte Gewalt in der Rapszene.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Sachbuch Rap hören und sich als Frau beleidigen lassen? Antonia Baum erklärt, warum sie Eminem liebt

Eminem ist der erfolgreichste Rapper überhaupt. In seiner Musik rappt er über seine Herkunft aus der amerikanischen Unterschicht und über die Frauen, die ihn seiner Meinung nach zu dem kaputten Tayp gemacht haben, der er ist. Sie kommen dabei nicht gut weg. Will man als Frau diese misogyne Musik hören? Die Autorin Antonia Baum liebt Eminems Musik seit ihrer Jugend. Sein Sound helfe ihr, sich in einer männerdominierten Welt zu behaupten. Klingt paradox? In ihrem Buch „Eminem“ erklärt sie nachvollziehbar, warum und wie das eben doch geht.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Gespräch Studie der Universität Bielefeld – Fördert Gangsta-Rap antisemitische Einstellungen?

Über einen Zusammenhang zwischen deutschem Gangsta-Rap und antisemitischen Verschwörungsmythen wird schon lange diskutiert — Texte von Rappern wie Kollegah und Farid Bang, Haftbefehl oder Sido geben reichlich Anlass. Die erste repräsentative Studie zum Thema ist nun von der Universität Bielefeld veröffentlicht worden.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Rap Liebe und Krawall: Das Klavieralbum „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ von Danger Dan

Danger Dan hat keine Staatskrise ausgelöst wie ZDF-Moderator Jan Böhmermann mit seinem Erdogan-Lied. Doch auch der Deutschrapper hat die Grenzen der Kunstfreiheit ausgelotet. In seinem Klavieralbum „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ attackiert Danger Dan, bürgerlich Daniel Pongratz, die AfD und Publizisten der Neuen Rechten. Diese Musik ist beides: Liebe und Krawall.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Pop Zu cool für den Deutschrap: Haiytis neues Album „Influencer“

Haiytis neues Album „Influencer“ ist schon ihr zweites in diesem Jahr. Der Titel könnte auch selbstironisch gemeint sein. Von der Kritik und den Feuilletons wird ihre Musik gefeiert, in der Rap-Szene ist sie eher ein Alien. Haiytis Musik ist wie ein gutes Buch, das man vielen anderen empfiehlt, das aber am Ende nur wenige lesen. Pech gehabt, findet Kristine Hartauer.  mehr...

SWR2 Journal am Morgen SWR2

STAND
INTERVIEW
ONLINEFASSUNG