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Haftbefehl gehört zu den besten deutschen Gangsterrappern. Kaum einer wurde so breit rezipiert wie er, von der Straße bis in die Feuilletons. Allerdings vermag seine neueste Platte, „Das Schwarze Album“ nicht ganz zu überzeugen. „Das Schwarze Album“ wirkt weiter weg von der Straße als frühere Haftbefehl-Alben, auch wenn an einigen durchaus mit alten Stärken aufblitzen.

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Drogenhändler und Mafiosi sind nicht nett, aber Bildungsbürger auf ihre Art

Haftbefehl ist einer der besten, vielleicht der beste Rapper in Deutschland. „Chef“ hat ihn das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen mal genannt. — den Ausdruck „Babo“ hat er dafür selbst geprägt, und damit das Jugendwort des Jahres 2013.

Haftbefehl hat Gangsterrap weit über sein eigenes Milieu heraus anschlussfähig gemacht. Wenn man so will, verkörpert er die humanistische Seite der Halbwelt.

Die Straße ist kosmopolitisch

Immer wieder hat er kurdische, arabische, algerisch-französische Einsprengsel in seiner Musik verarbeitet, und damit spielerisch gezeigt, dass Drogenhändler und Mafiosi zwar nicht unbedingt nett sind, aber auf ihre Art Bildungsbürger.

Mit einem etwas anderen Wissenskanon aus kriminellem Savoir-faire, Musik- oder Film-Referenzen und eben dem babylonischen Sprachwirrwar aus dem sich zeitgenössisches Straßendeutsch zusammensetzt.

„Vom Bordstein zur Skyline“: Kein Sexismus und kein Antisemitismus

Auch wenn der Sexismus-Vorwurf immer wieder gemacht wird, überzeugend ist er in diesem Fall nicht. Der „Babo“ hat zur Sache in zahlreichen Interviews glaubwürdig Stellung bezogen, genauso wie zum Thema Antisemitismus. Nur ein Jahr nach seinem „Weißen Album“ ist jetzt „das Schwarze Album“ erschienen.

Dramaturgisch wird nochmal der klassische Weg des Gangsterrappers nachvollzogen, „vom Bordstein zur Skyline“, um es mit Bushido zu sagen.

Die Schwäche des Albums beginnt beim Bordstein, beziehungsweise in den Plattenbauvierteln voller kaputter Aufzüge, die Haftbefehl im Eingangstrack besingt. Denn natürlich kennt Haftbefehl inzwischen auch die andere Seite der Stadt.

„Dort wo sie leben riecht’s nach Orchideen / Doktorengegend, wo Professoren leben / Dort wo wir leben, will jeder fort von hier / Doch der Tank vom Ford Mondeo bringt uns nicht fort von hier / Bei Dir stehen zwei Porsche in der Einfahrt.“

Haftbefehl lebt in einer Villa in Stuttgart und sammelt Juwelen

Inzwischen ist aus dem kleinkriminellen muslimischen Jungen aus der Großstadt längst ein reicher Westviertelbewohner geworden.

Aus den zahlreichen Promo-Interviews lässt sich herauslesen, dass Haftbefehl mittlerweile eine Villa in Stuttgart bewohnt, wo er Luxusautos und Juwelen sammelt. Das ist menschlich nachvollziehbar, künstlerisch aber nicht unbedingt zuträglich.

Vom Tellerwäscher zum Millionär — ohne Pump-Gun

Während die Rede von Chancengerechtigkeit vielen in sozialen Brennpunkten wie Offenbach wie der blanke Hohn vorkommt, ist Gangsterrap die Selbstermächtigung der sonst Marginalisierten. Haftbefehl hatte sich geholt, was ihm zustand, „wenn nicht mit Rap, dann mit der Pump-Gun“, so ein Titel von 2010.

Es ist schön, dass in diesem Fall Rap gereicht hat — und schade, dass das jetzt zu neoliberalen Du-kannst-alles-schaffen-Besinnungstracks, wie „24/7“ mit Farid Bang, führt.

„Kiff dir nicht die Birne zu, denn dein Verstand ist eine Waffe / Probleme klären mit reden / Anstatt mit Uzis ballern / Der Weg ins Paradies Cho à la Kofi Anaan / Glaub an dich und an Gott und bleib dankbar.“

Fremdprachen- und Slangausdrücke decodieren? Ist nicht mehr nötig

Anstatt mit der Uzi zu ballern, benutzt Haftbefehl an anderer Stelle im Schwarzen Album die Machete. Allerdings scheint er sich auch sprachlich von seinem Ausgangsmilieu ein wenig entfernt zu haben.

Die früher zahlreichen Fremdprachen- und Slangausdrücke, die zu decodieren einen Heidenspaß gemacht hatte, sind fast verschwunden.

Aber freilich: Du weißt, dass es Haft ist… An einigen Stellen macht Haftbefehl dann doch noch was er am besten kann: Düstere, aggressive, wütende Tracks.

„Hater haten, denn ich lebe Leben / Bitch, ich lebe Leben / Bitch, ich lebe Leben / Bitch, ich lebe Leben.“

Da ist sie wieder, die Melodie aus Konsonanten in einer Hook, die in manchen Kreisen sicher schon idiomatisch in die Alltagssprache eingegangen ist. Auch „Das Schwarze Album“ ist eindeutig ein Haftbefehl-Album, wenn auch beileibe nicht das stärkste.

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