Musik & Psyche

Stromae singt über „L'Enfer - die Hölle“ — Depressionen und Suizid-Gedanken im Pop

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Schon in seinem ersten großen Erfolg in den deutschen Charts „Alors on danse“ 2009 zeigte der belgische Rapper und Sänger Stromae sein Talent darin, einen eingängigen Song mit einem tiefgründigen, melancholischen Text zu verbinden. In seiner Single „L'Enfer“ („Die Hölle“) vom im März erscheinenden Album „Multitude“ erzählt er nun von Selbstzweifeln und Selbstmordgedanken. Während psychische Gesundheit in der Gesellschaft erst langsam in den Fokus rückt, ist die Depression im Pop schon lange für viele Künstler*innen Hindernis und Inspirationsquelle zugleich.

Stromae tritt beim 2015 Coachella Music and Arts Festival in Indio, California auf, am 19. April 2015: Ein schmaler dunkelhäutiger Mann mit kurzen Haaren sing tin ein Mikrofon er trägt geomatrisch gemusterte Kleidung in Schwarz-weiß. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / AP Photo | Rich Fury)
Stromae tritt beim 2015 Coachella Music and Arts Festival in Indio, California auf, am 19. April 2015. picture alliance / AP Photo | Rich Fury

Tanzbare Tristesse ist Stromaes Markenzeichen

Paul Van Haver alias Stromae verbinden wir mit fröhlichen Tanznummern, dabei steckt in den meisten seiner Songs bereits eine große Schwermütigkeit gepaart mit Selbstzweifeln: „Papaoutai“ oder „Formidable“ sind neben seiner Durchbruch-Single „Alors on danse“ zwei besonders eindrückliche Beispiele.

„L'Enfer c'est.... la solitude?“

In einem Interview im französischen Sender TF1 nutzte der belgische Künstler nun die Frage der Moderatorin zu seinem neuesten Album, um mit einem Auszug aus seinem Song zu antworten: Er erzählt in „L'Enfer“ zu Klavierbegleitung und einsetzender Elektro-Percussion von der Einsamkeit, die viele Menschen teilen, während sie sich trotzdem weiter einsam fühlen. Er erklärt, unter Selbstmordgedanken gelitten zu haben, dass er nur noch den Suizid als Ausweg aus den Selbstvorwürfen und der Einsamkeit gesehen habe.

Stromae live bei TF1 — L'Enfer

Daneben zeigt Stromaes poetischer, eindrücklicher Song aber auch die Inspirationskraft von Depression und Einsamkeit: Tausende Künstler*innen weltweit haben bereits über ihre Kämpfe mit psychischen Problemen geschrieben und gesungen — und haben damit womöglich beigetragen, die Debatte endlich auch in die Gesamtgesellschaft zu bringen. Wir stellen euch einige vor.

Clara Louise: „Ich kann mich in der Musik fallen lassen“

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Die Singer-Songwriterin Clara Louise aus Lahnstein leidet selbst unter Depressionen und kann gut nachvollziehen, wovon Stromae singt. Lange Zeit habe sie das Thema nicht konkret in ihren Texten angesprochen, so die Künstlerin, aber dann sei sie immer öfter von Fans kontaktiert worden, die einen Bezug zur Depression darin lasen.

„Es war für mich erstaunlich, dass durch die Umschreibungen und Metaphern das doch so viele auch nachvollziehen konnten“, erklärt Clara Louise, die seit ihrer Kindheit mit der Diagnose lebt. Es öffentlich zu thematisieren, sei eine Möglichkeit Vorurteile gegenüber der Krankheit und gegenüber Erkrankten abzubauen und damit auch Hoffnung zu geben: „Für mich ist es auch so, dass die Musik, das Schreiben, auch heilsam ist.“

Linkin Park — One More Light

Für viele junge Menschen, aber auch ältere, die mit psychischen Problemen kämpfen, sind die Songs der Nu Metal-Band Linkin Park eine Trostquelle. Die energiegeladene Musik greift Elemente von Hiphop, Hard Rock und Metal auf, die Texte von Leadsänger Chester Bennington erzählen schonungslos von Schwäche, Einsamkeit, dem Karussell von Selbstvorwürfen und Versagensängsten — und geben trotzdem Hoffnung.

Umso schockierender kam 2017 die Nachricht, dass sich Bennington das Leben genommen hatte. Musiker-Kolleg*innen aus der ganzen Welt zollten dem Sänger Respekt, das Thema Pop und psychische Gesundheit war mit einem Schlag im Rampenlicht.

The Notorious B.I.G. — Suicidal Thoughts

„Suicidal Thoughts“, Selbstmordgedanken, hegt in diesem Song 1994 auch eines der US-Rap-Schwergewichte der 1990er Jahre, Biggie Smalls. Darin ruft der Künstler seinen Labelchef Puff Daddy mitten in der Nacht an, um ihm seinen Selbsthass, Sünden und seine Versagensgefühle zu beichten. Der Song endet damit, dass B.I.G. den Abzug seiner Waffe betätigt.

Als Konzept bereitete dieser letzte Track B.I.G.s Folgealbum „Life After Death“ vor, erhielt jedoch sein schweres emotionales Gewicht für viele Fans erst nach der Ermordung des Künstlers 1997.

Billie Eilish — everything i wanted

Die US-Sängerin Billie Eilish hatte ihren Durchbruch als Prototyp des „angsty teenagers“ mit Selbstzweifeln, was besonders ihr Debüt-Album „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ aus dem Jahr 2019 reflektiert. Ähnlich wie bei Linkin Park, wenn auch bedeutend später, wurden ihre Songs zum emotionalen Ventil einer ganzen Generation zwischen Cyberbullying und „mental health awareness“.

Neben ihren Themen in den Songtexten verbindet Billie Eilish und den belgischen Künstler Stromae eine klassische Zusammenarbeit: Stromaes Agentur mosaert hat für Eilish das Musikvideo zu „hostage“ entworfen und produziert.

Logic — 1-800-273-8255 feat. Alessia Cara, Khalid

Hinter dieser kryptische Nummernkombination, 1-800-273-8255, verbirgt sich die Telefonnummer der Nationalen Hotline für Suizidprävention (NSPL) in den USA. Rapper Logic erklärte, er habe den Song geschrieben, um dieses Hilfsangebot mit seiner Stimme zu vielen Menschen zu tragen. Häufig hätten ihm Fans erzählt, wie ihnen seine Musik das Leben gerettet habe. Dazu habe er dann, ganz direkt mit der Telefonnummer, beitragen wollen, so der Künstler.

Tatsächlich scheint die Taktik aufgegangen zu sein, wie Forscher*innen der Medizinischen Universität Wien nun in einer Studie im British Medical Journal erklären: Sie hatten festgestellt, dass nach Veröffentlichung des Songs im April 2017 sowie nach Auftritten mit dem Song bei den MTV Video Music Awards 2017 und den Grammys 2018 die Zahl der Hotline-Anrufe um knapp sieben Prozent zugenommen hatte. Die Zahl der Selbsttötungen wiederum war um mehr als fünf Prozent zurückgegangen.

Dass Pop und Psyche inzwischen breit debattiert werden, zeigt übrigens auch der WDR mit seinem genau diesen beiden Themen gewidmeten Podcast „Danke, gut.“ mit Miriam Davoudvandi.

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