Casper (Foto: IMAGO, imago/HMB-Media)

Rap

Casper – Ein Musiker, der in keine Schublade passt

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AUTOR/IN
Samira Straub

Mit „XOXO“ lieferte er den Soundtrack einer ganzen Generation, sein Stilmix sprengt die Grenzen der Genres auf und polarisiert auch nach Jahren noch in der Szene: Casper ist ein Musiker, der zwischen den Welten wandelt. Wer ist der Mensch hinter dem Künstler, der oft spöttisch als „Emo-Rapper“ bezeichnet wird?

Casper (Foto: IMAGO, imago/HMB-Media)
Casper wandelt mit seiner Musik zwischen den Welten: Zwischen Rap und Rock, zwischen Ehrlichkeit und Verschlossenheit, zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre. imago/HMB-Media

Casper passt in keine Schublade: Er schafft sich vielmehr seine eigene

Als im Juli 2011 „XOXO“ von Casper auf Platz 1 der Charts schoss, stand die deutsche Rapszene Kopf: Die Sensation war perfekt, der viel gescholtene und oftmals belächelte „Emo-Rapper“ mit der kratzigen Stimme und dem ungewöhnlichen Look hatte es tatsächlich geschafft. Mit düsterem Sound, melancholischen Texten, und Songs, die mehr nach Indie als nach HipHop klingen, hatte der personifizierte Gegenentwurf zum Gangsta-Rap à la Bushido & Co. die Chartspitze erklommen.

Casper ist anders, in vielfacher Hinsicht weit entfernt von gängigen Rap-Stereotypen: Seine Texte, geprägt von Verletzlichkeit und Selbstzweifel, bringen ihm den Ruf des Emo-Rappers ein. Und an seiner Musik, die mit strotzenden Gitarren mehr an eine Rockplatte als an ein Hip-Hop Werk erinnert, scheiden sich die Geister. Der Rapper, der bürgerlich Benjamin Griffey heißt, passt in keine Schublade, nein, er schafft sich gar eine eigene. Casper hatte nie die Absicht, mit seinen Stilmixen zu provozieren. Er wollte vielmehr ein Gesamtwerk fernab jeglicher Klischees und Erwartungshaltungen schaffen – mit Erfolg: „XOXO“ wird zum Album einer ganzen Generation.

Casper (Foto: IMAGO, indiv)
Von Goldkettchen, Baggy-Jeans und sonstigen Rapperklischees keine Spur: Casper kleidet sich in Röhrenjeans und Bandshirts – in seinen Anfangsjahren wird er seiner Frisur wegen ironisch „Justin Bieber des Raps“ genannt. indiv

Casper inszeniert sich nicht wie der Junge von der Straße, der er eigentlich ist

Wegen seiner fahlen Haut von seinem Vater nach dem Schlossgespenst „Casper“ benannt, verbringt Casper seine ersten Lebensjahre in den USA. Sein Vater, US-Soldat, lernt die deutsche Mutter bei einem Einsatz kennen. Er ist selten da, oft im Krieg. Das Geld ist knapp und die Familie lebt am Existenzminimum in einem Trailerpark in Georgia.

Als die Mutter den Vater schließlich verlässt und mit ihren Kindern zurück nach Deutschland reist, ist Casper elf Jahre alt und spricht kein Wort Deutsch. Mit dem neuen Stiefvater läuft es nicht besser, Drogen und Gewalt sind ein Thema im Hause Griffey; alles Erfahrungen, die Casper schon früh zum Texten bringen – auch, um die deutsche Sprache zu lernen.

Die Musik spielt im Leben des jungen Wahl-Bielefelders schon früh eine zentrale Rolle. Musikalisch sozialisiert mit The Smiths, Joy Division oder Morrissey hört man diese teils schwermütigen Anleihen seinen Songs bis heute an. So verwundert es auch nicht, dass sich Casper eine Zeit lang im Metal- und Hardcore Bereich eher den gitarrenlastigen Sounds widmete, ehe er sich voll auf den Rap konzentriert. Ein Andenken ist ihm aus dieser Zeit geblieben: Durch fehlende Gesangstechniken zerstörte er sich in dieser Zeit die Stimmbänder, weswegen seine Gesangs- und Rapstimme bis heute kratzig klingt – sein Markenzeichen.

Casper kam nie im Mainstream an und begeistert dennoch die Massen

Zu Zeiten von „XOXO“ campierten die Teenie-Fans vor Caspers Berliner WG, bei den Konzerten gab es in den ersten Reihen Gekreische und Tränen – nur ein paar Meter weiter hinten jedoch drehen sich die Moshpits im Kreis, wie es auf einer Metal-Show nicht besser sein könnte. Die Konzerte des Rappers und seiner hauseigenen Band sind bis heute das perfekte Beispiel für Caspers Aufsprengung jeglicher Genre-Grenzen.

Er vereint nicht nur ein disperses Publikum, sondern eben auch die verschiedenen Subkulturen in einer einzigen Show. Ob Hip-Hopper, Rocker, junges Mädchen oder Herr Mitte 50: Auf Casper können sich alle einigen. So wirklich im Mainstream ist der Bielefelder Rapper dennoch nie angekommen – wenngleich seine Kunst wie ein wunderschöner Kompromiss einer facettenreichen Musikwelt erscheint, die „echte“ Künstler*innen noch wertschätzt.

Casper auf dem Southside Festival (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / POP-EYE)
Doch die Songs von Casper funktionieren nicht nur im einsamen WG-Zimmer: Mit Hymnen wie „Jambalaya“ oder „Die letzte Gang der Stadt“ begeistert Casper längst die Massen auf den deutschen Festivals – von Rock am Ring bis Splash!. picture alliance / POP-EYE

Zusammenarbeit mit Thees Uhlmann und Blixa Bargeld, Kraftklub

Die Casper-Fans von 2011 sind erwachsener geworden, haben sich weiterentwickelt – genau wie ihr Idol. Das Album „Hinterland“ aus 2013 ist ein weiteres Zeitzeugnis seines eigenen Lebens. Soundtechnisch hat sich Casper verändert, der Sound ist bombastischer und hymnenartiger geworden und das Spektrum der Einflüsse hat sich deutlich verbreitert. Der Vielseitigkeit ist er treu geblieben, musikalisch wie textlich. Von Ton Steine Scherben über Tocotronic, Wir sind Helden oder Die Sterne zitiert er sich auf „Hinterland“ quer durch die deutsche Musiklandschaft.

Caspers Liebe zu anderen Künstler*innen zeigt sich nicht nur in textlichen Hommagen, sondern auch an zahlreichen Zusammenarbeiten: Er machte Songs mit Thees Uhlmann oder Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten, verhalf seinen Stilmix-Kollegen von Kraftklub entscheidend mit zu ihrem Durchbruch oder nahm mit Marteria gleich ein ganzes Album auf.

Casper und Thees Uhlmann bei einem Auftritt (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Jazz Archiv Hamburg)
Casper und Thees Uhlmann bei einer gemeinsamen Performance. Jazz Archiv Hamburg

Momentaufnahmen des Zeitgeists, in denen Casper sein Innerstes nach außen kehrt

Immer wieder thematisiert Casper auch den Trubel um seine eigene Person, der ihm zunehmend zu schaffen macht, spricht offen über seine Depressionen. In Songs wie „Kreis“ verarbeitet er die Probleme, die sein Prominentenstatus mit sich bringt. Was bei Casper hängenbleibt, sind persönliche Songs, die ein sehr sympathisches Bild von einem Menschen zeichnen, der in seiner Kunst offensiv sein Innerstes nach außen kehrt. Casper-Platten sind immer auch Momentaufnahmen des aktuellen Zeitgeists.

Depression war nie tragbar, doch steht uns so gut.

Songs, mit denen man sich identifizieren kann. Songs, die einen mitnehmen und berühren. Eine einschwörende Anti-Haltung beschwört er in seinen Songs genauso herauf wie das Gefühl der Ablehnung: Mit der Zeile „Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen“ eröffnet er sein drittes Album Hinterland. Casper versprüht in seiner Musik Lust an Traurigkeit, gute Laune gibt es nur selten. Er malt sich die Welt in kuntergrau und dunkelbunt, wie er im gleichnamigen Stück von „XOXO“ rappt.

Casper (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / HMB Media/ Heiko Becker)
Casper pflegt zu seinen Fans ein intimes Verhältnis: Regelmäßig spielt er kostenlose Konzerte wie „Catch Casper“ oder beantwortet Fanpost. Es sei ihm ein großes Anlegen, etwas zurückzugeben, so Casper, der für den Support seiner Anhängerschaft sehr dankbar ist. picture alliance / HMB Media/ Heiko Becker

„Alles war schön und nichts tat weh“ heißt das neue Album Caspers

Das 2018 erschienene und an manchen Stellen überproduzierte Album „Lang Lebe der Tod“ wirkte wie ein Zwischenwerk, eine Etappe einer Reise, die eigentlich ein anderes Ziel hat. Das Album machte einen heterogenen Eindruck: Obwohl Casper die Veröffentlichung damals um ein ganzes Jahr verschob, weil er selbst nicht damit zufrieden war, wirkte es unvollständig. Das lässt viel für die neue Platte erahnen:

Es wäre Casper, der in diesem Jahr 40 Jahre alt wird, zu gönnen, dass er mit seiner fünften, nach Kurt Vonneguts Novelle benannten Platte „Alles war schön und nichts tat weh“ zu seinem musikalischen Locus amoenus findet – die Singleauskopplungen lassen dies jedenfalls vermuten. Endlich angekommen? Es wäre ihm zu wünschen.

Casper live bei Rock am Ring 2018:

25. Todestag des Ausnahmekünstlers Rio Reiser und sein musikalisches Erbe

Mit Rio Reiser starb vor 25 Jahren ein musikalischer Wegbereiter, der die deutschsprachige Rockmusik für immer veränderte. Doch die Verschmelzung von Authenzität, Politik und Emotion, die Reiser einst mit einer großen Portion Attitüde kombinierte, lebt weiter: durch zahlreiche musikalische Erb*innen.

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Samira Straub