Musik

alt-J auf „The Dream“ so lässig wie nie

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KÜNSTLER/IN
alt-J
AUTOR/IN
Christiane Falk

Mit „The Dream“ verfestigt sich erneut ein bestimmtes Bild der Band: alt-J bleiben die Nerds der Indieszene, die Band, die auf der Straße nicht erkannt wird und die sich von Skandalen fernhält. Diesmal aber wirken sie lässiger und weniger bemüht als auf früheren Alben.

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Momentaufnahmen aus Zeiten, in denen Corona nur eine Biermarke war

Mit dem unbeschwert klingenden „U & Me“ meldeten sich alt-J im Spätsommer des vergangenen Jahres nach langer Pause zurück. Ein luftiger Popsong, wohltuend in der anstrengenden Coronazeit.

„U & Me“ thematisiert gemeinsam erlebtes Glück, einen Sommer, in dem die lange Tage ideal sind, um gemeinsam Zeit zu verbringen. Im Park, auf Festivals. Im Video dazu stehen die Bandmitglieder auf Skateboards und fallen sympathisch unbeholfen von den dünne Bretten herunter, während anderen Skatern Kunststücke in der steilen Half Pipe gelingen.

Song und Video wirken wie Momentaufnahmen aus Zeiten, in denen „Corona“ nur eine Biermarke war. Diese Leichtigkeit haben alt-J selten so konsequent in ihre Musik einfließen lassen.

alt-J klingen leichtfüßig und dennoch nach sich selbst

Die Band wirkte bislang stets, als überdenke sie jeden Song ganz genau. Spontanität schien den Briten fremd, sie vertonten Schwermütigkeit und komplexe Ideen, die ihrem Indiepop eine Einzigkeit verlieh. Auch diesmal klingen alt-J wie keine andere Band, dabei aber so leichtfüßig, als hätten sie sich von allen Erwartungshaltungen, auch den eigenen, befreit.

alt-J haben – bis vor zwei Jahren Corona das Musikerdasein grundlegend veränderte – zahlreiche Jahre die Welt bereist und auf Festivals jeden Abend vor vielen Zehntausend Fans gespielt. Sie haben Orte gesehen und Menschen getroffen, die sie ohne die Karriere nicht kennengelernt hätten.

Diesmal besingt Sänger Joe Newman die USA, benennt konkrete Orte wie das „Chateau Marmont“ auf dem Sunset Boulevard in Hollywood. Ein legendärer Ort, an dem Jim Morrison von The Doors aus dem Fenster fiel, die Rockband Led Zeppelin die Lobby mit Motorrädern durchfuhr und Schriftsteller wie Hunter S. Thompson zu den Gästen gehörten.

Inspirationen lieferten unter anderem True Crime Podcasts

Die Wildheit und deren Rock'n'Roll Lifestyle haben alt-J nie selbst gelebt, wohl aber wahrgenommen. In mehreren Songs wie in „The Actor“ erinnern alt-J an Tage und Nächte am Pool, sie wissen um Serienkiller-Geschichten, bevor sie an Orte reisen, an denen sich einst spektakulären Morde ereignet haben.

Sänger Joe Newman hat sich, so sagt er, diese Geschichten in True Crime Podcasts erzählen lassen, nun besingt er sie mit seiner seltsamen und unverkennbaren Stimme und fügt hinzu „I'm losing my mind“, übersetzt „Ich verliere meinen Verstand“.

Lässig und wenig bemüht: alt-J bleiben die Nerds der Indieszene

Er erklärt, „Ice Cream“ sei das Codewort, um dabei zu sein, spricht es aber nicht aus, bleibt somit außen vor und beobachtet weiterhin die anderen. alt-J bleiben die Nerds der Indieszene, die Band, die auf der Straße nicht erkannt wird und die sich von Skandalen fernhält.

Diesmal aber wirken sie lässiger und weniger bemüht als auf früheren Alben. Höhepunkt eines durchweg gelungenen Albums ist das phantasievoll arrangierte, groovige „Hard Drive Gold“. Wären die Tanzflächen nicht geschlossen, würde dies einer der Partyhits des Jahres in den Indieclubs werden.

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