Soul-Legende Posthumes Album zum 80. Geburtstag von Marvin Gaye

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Der Soul-Sänger Marvin Gaye, einstiges Zugpferd des legendären Motown-Labels, wäre am 2. April 2019 80 Jahre alt geworden. Doch Gaye wurde von seinem eigenen Vater im Streit erschossen – einen Tag vor seinem 45. Geburtstag. Sein tragischer Tod beendete ein Leben zwischen großen Hits wie „Ain’t no mountain high enough“ oder „Sexual healing“, Depressionen und Drogen.

Jetzt hat das Motown-Label ein Album herausgebracht, das vier Jahrzehnte in den Archiven schlummerte. Die 17 Titel von "You're the man" zeigen sowohl die Zerrissenheit als auch das Genie des sensiblen des Soul-Superstars.

„Wenn man oben angekommen ist, gibt es nur einen Weg – den nach unten“

1972 Marvin Gaye ist 33 Jahre alt und auf dem Zenit seines Erfolgs: Sein letztes Album „What’s Going On“ ist vor einem Jahr in den Charts eingeschlagen. Der Druck, das Niveau zu halten, ist groß. „Wenn man ganz oben angekommen ist, gibt es nur einen Weg – den nach unten“, sagt Gaye später über diese Zeit. Er sei innerlich zerrissen gewesen. Das hört man den 17 Stücken an, die er schreibt. 

Zwischen Imagewandel und Erfolgsdruck

Einerseits will er sich von seinem Image des Womanizers lösen, doch andererseits verkauft sich das gut. Das Label erwartet weiter Hits, bei Motown ist er das Zugpferd. Also schreibt er die Single „You’re the Man“, sie soll Teil eines gleichnamigen Albums werden. Doch die Album-Idee verfliegt gleich wieder, nachdem die Single in den Charts nicht gleich oben einsteigt. Und so verfliegt die Album-Idee wieder.

1983 bei der Eröffnungsnacht in der Radio City Music Hall, New York. (Foto: AP - Nancy Kaye)
1983 bei der Eröffnungsnacht in der Radio City Music Hall, New York. AP - Nancy Kaye

Liebesballaden, die niemandem wehtun

Gaye wirkt auf diesem Album zerrissen, weil er in den ersten Stücken vor allem textlich noch seinen eigenen Weg geht, die Welt anklagt, die Korruption, Arbeitslosigkeit und Gewalt in den USA, dann aber wieder in seine altbewährte Rolle fällt und sanfte Liebesballaden anstimmt, die niemandem wehtun. Wenn es einer kann, dann er - mit seinem 3-Oktaven-Stimmumfang.

Politische Zensur

Bis heute hält sich das Gerücht, das Label Motown habe das Album zurückgehalten, eine Art Zensur, da es zu politisch und kommerziell wenig erfolgversprechend gewesen sei. Das wäre allerdings verwunderlich, da er auf "What’s going on“ deutlich expliziter in seiner Kritik am Vietnamkrieg, der Umweltverschmutzung und Korruption wurde. Und war dieses Album war damals „trotzdem“ erfolgreich.

Marvin Gaye (Foto: dpa - dpa)
Bei den Aufnahmen zu "I Heard It Through The Grapevine" am 10. April 1967. dpa - dpa

Der Vater war streng religiös und gewalttätig

Die Beziehung zu seinem Vater ist seit der Kindheit schwierig. Er ist Pfarrer, streng religiös und gewalttätig. In „Piece of Clay“ verarbeitet das Marvin Gay erstaunlich offen. „Hör auf, mich zu kritisieren“, singt er. Jeder suche sich im Leben jemanden, den er wie ein Stück Ton formen könne, um seinen Willen durchzusetzen. Gaye formuliert einen pädagogisch fortschrittlichen Gedanken: Auch Erwachsene können von ihren Kindern lernen und sie annehmen, wie sie sind. Wir kennen das Ende dieser Geschichte. Sein Vater erschießt ihn im Streit.

Sehnsucht nach Harmonie

Das Album endet sehr persönlich: Marvin Gaye sehnt sich nach Harmonie und nach Weihnachten mit seiner Familie. Er beschließt – von Kokainabhängigkeit und Depressionen gebeutelt – sich zu Hause auszukurieren. In dem Stück „I’m Going Home“ formuliert er diese Entscheidung. Er wolle seinen guten alten Vater in den Arm nehmen, von ihm geliebt werden. Die Welt sei schlecht, nur zu Hause in Detroit scheine die Sonne.  

Marvin Gaye (Foto: - imago stock&people;)
- imago stock&people;

Heilung durch Musik

Diese Hoffnung schnürt einem das Herz zusammen, man durchlebt den Wendepunkt seiner Karriere. Musikalisch fantastisch arrangiert, hier und da sehr funky. Marvin Gaye versprach sich von seiner Musik Heilung – und das dringt durch die Musik bis zu uns, auch wenn wir das Ende kennen. 

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