Jazz Neue Compilation „Kraut Jazz Futurism“: Ist das der neue deutsche Jazz?

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6:00 Uhr
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SWR2

Nicht weniger als ein neues Genre des Jazz glauben die Macher einer aktuellen deutschen Compilation entdeckt zu haben: „Kraut Jazz Futurism“, eine Mischung aus Krautrock, Klassik, Afrobeat und Eletronica, inspiriert von der Lust am Experiment.

 „Ich glaube ein Phänomen zu sehen, was ein Genre werden könnte“, sagt Mathias Modica. Er betreibt in München zwei Musiklabels, hat Jazz studiert, ist dem akademischen Umfeld aber „entflohen“, wie er sagt.

Heute entdeckt er Talente in den angesagten Jazzbars von Berlin, im Donau115, dem Sowieso oder der Zukunft. Hier beobachtet er ein Phänomen, das er „Kraut Jazz Futurism“ nennt.

Eine neue Ästhethik im deutschen Jazz

Kraut Jazz Futurism

Künsterinnen und Künstler der Compilation "Kraut Jazz Futurism" (Foto: Pressestelle, Kryptox/Fabian Kretz)
17 innovative deutsche Künstler stellt die Compilation "Kraut Jazz Futurism" vor. Niklas Wandt orientiert sich in seiner Musik an Krautrock und psychedelischer Elektronik und spielt auf selbstgebauten Instrumenten. Pressestelle Kryptox/Fabian Kretz Bild in Detailansicht öffnen
JJ Whitefield ist einer der angesehendsten deutschen Jazzer. Er war wesentlich beteiligt an der Wiederentdeckung der ghanaischen Afro-Funk-Legende Ebo Taylor. Pressestelle Kryptox/Stephanos Notopoulos Bild in Detailansicht öffnen
Karaba aus München haben den Sound legendärer deutscher Krautrockbands wie Popol Vuh, Embryo und Amon Düül verinnerlicht. Pressestelle Kryptox Bild in Detailansicht öffnen
Auf der Platte ist auch Keope. Ihre experimentelle Musik hat starke Elektronik-Einflüsse. Ist das noch Jazz? Kryptox Bild in Detailansicht öffnen
Auch die Gruppe Oracles mischt Afrobeat, Krautrock und Electronica. Pressestelle Kryptox/Felix Schröder Bild in Detailansicht öffnen
Der 24-jährige Ralph Heidel hat in München Saxophon und Komposition studiert und schreibt Musik für achtköpfige Orchester - Kammermusik trifft auf Jazz. Pressestelle Kryptox/Markus Burke Bild in Detailansicht öffnen
Die Harfenistin Sissi Rada macht Musik zwischen Jazz und Electronica. Sie spielt für den DJ David August, aber auch bei Teodor Currentzis' musicAeterna. Pressestelle Kryptox Bild in Detailansicht öffnen
Martin Stimming (links), einer der bekanntesten deutschen Musiker der elektronischen Musik und der Pianist Per Lambert machen auf "Kraut Jazz Futurism" gemeinsame Sache. Pressestelle Kryptox/Andreas Hornoff Bild in Detailansicht öffnen
Torben Unit Band ist die Band um den Berliner Produzenten, DJ und Bassisten Max Graef: Die Musik ist eine Mischung aus Hip Hop, Funk und Psychadelic. Pressestelle Kryptox Bild in Detailansicht öffnen

Fast alle der 17 jungen deutschen Talente, die Modica auf der Compilation vorstellt, sind unter 30 und klassisch ausgebildet. Aber alle grenzen sich davon ein Stück weit ab, kreuzen Klassik und Jazz hörbar mit der elektronischen Musik, mit der sie aufgewachsen sind.

Anders jazzen mit Ableton Live

„Die alte deutsche Jazzszene hat eine andere Haltung zu Jazz als ein 25-jähriger, der zwar Saxophon studiert hat, aber genau weiß, wer Flying Lotus ist und was man mit Ableton Live machen kann."

Mathias Modica, Label-Chef und Herausgeber

„Ich glaube, dass die alte deutsche Jazzszene und die etablierten Jazzlabels eine andere Haltung zu Jazz haben“, so Modica. Eine andere, als etwa ein 25-jähriger, der zwar Saxophon studiert habe, „aber genauso gut weiß, wer Arca ist, wer Flying Lotus ist und was man mit Ableton Live machen kann.“

Mit der Software Ableton Live produziert man Musik am PC und auch die Musikproduzenten Arca und Flying Lotus sind Instanzen der elektronischen Musik.

Zwischen Berghain und Kamasi Washington

„Die Leute, die ich in neuen Berliner Jazzlocations treffe, treten diesen neuen Sachen viel aufgeschlossener und unkritischer entgegen, als es die Professoren taten, die ich am Jazzinstitut in München hatte“, findet Modica weiter.

"Es ist diese komplette Abenteuerlust, die man hat, wenn man in Berlin Neukölln lebt und sich zwischen Berghain und Kamasi Washington orientiert."

Mathias Modica, Label-Chef und Herausgeber

Diese „akademisch-deutsche Haltung“, wie Modica sie nennt, sei etwas ganz anderes als jene „komplette Abenteuerlust, die man hat, wenn man in Berlin Neukölln lebt und sich zwischen Berghain und Kamasi Washington orientiert.“

Kamasi Washington ist der begnadete Saxophonist beim herrlich experimentierfreudigen Label Brainfeeder in Los Angeles. Das Label ist Modicas Vorbild, weil man auch hier Jazz und Electronica verbindet.

Afrobeat statt US-Soul

Kamasi Washington hat in Deutschland Platinstatus erreicht. So heften sich die 17 deutschen Jazzer an seine Fersen. Nur dass sie sich - anders als die Vorbilder aus L.A. oder London - nicht so sehr an Hip-Hop und Soul orientieren, sondern an Afrobeat und den Rhythmen des afrikanischen Kontinents.

Der prominenteste Vertreter auf der Compilation ist JJ Whitefield, weltweit einer der angesehensten deutschen Jazzer. Er war auch wesentlich beteiligt an der Wiederentdeckung der ghanaischen Afro-Funk-Legende Ebo Taylor.

"Die meisten Künstler auf der Compilation fanden Can viel wichtiger als McCoy Tyner und Pharoah Sanders weniger relevant als Amon Düül."

Mathias Modica, Label-Chef und Herausgeber

Typisch deutsch: Krautrock

JJ Whitefield mischt Afrobeat mit Krautrock. Für viele der 17 Musiker auf der Platte ist das deutsche Musikerbe eine wichtige Inspirationsquelle. „Es ist doch relativ langweilig, deutsche Möchtegern-John Coltranes wieder aufzubringen“, sagt Modica.

Can und Amon Düül, die wegweisenden deutschen Krautrockbands der 68er, seien für die Künstlerinnen und Künstler auf der Compilation viel relevanter als Jazz-Urgesteine wie McCoy Tyner oder Pharao Sanders.

Dieser deutsche Crossover-Jazz mit Krautrock, Klassik, Afrobeat und Electronica verdient es ebenso wie ein Kamasi Washington, hierzulande Hallen zu füllen. Kein neues Genre, dieser Kraut Jazz Futurism, eher eine neue Haltung: das Moderne selbstverständlich mit dem Musikerbe zu mischen. Das klingt fantastisch.

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