Jazz „Common Practice“ vom Ethan Iverson Quartet und Tom Harrell

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Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Das „Village Vangard“ ist ein ganz besonderer Ort an einer belebten Straßenecke in New York. In dem Jazz-Club gibt es gerade einmal 123 Sitzplätze, denn er ist wie ein Keil zwischen der siebten Avenue und einer Seitenstraße eingeklemmt.
In der spitzen Ecke werden die Musiker positioniert und das Publikum geht auf Tuchfühlung.

Ein intimer Zwischenraum

Als Tom Harrell an diesem Abend seine ersten Töne hauchte war die Spannung im Raum greifbar. 1946 in Illinois geboren, ist er ein legendärer „old man with his horn“. Der Trompeter, der seit Jahren mit einer schweren psychischen Erkrankung kämpft, schaffte es einen intimen Zwischenraum zu öffnen, in dem sich Publikum und Interpret begegneten.



Vor Jahren gab Harrell in einem seiner seltenen Interviews einen Hinweis, wie er seine Magie mit dem Instrument entfaltet.

Ich vergleiche die Trompete immer mit dem Yoga, denn es gibt da eine ähnliche Atemübung die man auch beim Spielen sehr gut einsetzen kann. Es gibt auch eine spirituelle Ebene, denn die Musik zwingt einen dazu, sich mit sich selbst zu beschäftigen.
Dann ist da noch der Aspekt der Disziplin. Jeden Tag mit Übungen zu verbringen ist essentieller Bestandteil meines Lebens. 

Tom Harrell

Jazz-Klassiker in ausgereifter Interpretation

Tom Harrell ist auch ein produktiver und sehr guter Komponist. Doch für das Programm im Village Vangarde hatte der Pianist Ethan Iverson auf dessen Stücke verzichtet. Er wollte mit seinem Quartett und dem Trompeter vorwiegend Jazz-Klassiker interpretieren.

Das Kalkül ging wunderbar auf. Da spielt niemand Stücke runter sondern präsentiert lang ausgereifte Interpretationen.

Live-Aufnahme wie aus einer Schuhschachtel

Das Label ECM ist berühmt und auch ein wenig berüchtigt für seinen hyperästhetischen Klang. Im Normalfall hält man ein Hochglanz-Produkt in den Händen, bei dem der Sound ganz genauen Vorgaben folgt. Es gibt stets eine kleine Extra-Portion Nachhall, alles klingt rund und schön so wie es den Vorstellungen des Produzenten entspricht.

Bei dieser Aufnahme konnten die Macher aber ihre Maßstäbe knicken - und das ist gut so. Das Village Vanguard ist ein Jazz-Lokal, das so trocken klingt wie eine Schuhschachtel.

Auch das Publikum konnte man nicht auf die Straße auslagern, es applaudiert und hüstelt gut gelaunt vor sich hin. Gerade deswegen ist aber die CD „Common Practice“ eine sehr gute Produktion geworden.

Das Quartett von Ethan Iverson agiert hellwach an der Seite von Tom Harrell. Den Trompeter live zu erleben ist nicht weniger als ein Geschenk.

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