Jazz-CD Posthume CD von Miles Davis: „Rubberband“

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Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Die neu herausgekommene CD „Rubberband“ von Miles Davis mit Archivmaterial der 1980er Jahre kann nicht mit seinen Meisterwerken mithalten. Miles Davis zeigt sich als fast einziger wirklich musikalisch, die Rhythmen sind steif und es gibt keine melodische Tiefe – Ein digital retuschierter Abklatsch der Trompetenlegende.

Durchgestylte Pop-Produktion

Mit „Tutu“ gelang Miles Davis ein veritables Meisterwerk. Es war seine erste voll durchgestylte Pop-Produktion. „Rubberband“ kann da nicht mithalten. Das liegt weniger am Repertoire: Es reicht vom knackigen Funk über Schmuse-Soul und komplexen Heavy-Rock-Beats bis hin zum Gute-Laune-Calypso. Das liegt auch weniger am Trompeter. Souverän segelt Miles in knappen Soli über eingängige Pop- und Rock-Songs.

Produzenten mit Material heillos überfordert

Miles Davis ist hier fast der Einzige mit einem musikalischen Gesicht. Der Trompeter bewegt sich in einer klanglichen Kulisse, die einer Retorten-Landschaft gleicht. Die Produzenten Vince Wilburn, Randy Hall und Attala Zane Giles, von denen das meiste Material stammt, zeigen sich als Komponisten und Arrangeure heillos überfordert.

Vorglühen für „Tutu“

Die Tracks sind frappierend krude strukturiert: steif die Rhythmen, es fehlt an melodischer Tiefe und attraktiven Vamps. Doch das Album hat auch helle Momente. „Rubberband“ ist ein vorsichtiges Vorglühen für „Tutu“. Wir erleben einen Pop-Miles im Such-Modus. Drei instrumentale Tracks kommen noch im hochgezüchteten Funk-Stil daher – Miles‘ bevorzugte Klangmarke Anfang der achtziger Jahre.

Die übrigen acht Tracks weisen schon in jene Richtung, in die Miles nun fast ausschließlich gehen wird. Es sind afro-amerikanisch codierte Pop-, Soul- und Funk-Songs, eingängig garniert mit kurzen Soli und dem unvergleichlichen Trompeten-Sound des Schwarzen Prinzen.

Posthume digitale Retusche

„Rubberband“ wurde zu Miles‘ Lebzeiten nie fertiggestellt. Zwar erwog er kurz vor seinem Tod 1991 noch eine Wiederaufnahme des Album-Projekts. Die Idee, den Vokalisten Al Jarreau und den Altsaxofonisten David Sanborn einzubinden, wurde jedoch nicht umgesetzt. So haben Vince Wilburn und Randy Hall nachträglich noch mal kräftig an den Aufnahmen geschraubt, sie haben Rhythmus- und Bläser-Parts hinzugefügt, ebenso zahlreiche Vokal-Tracks. Eher unbeholfen wirkt dabei der Griff in die Puderdose der Digitaltechnik. Grob fährt der Botox-Stift über die Maske. Anders gesagt: Wir haben es mit einem Album zu tun, das nur zum Teil von Miles Davis stammt. „Rubberband“ gleicht einem Miles-Portrait, das nachträglich retuschiert wurde. Wie so oft, wenn viel kosmetischer Wille herrscht, passieren dabei Photoshop-Fails.

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