CD-Tipp Fire! Orchestra: Neues Album „Arrival“

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10:05 Uhr
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SWR2

„Arrival“ heißt das aktuelle Album vom „Fire! Orchestra“. Die Skandinavier um den Saxofonisten Mats Gustafsson lieben es großformatig. Free Jazz, Psychodelic Rock, Heavy Metal, Noise – und neuerdings sind auch kammermusikalische Nuancen zu hören. Jazzredakteurin Julia Neupert stellt das Album vor.

Transparenter und klangfarbenreicher als je zuvor

Sachte lodert es auf: Mit einer einsamen, melancholisch fahlen Melodie einer Violine eröffnet das Fire! Orchestra „Arrival“ und sofort ist klar: Auf ihrer 4. Veröffentlichung schlägt das Ensemble neue Töne an: Transparenter und klangfarbenreicher als je zuvor – zur aktuellen Bandbesetzung gehören jetzt drei Geigerinnen und ein Cellist – bei den Blasinstrumenten dominieren dazu die tiefen Register. Immer wieder wird über weite Strecken frei improvisiert – rhythmisch ungewohnt lose und weniger kompakt als früher. Aber  – irgendwann kommt er nach dem Intro doch – der typische Fire! Orchestra Groove.

Nach vier Minuten sind auch sie endlich da: die beiden Stammsängerinnen der Band, Sofia Jernberg und Mariam Wallentin. Die beiden Schwedinnen sind jede für sich ein stimmliches Ereignis: Jernberg mit ihrem kristallinen Sopran und Wallentin als kraftvoll-souliger Alt. Im Duo aber entwickelt dieses Gespann eine wirklich außergewöhnliche Qualität, die den Ensemble-Sound maßgeblich mitbestimmt.

Eher Rockband als Jazzgruppe

Was bei traditionellen Bigbands der flotte Swing und die fröhlich-geschmeidigen Bläsersätze – sind beim Fire! Orchestra druckvolles Powerplay und eine eher ausgelassen raue Grundstimmung. So gesehen einleuchtend, dass sich die Musiker*innen weniger als Erben von Duke Ellington, Benny Goodman oder Count Basie sehen, sondern eher als eine Rockband – verpflichtet der hypnotisierenden Psychedelic Rock Ästhetik der 1960er Jahre.

Rock, Soul & Free Jazz

Zum Rock kommt beim Fire! Orchestra der Soul – und die entgrenzende Kraft des Free Jazz. Klingt paradox? Ist es auch – denn eigentlich schließen sich Groove, die harmonische Übersichtlichkeit von Songs und formsprengender Anspruch aus. Definitiv ist es eine Herausforderung, diese Dinge miteinander zu verbinden und nicht ganz ungefährlich – das kann plump oder kitschig werden. Aber die in gemeinsamer Ensemblearbeit entstandenen Arrangements changieren souverän zwischen festen Rahmen, freien Improvisationen und gelegentlichen Klangexplosionen. Die kommen manchmal unerwartet – aber nie unlogisch.

Skandinavische Supergroup

Das Fire! Orchestra gilt in Jazzkreisen als skandinavische Supergroup – mit dem Fire! Trio um Mats Gustafsson, Andreas Werliin und Johan Berthling als Kern. Immer wieder laden sie aber auch internationale Gäste ein, beim aktuellen Projekt ist zum Beispiel die fantastische portugiesische Trompeterin Susana Santos Silva dabei.

Trompeterin Susana Santos Silva (Foto: Imago, Rudolf Gigler)
hat sich nach dem Studium bei Reinhold Friedrich in Karlsruhe immer mehr dem Jazz und der Improvisation gewidmet: Susana Santos Silva Imago Rudolf Gigler

Das konsequenteste Album vom Fire! Orchestra

Thematisch geht es auf „Arrival“ um Liebe. In all ihren emotionalen Schattierungen, mit all ihren komplexen Beziehungsgeflechten und individuellen Abgründen. „At last I am free“ ist übrigens eine von 2 sehr gelungenen Coverversionen auf dem Album – vielen vielleicht durch eine andere Coverversion von Robert Wyatt bekannt, aber hier auf wundersame Weise selbstverständlich noch mal komplett verwandelt.

„Arrival“ ist bis jetzt in vielerlei Hinsicht das konsequenteste Album vom Fire! Orchestra – stilistisch kaum noch verortbar, hochenergetisch und trotz experimentellen Aus- oder sogar Höhenflügen durchgängig erdverbunden. Übrigens – auch wenn schon im Frühsommer erschienen – die beste Hörsaison für das Album beginnt, erst jetzt: im dunkelbunten Herbst.

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