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Verfilmung von Klassik-Konzerten Neue Perspektiven im Konzertsaal

Herausragend spielen reicht nicht mehr: Das Konzert eines Orchesters soll zunehmend auch spannendes Bildmaterial liefern. Wie kann das am besten gelingen? Um diese Frage ging es Mitte April schwerpunktmäßig bei der Fachtagung „The Look of Sound“ an der Mannheimer Popakademie.


Man kann bei einer filmischen Konzertaufzeichnung einfach die Kamera aufs Orchester halten und alles chronologisch, mit ein paar Zooms dazwischen, präsentieren. Ein bisschen langweilig, aber durchaus üblich.

"It is not sex by internet"

Man kann aber auch mitten im Konzert anfangen, das Bild erst mal auf den Kopf stellen und mit der Kamera schwindelerregende Fahrten über das Orchester und durch den Raum machen. Und dann, nach nicht mal einer Minute: Schnitt – und der Dirigent des Abends, Teodor Currentzis, sagt mit Blick direkt in die Kamera: "Music is to make family. It is not sex by internet", "Musik bedeutet, eine Familie zu gründen und nicht Sex im Internet zu haben".

Dieses Statement stammt aus einem vorab geführten Interview mit Currentzis und der Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Und es bleibt nicht der einzige Ausschnitt aus diesem Gespräch, der mitten in die Musik hineingeschnitten wird. Immer wieder versuchen die beiden, ihre künstlerische Herangehensweise zu erklären. Sie wird inszeniert als Widerstand gegen das Übliche und Perfektionistische. Als Kampf mit dem Mittel der Schönheit. "Beauty is a Crime", „Schönheit ist ein Verbrechen“ so lautet der Titel diese Konzertverfilmung.

Trailer: "Beauty is a Crime" mit Currentzis und Kopatchinskaja


Mehr als Tonaufnahme mit Bild

Regisseur dieses rauschaften und absolut geglückten Films über eine rauschhafte und absolut geglückte musikalische Zusammenarbeit ist Ralf Pleger. Mit seiner vor drei Jahren gedrehten Produktion für Arte wurde bei der Mannheim Tagung „The look of sound“ die Diskussion darüber eröffnet, wie das geht, ein Konzert visuell abzubilden. Dazu Ralf Pleger: "Wir wissen ja, dass dieses Genre Schwachstellen hat. Und die sind zum Teil dadurch bedingt, dass es schwer ist, in einem vollbesetzten Konzertsaal Kameras unterzubringen, die sich auch noch bewegen sollen. Und dann wirkt das Ergebnis eben sehr statisch und nicht wie ein eigenes filmisches Ereignis."

Dass ein Film von einem Konzert mehr als nur eine Tonaufnahme mit Bild sein soll und kann, darüber sind sich alle Tagungsteilnehmer einig – vom Programmverantwortlichen und Musiker bis hin zur Produzentin und Regisseurin. Doch wie kommt dabei etwas Gutes heraus? Es ist gerade überall ein großes Suchen und Experimentieren. Die gute Nachricht ist immerhin: Der Klassikbetrieb hat die Chance, weniger elitär und mehr gehört zu werden.

Trailer: Rhythm is it! – Beispiel für einen gelungenen Musikfilm


Orchestermusiker sind gespalten

Claudia Cellarius, Redakteurin beim Norddeutschen Rundfunk, hat beobachtet, dass die Orchestermusiker inzwischen auf die neuen Herausfoderungen erstaunlich offen reagieren: "Bei den Orchestern tut sich ganz viel. Ich habe bisher keine Beschwerde gehabt über eine Kamera, die zu nah an einem Musiker steht oder Ähnliches. Ich habe das Gefühl, auch den Orchestern ist klar, dass sie, wenn sie medienübergreifend wahrgenommen werden wollen, gewisse Dinge in Kauf nehmen müssen."

Der Regisseur Enrique Sánchez Lansch, der mit "Rhythm is it" bereits einen großen Musikfilm-Erfolg verbuchen konnte und 2017 einen sehr einfühlsamen Film über Mahlers neunte Sinfonie gemacht hat (Ausstrahlung am 21.4.18 im Ersten), erzählt allerdings von ganz anderen Erfahrungen. Er wollte bei Mahlers Neunter ganz nah an die Emotion dieses Stücks ran. Dafür arbeitete er beispielsweise mit Einblendungen von den mächtigen Bergen, auf die Mahler beim Komponieren geblickt und den existentiellen Fragen, die dieser sich dabei gestellt hat. Vor allem aber arbeitete Sánchez Lansch mit sehr intimen Aufnahmen der Orchestermusiker – auch oder gerade, wenn sie nicht spielten.

"Die Orchestermusiker waren nicht immer begeistert davon, dass sie so nah gefilmt wurden." (Regisseur Enrique Sánchez Lansch)

Ein allgemeingültiges Rezept für eine gelungene Konzertverfilmung hat natürlich niemand gefunden bei der Mannheimer Tagung „The Look of Sound“. Aber immerhin: Die Beispielfilme haben gezeigt, dass da sehr, sehr viel möglich ist.

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