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Multimediales Portrait von „Hitlers Pianistin“ Elly Ney Sehenswerte Dokumentation

DVD- und CD-Tipp vom 26.10.2017

DVD- und CD-Cover Ney

DVD

Titel:
Mondscheinsonate | Die Volkspianistin Elly Ney | Elly Ney performs Ludwig van Beethoven | First Release on Audio Disc
Label:
Arthaus Musik 04058407093367

„Am Abend des 14. November 1940 sendet der Reichssender Berlin die „Mondscheinsonate“. Zur gleichen Zeit starten deutsche Bomber mit Kurs auf die englische Industriestadt Coventry. Beethovens Musik gibt dem Luftangriff seinen Namen: „Operation Mondscheinsonate“.

Es ist die Pianistin Elly Ney, die an diesem Abend am Klavier sitzt. Sie tut das nicht, weil man sie dazu gedrängt hätte. Den Soundtrack zum Morden liefert sie aus voller Überzeugung. Michael Custodis, Professor für Musikwissenschaft an der Universität Münster:

„Elly Ney fühlte sich mit ihrem Gedanken von der Vorherrschaft der deutschen Musik, auch von Beethoven als der Leitfigur, natürlich im Dritten Reich, in der Ideologie sehr zuhause. (…) Und sah in den Nationalsozialisten und ihrer Ideologie so viele Gemeinsamkeiten, dass sie sich gern in den Dienst des Staates gestellt hat.“

Wer war diese Künstlerin? Und wird ihre Rolle in der Nazi-Zeit das einzige sein, was von ihr bleibt? Der Dokumentarfilm von Axel Fuhrmann geht diesen Fragen nach.
Geboren in 1882 Düsseldorf, aufgewachsen in Bonn, vom Vater, einem Feldwebel in strenger Disziplin erzogen, begeistert Elly Ney sich früh fürs Klavier und für Ludwig van Beethoven. So sehr, dass Sie in einer Nacht- und Nebelaktion von zuhause wegläuft, um in Wien zu studieren.

Die 20er Jahre verbringt Elly Ney größtenteils in den USA, gibt umjubelte Konzerte, macht Schallplattenaufnahmen, die die Verkaufszahlen der Firma Brunswick angeblich verdoppeln. Die flammende Begeisterung für die Nazi-Ideologie und Adolf Hitler nützt ihr, als sie in den 30er Jahren wieder nach Deutschland zurückkehrt. Ihr Führer versorgt sie mit einer Professur in Salzburg, die Pianistin spielt im Gegenzug bereitwillig Konzerte vor Soldaten überall dort, wo die Wehrmacht einmarschiert. Nach dem Krieg pflegt Ney am Starnberger See die großbürgerliche Attitüde.

„Und sie hatte so Bedienstete um sich rum, das waren Frauen, die sich sozusagen Elly Ney hingegeben haben. Die eine hat sicher mehr den Haushalt gemacht. Und ich erinnere mich sehr gut an eine andere, die war Pianistin gewesen und hatte sicher eine Karriere vor sich und hat diese Karriere aufgegeben um Elly Ney zu dienen.“

So erinnert sich Andreas Hölscher, Sohn des Cellisten Ludwig Hölscher, Elly Neys langjährigem Kammermusikpartner. Er ist einer der Zeitzeugen, die im Film zu Wort kommen, neben Experten wie etwa der Pianistin Ragna Schirmer, die Neys Klavierspiel analysiert. Der Film ist nicht frei von Peinlichkeiten: Etwa wenn eine Graphologin anhand von Neys Briefen Küchenpsychologie über deren angeblich Amazonenhaften Charakter der Ney erzählt, oder Szenen aus der Kindheit der Pianistin nah an der Kitschgrenze nachgestellt werden. Insgesamt ist die Dokumentation trotzdem sehenswert, das eigentliche Ereignis der Box aber ist das enthaltene Radiofeature.

„Das mit der „Mondscheinsonate“ war ja wieder typisch.“

„Elly Ney und ihr Chauffeur. Tonbandprotokolle aus der Limousine“, so der Titel. Neys Chauffeur Fritjof von Bodhungen, der auch im Film zu Wort kommt, hat dafürTonbandaufnahmen zur Verfügung gestellt, die er auf seinen Fahrten mit der greisen Künstlerin gemacht hat. Am Rückspiegel des Wagens baumelte ein Mikrofon. Und traf auf ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis im rheinischen Tonfall:

„Also, dieser Anlauf da hin // Mmh. // der darf ja nicht übereilt werden // Mmh // Es heißt (singt). Da macht der (singt). Man hört die Läufe gar nicht, die da hinaufgehen. // Mmh. // Man weiß also gar nicht, was da vorbereitet ist zu diesem sforzato.“

Das Feature konzentriert sich ganz auf die Tonbandaufnahmen, ergänzt nur durch Briefzitate Neys und O-Töne ihres Chauffeurs, verzichtet bewusst auf kommentierende Einordnung. Und das funktioniert ausgezeichnet. Die Sendung gibt zum Einblick in Neys Alltag als reisende Pianistin:

„Das Hotelzimmer war voll von Zeug. Unter vier Koffern ging es nicht.“

... und zeigt außerdem, dass von Reue über ihre Rolle in der NS-Zeit bei Ney keine Rede sein konnte. Im Gegenteil.

„Ich war überhaupt auf der schwarzen Liste bei den Nazis! Und nach ‘45, als man dachte der Alpdruck ist vorbei, da ging auf einmal die Hetze gegen mich los.“

Uneinsichtig bis zum Schluss. Es wird wohl das sein, was von ihr bleibt – ein Beispiel dafür, wie sich eine typisch deutsche, kunstreligiös verschwiemelte Musikauffassung, bereitwillig der Diktatur andient und hinterher selbst Opfer gewesen sein will.

DVD- und CD-Tipp vom 26.10.2017 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

Im Programm

1. Preisträgerkonzert des 68. ARD Musikwettbewerb 2019,
ausgetragen in den Fächern Klarinette, Violoncello, Fagott und Schlagzeug
Münchner Rundfunkorchester
Leitung: Valentin Uryupin
(Konzert vom 18. September im Münchner Prinzregententheater)

Musikliste:

Ferran Cruixent:
Focs d'artifici
Aurélien Gignoux (Frankreich/Schweiz, 2. Preis Schlagzeug)
Carl Maria von Weber:
Fagottkonzert F-Dur op. 75
Theo Plath (Deutschland, 3. Preis Fagott)
Elliott Carter:
Klarinettenkonzert
Han Kim (Südkorea, 2. Preis Klarinette)
Robert Schumann:
Klarinettenkonzert a-Moll op. 129
Sihao He (China, 3. Preis Cello)

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