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Literaturnobelpreis für Bob Dylon Der Pop wird nobelpreisfähig

Walter Filz, Leiter der SWR-Literaturredaktion, über die Bedeutung der Jury-Entscheidung

Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an einen Pop-Musiker. Das ist eine Premiere, die selbst Experten überrascht. Bob Dylan ist zwar schon lange als möglicher Preisträger im Rennen, daran, dass er tatsächlich ausgezeichnet wird, hat aber kaum jemand geglaubt.


Ist die Entscheidung der Nobelpreis-Jury eine Überraschung

1996 ist Bob Dylan zum ersten Mal für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen worden. Aber eigentlich hat den Vorschlag nie jemand ernst genommen. Man dachte natürlich, dass es toll wäre, wenn mal ein richtig Bekannter diesen Preis bekäme - jemand, der tatsächlich eine Generation oder mehrere Generationen bewegt hat. Aber gleichzeitig hat man sich natürlich auch gefragt: Dylan, was hat der denn geschrieben? Das sind doch lauter Texte, die nur gesungen existieren und funktionieren. Es gibt kein Drama von Bob Dylan, es gibt keine Romane von Bob Dylan. Es gibt ein bisschen Autobiografisches von ihm. Aber auch das sind Texte, die an die Musik und an die Songs gebunden sind.

Dass die Nobelpreisjury Dylan den Preis verleiht, ist sehr verwunderlich. Es ist das erste Mal, dass man nicht erklären muss, wer der Preisträger eigentlich ist. Ich glaube, das hat es in den vergangenen 40 Jahren nicht gegeben. Außerdem hat die Jury ihr Verständnis von Literatur weit, weit geöffnet. Literatur bedeutet nicht nur, dass man sich schriftlich äußert, sondern Literatur bewegt Menschen - bewegt Menschen im Zusammenhang mit Musik. Es ist das erste Mal, dass sich die sehr noble Nobelpreisjury der Pop-Musik zuwendet.

Pop-Musik prägt unsere Kultur seit 50 Jahren, wurde aber von der Jury immer ganz kühn übersehen - als nicht satisfaktionsfähig. Die Auszeichnung Dylans ist schon ein ordentlicher Schritt. Ich bin sehr gespannt, was noch kommen wird. Und ich bin natürlich sehr gespannt, auf Bob Dylan-Festivals, die wir in den nächsten Tagen auf allen nur denkbaren Kanälen und in allen Medien erleben werden.

Galt Bob Dylan denn in den letzten Tagen vor der Verkündung als Favorit?

Ich schaue da immer auf die Wettbüros - man kann ja auf den Literaturnobelpreis wetten. Bob Dylan war immer unter etwa 50 "ferner liefen"-Kandidaten. Vorgestern rückte er dann aber plötzlich auf den 15. Platz der Kandidaten, die es sein können, und dann stand er irgendwann unter den Top 10. Das hat mich schon stutzig gemacht. Es gibt ja Menschen, die wissen, was hinter geschlossenen Türen passiert, und irgendwo scheint es immer ein kleines Loch zu geben. Trotzdem habe ich gedacht: Nie im Leben kann das passieren. Die Wahl Dylans bleibt eine große Überraschung.

Bob Dylan ist im Mai 75 geworden. Lässt sich die Jury vom Alter der Kandidaten beeindrucken. So nach dem Motto: Er ist 75, ewig wird er nicht mehr leben, jetzt kriegt er den Preis endlich mal?

Das Durchschnittsalter der Literaturnobelpreisträger ist 65. Dylan liegt also darüber. Ich glaube aber nicht, dass sich die Jury davon beeinflussen lässt. Es hat auch schon eine 88-jährige Nobelpreisträgerin gegeben, und es hat einen 49-Jährigen gegeben. Das war Rudyard Kipling, Autor des Dschungelbuchs - ein populärer, amerikanischer Schriftsteller.

Erstaunlich ist, dass immer Amerikaner gehandelt worden sind: Philip Roth, Don DeLillo. Aber in Stockholm hat man das als amerikanische Literatur bewertet, die für Amerika interessant ist, aber keine Weltliteratur. Das war so eine Spitze gegen Amerika. Dass sie jetzt diese großen Romanciers, also Don DeLillo und Philipp Roth, einfach mal so bei Seite lassen und dafür einen Popstar küren, das ist natürlich auch eine kleine Gemeinheit - hinter der ein bisschen Absicht steckt.

Das Gespräch führte Andreas Herrler | Online: Christine Veenstra

Im Programm

William Boyce:
Sinfonie B-Dur op. 2 Nr. 1
Academy of Ancient Music
Leitung: Christopher Hogwood
Frédéric Chopin:
Rondo c-Moll op. 1
Lilya Zilberstein (Klavier)
Georg Anton Benda:
Sinfonie Nr. 6 Es-Dur
Thorsten Rosenbusch (Violine)
Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach
Leitung: Hartmut Haenchen
Antonín Dvořák:
Finale aus dem Klavierquintett A-Dur op. 81
Rudolf Firkusny (Klavier)
Juillard String Quartet
Johann Christian Bach:
Klavierkonzert Es-Dur op. 7 Nr. 5
Sebastian Knauer (Klavier)
Zürcher Kammerorchester
Leitung: Roger Norrington
Diego Ortiz:
"Recercada Romanesca"
Capella de la Torre
Leitung: Katharina Bäuml