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Trotz #Metoo-Bewegung werden noch immer frauenfeindliche und menschenverachtende Texte unter dem Deckmantel der vermeintlichen Kunstfreiheit veröffentlicht und teilweise vom Feuilleton gefeiert. Prominentes Beispiel: der neue Gedichtband von Rammstein-Sänger Till Lindemann. Warum regt sich niemand auf über diese Vergewaltigungspoesie auf, fragt SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Till Lindemann hat ein gutes Gespür für Pointen, für coole, dreckige, böse und schreckliche Pointen. „Ich liebe die Musik / Doch leise soll sie sein“ lautet ein Zweizeiler in seinem neuen Poesiealbum, das den Titel „100 Gedichte“ trägt.

Dass ausgerechnet ein Sänger, der durch martialische Bühnenauftritte und markantes Krächzgebrüll bekannt geworden ist, eigentlich nur leise Töne anstimmen möchte, ist fast schon wieder komisch. Immerhin besteht der Stil seiner Band Rammstein vor allem in einem pathetischen Gemisch aus Gitarren-Krach und Keyboard-Moll, aus Feuersymbolik und allerlei Explosivem.

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Flirt mit Nazi-Image

Lindemann ist dabei der Horror-Clown, der die schlimmsten Alpträume musikalisch und textlich verarbeitet und der als gefeierter Rabauke sich darauf versteht, immer mal wieder ein Tabu zu brechen, mit wahlweise sexistischen Gesten oder vermeintlich oder tatsächlich deutschnationalistischen Liedzeilen.

Pop lebt vom Spiel des Zweideutigen, und Rammstein beherrscht diese Provokation, jedenfalls nach Meinung der vielen Fans auch im Feuilleton, die sich an folgenden Rumpelzeilen nicht wirklich stören:

„Deutschland, mein Herz in Flammen
Will dich lieben und verdammen
Deutschland, dein Atem kalt
So jung, und doch so alt
Deutschland!“

Rammstein trifft Riefenstahl

Interessant werden diese so banalen wie wirren Verse, die einem Reimautomat entsprungen zu sein scheinen, dann im Zusammenspiel mit der für Rammstein typischen Gewaltoptik im Video, das mit altdeutschen Schriftzügen und Leni-Riefenstahl-Schnipseln aufgemotzt wird.

Natürlich gibt es auch einen Song, in dem Lindemann rechtsradikales Gedankengut weit von sich weist, selbst wenn er mit faschistoider Ästhetik zum Millionär wurde:

Sie wollen mein Herz am rechten Fleck,
Doch sehe ich dann nach unten weg,
Da schlägt es links.

Diese bewusst inszenierten Widersprüche sind sozusagen der Glutkern des Erfolgsrezepts, das nun auch für gute Verkäufe der Lindemann-Lyrik sorgen soll.

Populär ist nicht gleich poetisch

Selbstverständlich würde niemand die Strophen des bösen Bänkelsängers besprechen, wenn er nicht der Kopf der weltweit erfolgreichsten Deutschrockband wäre. Der Weg von Song-Lyrics zu einer Lyrik, die in irgendeiner Weise etwas mehr Kunstfertigkeit aufweist als eine Kopie altbekannter Versmuster, ist dann doch länger als der Rammstein-Sänger offenbar vermutet.

Tatsächlich lesen sich viele Strophen, als würden sie demnächst ins Mikro geschrien und mit Pyrotechnik begleitet werden:

„Warte warte hab dich gerne
Schenk dir Herz und Gold und Sterne
Ein Feuer hinter Rippen brennt
Das man in Einfalt Liebe nennt.“

„Romantische“ Vergewaltigungsfantasien

Einfältig sind hier vor allem Sprache und Bilder, aber das wäre nicht weiter schlimm, wenn Lindemann sich nicht ständig in seiner rohen und frauenfeindlichen Sexualität suhlte, wenn er nicht von einem Beischlaf träumte, der ihm offenbar besonders Spaß macht, weil er ohne Zustimmung der Frau vollzogen wird:

„Ich schlafe gerne mit dir wenn du schläfst
Wenn du dich überhaupt nicht regst
Mund ist offen
Augen zu
Der ganze Körper ist in Ruhe
Kann dich überall anfassen
Kann mich völlig gehen lassen“.

Und weil derlei Rabiatberührungen natürlich unmöglich sind, ohne dass das Objekt der Begierde aufwacht, wird der kriminelle Akt auch noch erklärt:

„Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas)
Kannst dich gar nicht mehr bewegen
Und du schläfst
Es ist ein Segen“.

Ist das noch Kunstfreiheit?

Eine Vergewaltigungsfantasie, wie sie im Buche steht. Eine zu Papier gebrachte Straftat. Im Vorwort des Gedichtbandes von Alexander Gorkow wird von „Rohmaterial“ des Autors gesprochen, die befürchtete Kritik mit einem kleinen Sprachspiel süffisant abgetan: „Andere werden sagen, es ist vor allem rohes Material.“

Mich erstaunt, wie ein pseudopoetisch verbrämter Übergriff von einem Redakteur der Süddeutschen Zeitung verharmlost wird.

Das Buch ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, also dem Verlag etwa von Sibylle Berg, die nicht nur in ihren Kolumnen nun wirklich überall Sexismus und Frauenfeindlichkeit vermutet. Hat die feministische Hohepriesterin nur eine kurze empörte Mail geschrieben, um gegen die Verherrlichung der durch Drogen willenlos gemachten Frau zu protestieren? Mir ist nichts bekannt.

Zweierlei Maß

Als unlängst die ins Deutsche übersetzte Autobiographie von Woody Allen im Rowohlt Verlag angekündigt wurde, gab es einen Brandbrief von Autorinnen und Autoren, die gegen die Veröffentlichung des Buches wetterten – und das obwohl es kein Gerichtsurteil gibt, in dem die mutmaßlichen Taten des US-Filmregisseurs juristisch einwandfrei belegt werden.

Was die Causa Lindemann hingegen so einfach macht: Seine Zeilen müssen nicht „interpretiert“ werden, es bedarf keiner tiefschürfenden Analyse, um den verachtungswürdigen Gehalt dieser Macho-Dichtung zu erfassen, die im Popkosmos auch als Handlungsanweisung für Fans gelesen werden darf. Bislang wird hier mit zweierlei Maß gemessen, und das ist schwer zu ertragen.

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Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05332-6
160 Seiten
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