SWR2 Buch der Woche vom 04.12.2017 Franz Winter: Die Schwierigen

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Dreißig Jahre umspannt der Roman „Die Schwierigen“ des 1950 geborenen Schriftstellers, Schauspielers und Regisseurs Franz Winter – dreißig Jahre, von 1889 bis 1919, in denen sich die hocharistokratische Gesellschaft der k. u. k. Monarchie langsam, aber unaufhaltsam dem Abgrund entgegen bewegt.

In kurzen Kapiteln erzählt er mit großer Sprachkraft und Lust am Geschichtenerzählen von Intrigen, Mord, Liebe und Tod – ein höchst lesenswerter, mit süffigem Zeitkolorit unterfütterter Roman, der zeigt, wie kurz der Weg vom Ballsaal in die Hölle des Krieges sein kann.

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Der Niedergang einer Monarchie

Warum hat sie niemand gehört, die Schüsse im Morgengrauen? Mit dieser Frage beginnt Franz Winter seinen Roman über den Niedergang der k. u. k. Monarchie. Jene ungehörten Schüsse, die das Leben des Kronprinzen Rudolf von Österreich und Ungarn und seiner blutjungen Geliebten beendeten, hallen laut nach, in der sich noch immer unbeschwert im Walzertakt drehenden Adelswelt. Veränderungen wie das Erstarken des Bürgertums oder soziale Bewegungen werden von der herrschenden Klasse im Habsburgerreich schlichtweg ignoriert.

Autor Franz Winter (Foto: © Archiv Franz Winter -)
Autor Franz Winter © Archiv Franz Winter -

Im Gespräch beschreibt Franz Winter die historische Situation so: "Diese Klasse der Hocharistokratie lebt wie in einem Kokon, in einer Parallelwelt zu der anderen, in der sich diese Veränderungen vollziehen. Aufgrund ihrer Privilegien, die sie allerdings unangetastet wissen wollen und mit Zähnen und Klauen verteidigen, müssen sie diese Veränderungen auch gar nicht wahrnehmen. Sie beargwöhnen sie nur sozusagen von ihren Logenplätzen, sprich von ihren Schlössern und Gütern aus. Und das nicht einmal ängstlich. Denn was soll denn schon passieren?"

Ein altes Weltbild kollidiert mit einer neuen Zeit

Im Roman beantwortet Franz Winter die Frage. Er zeigt, was passiert, wenn eine Klasse ihre Privilegien, ihre Stellung an der Spitze der Gesellschaft, ihren Luxus und ihr Vermögen als gottgegebene Selbstverständlichkeiten betrachtet. Diese Klasse sieht nicht, dass nach sechshundert Jahren Monarchie eine neue Zeit begonnen hat, vielmehr rast sie mit Glanz und Gloria dem Abgrund entgegen.

Anhand von Familiengeschichten,  der von Bühls, Freudenbergs, Altenwyls, Hechingens und wie sie alle heißen, zeigt Franz Winter auch den Zerfall eines erodierten Weltbildes. Die Vorstellungen von Ehre und Etikette, die zu höchst stilvollen Duellen, Morden oder Suiziden führen, wirken anachronistisch und in ihrer Grauenhaftigkeit absurd.

Eine eindrucksvolle Szene ist in dieser Hinsicht der Selbstmord Franz Stephan von Freudenbergs, der tief verschuldet aus dem Spielcasino wankt, dem Kaiser salutiert, sich ein erstklassiges Gewehr kauft und auf dem Kahlenberg über Wien, nach dem Genuss von Tafelspitz und Wiener Liedern, sandesgemäß erschießt.

Hugo von Hofmannsthal als Inspirationsquelle

Stani, der Sohn des Selbstmörders, seine Mutter Crescence, Hans Karl Bühl, deren Bruder, oder die emanzipierte Helene Altenwyl sind Figuren aus einem Lustspiel von Hugo von Hofmannsthal mit dem Titel „Der Schwierige“. Franz Winter, der auch ein bekannter Schauspieler ist, hat Ende der 1970er Jahre in diesem Stück am Wiener Burgtheater die Rolle des Stani gespielt. Nun erzählt er die Vorgeschichte dieser Figuren und macht deutlich, warum sie wurden, wie von Hofmannsthal sie zeigt: als Angehörige einer Klasse, die soeben abgeschafft wurde.

„Der Schwierige“ ist bei von Hofmannsthal der Kriegsheimkehrer Hans Karl Bühl, ein identitätskrisengeschüttelter Aristokrat, der sich selbst als schwierig empfindet und von anderen so empfunden wird. Der Titel von Franz Winters Roman überträgt das Attribut „schwierig“ nun auch auf die anderen Protagonisten. Autor Winter sagt über sein Personal im Roman: "Alle sind sie schwierig, weil sie eben nicht kompatibel sind, weil sie sich ihrer Verantwortung nicht stellen, weil sie permanent vor ihrer eigenen Zeit davonlaufen, weil sie nicht wahrhaben wollen, was um sie herum vorgeht, was die Uhr geschlagen hat."

Auch sprachlich ließ sich Franz Winter von Hugo von Hofmannsthal inspirieren, zumindest bei der Gestaltung der Dialoge. In den akribisch rekonstruierten Anredeformen äußern sich zudem die sprachlichen Hierarchien der Monarchie. So war es der Dienerschaft grundsätzlich untersagt, ihre Herrschaft direkt anzusprechen, wie Winter im Anhang erklärt: "Deshalb gibt es diese merkwürdigen Formulierungen wie: Wollen noch etwas Tee? Oder: Befehlen den Wagen vorfahren zu lassen? All das eben ohne eine direkte Anrede. Man  kann das übrigens noch heute im Café Demel in Wien hören, wahrscheinlich dem einzigen Platz auf der Welt, wo noch so gesprochen wird. Da hören Sie wirklich, dass jemand Sie fragt: Wünschen noch eine Mehlspeis?"

Eine Ära vergeht

Franz Winters Roman über das Ende Kakaniens, wie Robert Musil die in ihren Strukturen erstarrte Doppelmonarchie nannte, ist in gewisser Weise auch eine Huldigung dieser Epoche, die gerade in ihrer Agonie noch einmal auf morbide Weise kulturell erblühte. Mahler, Schönberg, Schnitzler, Richard Strauss und natürlich Hugo von Hofmannsthal, der in dem Buch auch einen kleinen Auftritt hat, haben dem Sterben und Vergehen dieser Ära in ihren Kunstwerken einen unvergesslichen Ausdruck verliehen. Als hätten sie den Eisblock längst im Blick, auf den der Luxusliner zusteuert, spielen sie noch einmal auf für die Ewigkeit.

Franz Winter gestaltet sein Porträt einer untergehenden Klasse, die nach einem fast fünfzigjährigen Frieden einen fürchterlichen Weltkrieg auslöste, nicht wie ein üppiges Monumentalgemälde, sondern mit feinem Strich und Mut zur Leerstelle. So wird die Atmosphäre jener Zeit nicht in historischen Fakten und einer Fülle von Details erstickt, bleiben Figuren wie Leonore und Hans Karl Bühl oder die unorthodoxe Komtesse Altenwyl als Charaktere im Gedächtnis.

Winters Erzählökonomie wirkt dabei niemals schmallippig oder spartanisch. In kurzen Kapiteln erzählt er mit großer Sprachkraft und Lust am Geschichtenerzählen von Intrigen, Mord, Liebe und Tod. „Die Schwierigen“ ist ein höchst lesenswerter, mit süffigem Zeitkolorit unterfütterter Roman, der zeigt, wie kurz der Weg vom Ballsaal in die Hölle des Krieges sein kann.

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