William-Shakespeare-Denkmal in einem Park in Weimar (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Klassiker der Schullektüre "Macbeth" - William Shakespeare und die Gier nach Macht

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SWR2 Wissen. Von Eberhard Falcke

"Macbeth" ist eine zeitlose Urfabel über Machtgier, Mord und die sich fortsetzende Gewalt. Der anfangs zögerliche Königsmörder Macbeth wird, nachdem er mit blutigen Händen den Thron bestiegen hat, zum Serienkiller. Die Anstifterin Lady Macbeth verfällt dem Wahnsinn.

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Tatsächlich wurde "Macbeth" oft als abschreckendes Beispiel für politische Verbrechen und Tyrannei interpretiert. Dieser moralische Appell erscheint naheliegend. Und doch wird die Faszination durch den Schrecken kaum gebrochen. Oder ist diese Tragödie gar keine Warnung vor dem Fluch der bösen Tat? Sondern ein Blick in die Abgründe des Menschen, in den Nihilismus, in die Sinnlosigkeit?

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Macbeth – vom treuen Gefolgsmann zum Tyrannen

Das schottische Hochland im 11. Jahrhundert. Macbeth hat sich tapfer in einer Schlacht für seinen König geschlagen, der Verräter ist besiegt. Auf dem Heimweg trifft er, gemeinsam mit dem Edelmann Banquo, auf drei Hexen. Der rechtschaffene Macbeth trägt als Gefolgsmann von König Duncan bereits den Titel "Than von Glamis". Doch nun wecken die drei Schicksalsschwestern mit einer Prophezeiung fatale Ambitionen in dem braven Mann:

Denn als Anerkennung für die Leistung in der Schlacht soll Macbeth nicht nur Than von Cawdor werden, sondern die drei Hexen stellen ihm auch die Königswürde in Aussicht. Doch König wird man nicht einfach so. Das weiß auch Lady Macbeth, die ihren Mann genau kennt:

Thorsten Hierse (als Malcolm), Matthias Neukirch (Duncan), Ulrich Matthes (Macbeth) und Elias Arens (Macduff). Deutsches Theater Berlin 2015. William Shakespeare: Macbeth (Foto: Imago, Imago - DRAMA-Berlin.de)
Thorsten Hierse (als Malcolm), Matthias Neukirch (Duncan), Ulrich Matthes (Macbeth) und Elias Arens (Macduff). Deutsches Theater Berlin 2015 Imago Imago - DRAMA-Berlin.de

Also muss die Lady ihren Mann überreden, König Duncan, der Macbeth eben noch für seine Taten ausgezeichnet hat, zu töten. Denn erst dann ist der Weg frei für Macbeth, selbst König zu werden. Der Plan: Der König kommt nach Inverness und soll während seines Gastaufenthalts in Macbeth' Schloss ermordet werden!

Macbeth stimmt zunächst in den Plan ein, bekommt dann aber Zweifel und zögert. Lady Macbeth macht ihm daraufhin Vorwürfe, stellt seine Männlichkeit infrage. Sie erinnert ihn an sein Versprechen und setzt ihn mit ihrer eigenen Entschlossenheit unter Druck:

Die ehrgeizige Lady Macbeth drängt zum Handeln

Ulrich Matthes (als Macbeth) und Maren Eggert (als Lady Macbeth). Deutsches Theater Berlin 2015 (Macbeth: William Shakespeare) (Foto: Imago, Imago stock&people -)
Ulrich Matthes (als Macbeth) und Maren Eggert (als Lady Macbeth). Deutsches Theater Berlin 2015 Imago Imago stock&people -

Bis es zu der Tat kommt, wechselt das Ehepaar die Rollen; dann ist er derjenige, der die Sache vorantreibt. Und schließlich tötet Macbeth König Duncan mit dem Dolch, während Lady Macbeth dessen Diener vergiftet.

Doch dabei bleibt es nicht: Auch Banquo, dem die Hexen königliche Nachkommen prophezeit hatten, muss aus dem Weg geräumt werden. Und auch die Familie von Macduff, der ein treuer Gefolgsmann von König Duncan ist, wird aus dem Weg geräumt, während Macduff selbst sich in England aufhält.

Bereits nach dem Mord an König Duncan erkennt Macbeth die Tat als Wendepunkt in seinem Leben:

Doppeldeutige Prophezeiungen wiegen Macbeth in Sicherheit

Aber die Gier nach Macht hält Macbeth, der sich zum Tyrannen entwickelt, von da an von weiteren Morden nicht ab. Macbeth wiegt sich in Sicherheit, denn eine weitere Prophezeiung besagt: Kein Mann, der von einer Frau geboren wurde, könne ihm etwas anhaben. Unbesiegbar sei er, solange sich nicht der Wald von Birnam in Marsch setze.

Lady Macbeth wird aufgrund ihrer Taten von Schuldgefühlen geplagt. Sie leidet an Schlaflosigkeit, schlafwandelt und nimmt sich schließlich das Leben.

Macbeth findet in Macduff seinen Meister. Denn die Prophezeiungen waren doppeldeutig und trügerisch: Macduff nämlich kam per Kaiserschnitt zur Welt, wurde also nicht im strengen Sinn von einer Frau geboren. Und der Wald von Birnam setzt sich in Marsch, als Seiward seine Männer auffordert, Äste aus dem Birnamswald zur Tarnung zu nutzen:

So ziehen die Männer zur Burg Dunsinane, wo Macbeth sich aufhält. Und Macduff tötet Macbeth im Kampf:

Malcolm, einer der Söhne Duncans, wird nach Macbeth' Tod der neue König von Schottland.

Interpretation

"Macbeth" spielt um das Jahr 1040 in Schottland und England. Die Tragödie wurde um 1606 von William Shakespeare (1564 - 1616) geschrieben. Bis heute sind die

Ray Fearon als Macbeth und Tara Fitzgerald als Lady Macbeth (2016, Globe Theatre London). "Macbeth" von William Shakespeare (Foto: Imago, Imago/Vibrant Pictures -)
Ray Fearon als Macbeth und Tara Fitzgerald als Lady Macbeth (2016, Globe Theatre London) Imago Imago/Vibrant Pictures -

behandelten Themen aktuell und bieten reichlich Stoff für Interpretation: Geschlechterrollen und die Frage "Was ist männlich?" Der Drang zur Macht um jeden Preis. Und sogar das, was wir heute "virtuelle Realität" nennen, ist Thema. Denn William Shakespeare machte das Theater zu einem Erprobungsraum für alternative Welten.

Geschlechterrollen: Was ist männlich, was ist weiblich?

Weibliches und männliches Rollenverhalten sind nicht naturgegeben, sondern sozial konstruiert – das ist die Grundüberlegung des heutigen Gender-Konzepts.

Eine Schlüsselszene ist daher der Moment, in dem Macbeth nach dem Abendessen mit dem König vor dem Meuchelmord an seinem Gast zurückschreckt. Da fordert Lady Macbeth ihn dazu auf, sich als wahrer Mann zu beweisen. Sie selbst dagegen erklärt sich um der brutalen Tat bzw. um des Erfolges willen bereit, alle weiblichen Tugenden abzuwerfen. Damit übertrifft sie ihren Mann bei Weitem.

Interessant ist auch die Rolle der Hexen. Es sind bärtige Frauen, die als "weird or wayward sisters", als "Schicksalsschwestern" bezeichnet werden. Faszinierend ist, dass diese Hexen, obwohl sie nur wenig auftauchen, dennoch eine große Macht entfalten. Und am Schluss bewahrheiten sich all ihre Prophezeiungen.

Macht um jeden Preis

Andreas Grothgar als Macbeth (links), Matthias Bundschuh als Malcolm und (liegend) Roland Renner als Duncan (2001, Salzburger Festspiele). William Shakespeare: Macbeth (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Andreas Grothgar als Macbeth (links), Matthias Bundschuh als Malcolm und (liegend) Roland Renner als Duncan (2001, Salzburger Festspiele) picture-alliance / dpa -

Herrschaft und Kampf, Politik und Gemetzel hingen aufs engste zusammen, das Töten von Konkurrenten gehörte zur damaligen Zeit zu den Techniken des Machterwerbs. Die blutigen Rivalitäten wären heute nur noch für Mittelalterspezialisten von Belang, hätte nicht Shakespeare diesen Stoff aus dem 11. Jahrhundert in literarische Kunst verwandelt.

Wenn König Duncan auf Schloss Inverness zur Übernachtung einkehrt, will das Ehepaar Macbeth seinen Gast im Schlaf ermorden und dessen Gefolge für die Tat verantwortlich machen. Danach können sie selbst den Thron besteigen. Dieses Zusammenwirken des Paares beim Kampf um Status und Erfolg gehört zu den fesselndsten Aspekten des Stückes. Ein Vorgang, der sich in jeder Zeit aufs Neue deuten und befragen lässt. Denn am Ende hat Macbeth durch seine verbrecherische Politik jeden Lebenssinn für sich und seine Frau zerstört.

Virtuelle Realität – Erprobungsraum alternativer Welten

William Shakespeare wirkte in einer Übergangszeit mit vielfältigen Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Religion. Sein Theater bot kein feststehendes Weltmodell. Vielmehr stellte er Versuchsanordnungen auf, in denen Konstellationen und Möglichkeiten erprobt und durchgespielt wurden. Bei "Macbeth" sind es zwei Themen, die bis heute fesseln: Die Eskalation der Gewalt, die Lord und Lady Macbeth mit dem Mord an König Duncan auslösen. Und die Komplizenschaft dieses Ehepaares: die monströse Frauenfigur der Lady Macbeth und der zunächst zögerliche, dann immer skrupellosere Macbeth.

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