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Vor 90 Jahren fand in Stuttgart der erste „Vagabundenkongress“ statt. Über die Protagonisten von damals weiß man heute nicht mehr viel, obwohl sie zu der Zeit viel Aufsehen erregten. Jetzt steigt das Interesse wieder, wie auch allgemein an den 1920er Jahren. Davon zeugen nicht zuletzt Comics: Gleich mehrere neue grafische Romane beschreiben die damalige Gesellschaft und ihre Aussteiger. Gerade erschienen: „Der König der Vagabunden“ – über Gregor Gog, und wie er die Landstreicher – auch politisch – organisierte.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Vagabundenkongress von 1929 in Stuttgart

„Lebenslanger Generalstreik! Nur durch einen solchen Generalstreik ist es möglich, die kapitalistische, christliche, kerkerbauende Gesellschaft ins Wackeln, ins Wanken, zu Fall zu bringen…“ Gregor Gogs Begrüßungsrede, 1929 auf dem Vagabundenkongress in Stuttgart. Eine Schlüsselszene auch in dem neuen Comicroman „Der König der Vagabunden“.

Darstellung aus der Graphic Novel „Der König der Vagabunden" von Patrick Spät und Bea Davies (Foto: avant-verlag)
Berlin Alexanderplatz in der Graphic Novel „Der König der Vagabunden" von Patrick Spät und Bea Davies avant-verlag

Patrick Spät über Gregor Gog: „Er war wirklich ein Bürgerschreck”

Damals kam man nicht an Gregor Gog und seiner Bewegung vorbei, sagt Autor Patrick Spät: „Er war wirklich ein Bürgerschreck! Bei der bürgerlichen Presse und bei der Polizei haben sich die Haare zu Berge gestellt, weil er 1927 die Bruderschaft der Vagabunden gegründet hat. Es war damals nicht möglich, ihn nicht zu beachten.“ Gregor Gog organisierte zehntausende Landstreicher und gab ihnen mit Reden, Texten und Zeitschriften eine Stimme, versammelte zwei Jahre später hunderte von ihnen ausgerechnet im ordnungsliebenden Stuttgart auf dem Killesberg.

Patrick Spät hat den „König der Vagabunden“ gemeinsam mit der Zeichnerin Bea Davies in Szene gesetzt. Und zwar tatsächlich gemeinsam. Nicht wie bei kongenialen Duos etwa in französischer Comictradition, wo der Autor seine fertige Geschichte abliefert, und der Zeichner es umsetzt. Hier haben Autor und Zeichnerin wirklich gemeinsam die Geschichte entwickelt und Ideen für Text und Bild hin- und hergespielt.

Patrick Spät (Foto: privat)
Patrick Spät privat

Von Gregor Gog zu Tocotronic

Die Originalzitate machen etwa ein Viertel des Textes aus, der Rest ist erfunden und dramaturgisch verarbeitet. Manches ist auch frei interpretiert, etwa wenn Gog von einem stilisierten Hitler träumt, dann tatsächlich ins Konzentrationslager kommt und schließlich flüchtet – die Rahmenhandlung des Buches.

Die Geschichte der Vagabunden hat Eingang in Literatur und Populärkultur gefunden, auch in die Musik: Die Band Tocotronic veröffentlichte auf ihrem Album „Kapitulation“ 2007 das kurze, aber heftige Lied „Sag alles ab“. Für Comicautor Patrick Spät eine deutliche Parallele: „Gog sagt ja auch auf dem Vagabundenkongress 1929: Wir sind bewusst faul. Wir legen uns also nicht einfach in die Sonne und chillen, sondern das hatte durchaus eine politische Botschaft: Jede Arbeit, die verrichtet wird, jede Kartoffel, die geerntet wird, jedes Fließband, das bedient wird – jede Arbeit dient letzten Endes der Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Systems.“

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