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Feine Gedichtgebilde einer großen Schriftstellerin: In „Beileibe und Zumute“ vermisst Ursula Krechel die fragilen Verbindungen von Körper und Sprache, Schönheit und Glück. In großer Formenvielfalt und eindringlichen Bildern zeigt Krechel, dass zeitgenössische Lyrik auch ein unterhaltsames Vergnügen sein kann. 

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Ein Leitmotiv bei Krechel ist die Suche nach der Schönheit selbst

So vielfältig die literarischen Genres, in denen Ursula Krechel arbeitet, so unterschiedlich die Themen und Formen auch ihrer Lyrik. Diese Schriftstellerin stellt in einem Gedicht grundsätzliche Fragen zur Ästhetik, um dann Oden an eine Stadt oder eine Landschaft zu verfassen. Sie weiß ihre Verse graphisch aufzulösen, setzt mal auf strengen Rhythmus und nahezu klassische Reime, um der Poesie in anderen Strophen wieder etwas mehr Freiheit zu geben.

Das literarische Denken wird befragt, das lyrische Erinnerungsvermögen, das auch eine „Gier nach Gegenwart“ zugibt. Ein Leitmotiv in Krechels neuem Gedichtband „Beileibe und zumute“ ist die Suche nach der Schönheit selbst, auch wenn dem Ideal in unseren Zeiten nicht wirklich zu trauen ist.

Was, wenn Schönheit das Geschönte wäre
der Torso heil gemacht und ideal gedacht
was, wenn der Körper halbtot, halbiert, gevierteilt
was, wenn der bronzierte Fitnessleib, allzeit Stein
wie Fleisch vom Fleische, wenn er beinlos zerbräche wie
in einem Krieg, Stückleib, verschnittener, zerkrümelter,
liegen gelassen in einem Scharfschützenhinterhalt?

(Ursula Krechel: „Beileibe und Zumute“)

Alltagsdinge wie die Steppjacken betagter Zeitgenossen wecken die Neugier des lyrischen Ich

So groß das Misstrauen gegenüber dem, was in Stein gemeißelt ist, so neugierig wirkt das lyrische Ich gegenüber selbst profanen Dingen. Vom Tomatensaftbecher im Flugzeug bis zu den Steppjacken betagter Zeitgenossen – alles scheint diese Dichterin zu inspirieren.

Krechels poetische Erkundungen setzten auch schon mal bei einem allzu bekannten Schlager an, der dann durch eine witzige Motivmühle gedreht wird – mal abgesehen davon, dass sich Krechel als Meisterin des klug gesetzten Zeilensprungs zeigt.

Ich hab mein Herz in Heidelberg ich
hab mein Herz im Kleiderschrank ich hab
das Bett noch nicht verbrannt mein Hut
geht bis zum Mantelkragen der Krug
geht übern Brunnenrand es bricht das Licht
mein Hut geht durch das ganze Land
es tut nicht weh in Heidelberg es schneit so weit
und breit du siehst wir sehen nächtlich die Hand vor Augen nicht

(Ursula Krechel: „Beileibe und Zumute“)

Die Untiefen lauern zwischen den Zeilen

In vielen Gedichten, die spielerisch daherkommen, lauern die Untiefen, im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Zeilen. Alte und aktuelle Identitätsdebatten scheinen in den Gedichten auf. Ohne dabei in einen belehrenden Duktus zu verfallen. Im Gegenteil. Wenn es um den weiblichen Körper und männliches Dominanzverhalten geht, wählt die Autorin eine leicht spottende Tonlage in einer Art Abzählreim.

Nimm vom Weibe eine Scheibe
speise, doch tu ihr nichts zuleide
wenn du dann bei nacktem Leibe
zerrst und ruckst an ihrer Seide
nimm und iss, sie ist ja generös
sieh die Haut, straff noch und porös
fühl das Nervgeflatter rasend schnell
und das Licht, ich bitt dich, nicht so grell

(Ursula Krechel: „Beileibe und Zumute“)

„Einladung“ heißt dieses kurze Stück, auf das selbstverständlich eine „Ausladung“ folgt.

Krechel verwendet unterschiedlichste Formen und immer starke Bilder

Die rund 60 Gedichte und Zyklen des Bandes stehen zwar alle für sich, funktionieren aber auch wie kommunizierende Röhren. Manchmal wird die gebundene Sprache mit Prosaminiaturen ergänzt. Doch ob nun schroffe Zweizeiler, elegische Ballade oder skurril-expressionistische Reiselyrik – die Bilder dieser Dichterin sind so stark wie anschaulich, sodass Erklärungen meist überflüssig sind.

Torkeln durch blickdichte Tage, denen
wachsweich der Himmel verhängt ist
bleicher wird er am Nachmittag, wenn
man ihn anfasste, wäre er aus Beton.

(Ursula Krechel: „Beileibe und Zumute“)

Krechels Lyrik ist welthaltig, ohne dabei einem Zeitgeist zu verfallen

Nach ihrem furiosen Lyrikdebüt mit dem biographisch-programmatischen Titel „Nach Mainz!“ folgten seit nunmehr fast 45 Jahren weitere 15 Gedichtbände, und so ist es sicherlich nicht übertrieben zu sagen, dass die Poesie zentral ist in Ursula Krechels Werk.

Die neuen Gedichte sind demnach auch als Aufforderung zu begreifen, noch einmal in frühere Lyrikveröffentlichungen der Autorin hineinzuschauen.

Zart und komisch sind ihre poetischen Gebilde. Ausgesprochen welthaltig ist Krechels Lyrik, ohne dabei einem Zeitgeist zu verfallen. Neues und Altes verbinden sich in originellen Wortneuschöpfungen, die wirken, als habe es sie immer schon gegeben.

Ursula Krechel spürt den fragilen Verbindungen von Sprache und Körper nach

Das wird etwa im vierteiligen Zyklus namens „Krankenblätter“ deutlich, in dem nicht nur Klinikräume und Körperpein vermessen werden, sondern zwischendrin auch die „Wellnesstempelglocke“ geschlagen wird.

Ursula Krechel spürt den fragilen Verbindungen von Sprache und Körper nach, sucht nach Schönheit und Glück, selbst wenn am Ende oft nur Bruchstücke aufzulesen sind. Im Titelgedicht „Beileibe und zumute“ sind die Menschen „schwungvoller Reden“ ausgesetzt, physisch wie mental. Durch Räuspern oder andere „Rachenlaute“ verlieren die „Appelle“ zumindest ein wenig an Schärfe.

Es handelt sich um ein mahnendes Gedicht, das angesichts der Durchhalteparolen mancher Politiker im dauerverlängerten Lockdown erschreckend aktuell ist. In solchen Lebens- und Sprachräumen begegnen sich die Vereinzelten jedenfalls in großer Ratlosigkeit.

Leute palavern, andere schweigen eher
wie´s wem zumute ist, weiß man nicht

(Ursula Krechel: „Beileibe und Zumute“)

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