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Der Soziologie, Autor und Künstler Urs Jaeggi ist im Alter von 89 Jahren am 13. Februar in Berlin gestorben. Mit seinem Buch „Macht und Herrschaft in der BRD“ galt er als einer der wichtigsten Ideengeber der Studentenbewegung der 1960er-Jahre. Mit seinem Werk habe er die 68-er Generation entscheidend mit beeinflusst, so der Hamburger Soziologe Sighard Neckel gegenüber SWR2.

Der Schweizer Soziologe, Autor und Künstler Urs Jaeggi (Foto: Imago, imago images/gezett)
Der Schweizer Soziologe, Autor und Künstler Urs Jaeggi (1931 bis 2021) Imago imago images/gezett

„Manchmal war es ein etwas krummer Weg, aber ich habe mir alle meine Wunschträume erfüllt. Mir war es wurscht, wenn die Leute gesagt haben: Muss er denn das jetzt auch noch machen?“

Urs Jaeggi in einem dpa-Interview 2016

Linker Rädelsführer und „Scheißliberaler“

Der 1931 in Solothurn geborene Jaeggi hatte Kunstgeschichte, Ökonomie und Soziologie in Genf, Berlin und Bern studiert. Sein 1969 erschienenes Buch „Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik Deutschland“ verkaufte sich mehr als 400.000 Mal. „Eine astronomische Auflage“, so der Hamburger Soziologe Sighard Neckel. Er könne sich gut daran erinnern, wie sehr dieses Buch damals Furore gemacht habe. Kaum ein politisches Seminar dieser Zeit, bei dem nicht „Macht und Herrschaft“ gelesen worden sei.

Mit seiner Analyse, dass eine vergleichsweise kleine Elite die Schaltstellen der Macht beherrscht, machte sich Jaeggi allerdings nicht nur Freunde. Zwar beriefen sich Teile der Studentenbewegung auf sein Werk, doch Konservative hielten ihn für einen linken Rädelsführer, Ultralinke für einen „Scheißliberalen“.

Vor allem habe Jaeggi mit den soziologischen Studien von Helmut Schelsky aus den 50er Jahren gebrochen, so Sighard Neckel, insbesondere mit der These von einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft, in der soziale Ungleichheiten tendenziell eingeebnet würden. Jaeggi habe die Soziologie zu einer „machtkritischen, konfliktorientierten Betrachtung der Gesellschaft“ zurückgeführt.

1981 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis

Den Konflikt arbeitete Jaeggi später in seinem autobiografischen Roman „Brandeis“ auf, der 1978 erschien. Es folgten die Romane „Grundrisse“ und „Rimpler“ — zusammen eine Trilogie zum großen gesellschaftlichen Umbruch der 68er-Jahre. Mit einem Auszug aus „Grundrisse“ gewann er 1981 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Später schrieb er die Heimatgeschichte „Soulthorn“ und den Wenderoman „Weder noch etwas“. 

Der Schweizer Soziologe, Autor und Künstler Urs Jaeggi  in seiner Ausstellung 2016 in der Berliner Malzfabrik (Foto: Imago, imago images/gezett)
Urs Jaeggi in seiner Ausstellung 2016 in der Berliner Malzfabrik Imago imago images/gezett

Vom Schriftsteller zum Künstler

Immer wichtiger wurde für ihn die Kunst. Neben seiner Soziologie-Professur an der Freien Universität Berlin lernte er bei einem Bildhauer das Handwerk nochmals von der Pike auf. Seit 1985 stellte er seine Werke im In- und Ausland aus.

Jaeggi wohnte mit seiner zweiten Frau halb in Berlin, halb in Mexiko. In erster Ehe war er in den 1960er-Jahren mit der Psychoanalytikerin Eva Jaeggi verheiratet. Die gemeinsame Tochter Rahel ist Philosophie-Professorin geworden.

Soziologieprofessor, Schriftsteller, bildender Künstler: Der Schweizer Urs #Jaeggi war ein Multitalent. Geboren 1931 in Solothurn, ist er nun im Alter von 89 Jahren in Berlin gestorben. #UrsJaeggi https://t.co/CZ4chTEzfs

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