Gespräch

„Frag uns doch!“: Marina Weisband erzählt mit Eliyah Havemann über jüdisches Leben

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INTERVIEW

Wie wird man Jude? Wie kann es atheistische Juden geben? Auf ihren Aufruf auf Twitter, sie zu befragen, hat Marina Weisband innerhalb weniger Tage rund 450 Fragen gestellt bekommen zu den verschiedensten Aspekten des Judentums. Aus dem Online-Projekt #FragEinenJuden ist nun das Buch „Frag uns doch!“ hervorgegangen, das sie zusammen mit Eliyah Havemann veröffentlicht hat.

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Mehr über eine jahrtausendealte Religion und Kultur lernen

Das Interesse habe sie überrascht, erzählt Weisband, ebenso die Tatsache, wie grundlegend die Fragen waren. Weil sie selbst bislang zur Religion eher einen spirituellen Zugang gehabt habe, habe sie sich als Co-Autor Eliyah Havemann geholt, der als modern-orthodoxer Jude sehr viel mehr Gebote in Israel leben könne und mehr über Religion und Lehre wüsste. Sie selbst, so Marina Weisband, sei jetzt erst dabei, mehr über Regeln, Rituale und Geschichte zu lernen.

Ihr habt mir hier auf Twitter hunderte Fragen zum Judentum gestellt. @EliyahHavemann und ich haben sie beantwortet in fünf Videos: https://t.co/azJfq3YOcJ #FragEinenJuden Für viele war dieses Material sehr hilfreich. Ich hoffe, es hilft auch euch zu verstehen. Frohe Feiertage!

„Das Gute im Menschen sehen“

Was sie am Judentum begeistere? Dass es gelungen sei, über Jahrtausende bestimmte basale Regeln zu tradieren, wie Menschen gut miteinander leben könnten. Das sei ursprünglich das Wesentliche, was die Thora mitgebe: „Und das aber in einer lebendigen Tradition zu halten, sich nicht an das schriftliche Wort zu halten, das immer wieder neu zu interpretieren, zu reflektieren, auszulegen“, sagt Weisband, die in einer nicht-religiösen Familie aufgewachsen ist.

Sie sehe es auch als ihre Verantwortung, in einer 5.000 Jahre andauernden Kette von Generationen jüdischer Menschen, ihren Teil zu spielen. Der Grundgedanke des Judentums, in sich eine Liebe zum Menschen finden, in sich danach zu streben, das Gute zu sehen, gut zu sein — das sei, findet die Autorin, „eine Aufgabe, die auch sehr glücklich macht.“

#FragEinenJuden Teil 4: Jüdische Kultur

Mehr Aspekte des Judentums thematisieren — nicht nur die Shoah

Das Unwissen in Deutschland über das Judentum hänge auch damit zusammen, dass Judentum zentral immer nur im Zusammenhang mit dem Holocaust gesehen würde. Im Umgang mit jüdischen Menschen fehle in Deutschland leider noch die Selbstverständlichkeit, was auch daran läge, dass es hier immer noch sehr wenige Jüdinnen und Juden gebe.

Oftmals sei man entweder mit antisemitischen Todesdrohungen konfrontiert oder Menschen würden beklommen, wenn sie erführen, dass sie mit einer jüdischen Person sprächen. Sie erhalte auch teilweise Briefe, die ihr dankten, dass sie als Jüdin überhaupt am Leben sei — „was ehrlich gesagt eine sehr seltsame Handlung ist“. Was immer wieder vergessen werde, sagt die Autorin: „Wir definieren uns nicht über Antisemitismus.“ Dessen Bekämpfung sei außerdem nicht Aufgabe der Jüdinnen*Juden, sondern der Mehrheitsgesellschaft.

In den letzten Jahren gäbe es da aber eine Veränderung. Gerade im Jubiläumsjahr „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ würden vor allem junge Jüdinnen*Juden fordern, das auch das Alltagsleben heute gezeigt würde und nicht nur die Vergangenheit, die man durchschritten habe.

Frankfurt

Museums-Check: Mit Marina Weisband im Jüdischen Museum Frankfurt

Ein Besuch im Jüdischen Museum Frankfurt ist für Marina Weisband auch eine Begegnung mit ihrer eigenen Geschichte. Die jüdische Publizistin ist zu Gast bei Markus Brock.  mehr...

Museums-Check mit Markus Brock SWR Fernsehen

Gespräch Wer ist Jude und wer nicht? Meron Mendel über den Streit um das Judentum in Deutschland

Wer ist Jude und wer nicht? Der Schriftsteller Maxim Biller beklagt sich über einen neuen Chic, als jüdisch gelten zu wollen, und attackierte bei einer Diskussion seinen Autoren-Kollegen Max Czollek, der einen jüdischen Großvater hat, nach orthodoxer Vorstellung aber nicht als jüdisch gilt, weil nach diesem Verständnis die jüdische Abstimmung über die Linie der Mutter bestimmt wird. Auch der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hatte davor gewarnt, mit der Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben wie mit einem „Modetrend“ umzugehen.  mehr...

SWR2 Journal am Morgen SWR2

Gespräch Lebendige Demokratie lernen - Marina Weisband will Digitalisierung und Demokratiebildung an Schulen zusammenbringen

Demokratie braucht Menschen, die aktiv mitgestalten. Weil demokratische Prozesse an unseren Schulen bisher zu kurz kommen, engagiert sich Marina Weisband für das Beteiligungsprojekt “Aula”.  mehr...

SWR2 Tandem SWR2

Gespräch Marina Weisband zum Holocaust-Gedenktag: Warum werden aus Jüd*innen wieder Feinde?

Es habe keinen Sinn mehr, den Anfängen wehren zu wollen, sagt die Publizistin Marina Weisband in SWR2, mit Blick auf ihre Rede im Deutschen Bundestag zum Holocaust-Gedenktag. Man sei in Deutschland nicht mehr „in den Anfängen, sondern in einem stetigen Prozess“. 20 bis 25 Prozent in der Gesellschaft hätten latent antisemitische Einstellungen. Wenn Menschen Komplexität nicht aushielten und sich unbedingt Feinde suchen müssten, so Weisband, „warum finden sie sie so oft bei uns Juden?“
Es gebe eine deutsche und eine jüdisch-deutsche Gedenkkultur. Entscheidend dabei sei, so Weisband: „Sind die anwesenden Jüd*innen nur Dekoration, sind sie ,Props‘, oder hört man ihnen zu, gibt man ihnen eine Stimme, auch das zu sagen, was vielleicht nicht ins normale Protokoll passt“. Die deutsche Gedenkkultur sei wichtig, müsse aber dazu dienen, Jüdinnen und Juden in Deutschland, Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen und Minderheiten wirklich Raum zu geben. Sie selbst habe ihre Rede für den Deutschen Bundestag völlig frei gestalten können. Solange den Opfern des Holocaust zugehört werde, so Weisband, sei dies ein „gutes und sehr wichtiges Gedenken“.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Stuttgart

Festjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Im Jahr 2021 feiert die Bundesrepublik Deutschland das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Aus diesem Anlass soll nicht nur gegen das Wiedererstarken des Antisemitismus gekämpft, sondern vor allem auch auf die vielfältigen Lebensrealitäten der Jüdinnen und Juden in Deutschland geblickt werden.  mehr...

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