Literaturarchiv Ulrich Raulff nimmt Abschied von Marbach

Von Christian Gampert

14 Jahre war Ulrich Raulff Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Zum Jahresende geht er und übergibt seiner Nachfolgerin Sandra Richter eine überragend aufgestellte Wissenschafts- und Ausstellungs-Institution. Raulff selbst wird Präsident des ifa, des Instituts für Auslandsbeziehungen.

Raulff hat das Literaturarchiv zum Leben erweckt

Es fällt schwer, sich das Deutsche Literaturarchiv ohne Ulrich Raulff vorzustellen. Bevor er kam, war Marbach ein etwas verschlafener Wissenschaftsort mit honoriger Reputation, aber eben jenseits der großen Straße.

Jetzt, da er geht, ist Marbach immer noch von kreativitätsfördernder Abgeschiedenheit, aber dort finden nun in dichtem Rhythmus Symposien und Ausstellungen mit Hauptstadt-Niveau statt, dort wird immens viel geforscht, diskutiert und publiziert.

Beeindruckende Liste von Veröffentlichungen

Allein die Liste der Veröffentlichungen des „Marbacher Magazins“, die unter Raulffs Direktorat entstanden, ist imposant: sie reicht von Kafka, Rilke und George bis zu Beckett und Thomas Mann sowie den Themenheften zu Schicksal, Archiv, Liebe, Weltkrieg – um nur einige zu nennen.

Raulff ist ein ziemlich guter Themenfinder und –erfinder. Er spürt die Lücken im Forschungsbetrieb, und er stellt die richtigen Fragen, die von weitgehend selbständigen Mitarbeitern dann im Ausstellungsbetrieb umgesetzt werden.

Ulrich Raulff in SWR2 über seinen Abschied vom Literaturarchiv

adsfAls Manager und Wissenschaftler erfolgreich

Die damals neuartige Dauerausstellung, die wissenschaftlich-sakrale Textpräsentation im „Literaturmuseum der Moderne“ wurde von Raulff initiiert; der Bau dieses 2006 eröffneten Museums fällt ebenso in sein Direktorat wie die Sanierung des Schiller-Nationalmuseums.

Seltsamerweise ist er in der Einwerbung von Drittmitteln und der Gründung von Forschungsverbünden (mit Wolfenbüttel und Weimar) ebenso erfolgreich wie bei der Neuorganisation der komplizierten Trägerschaft des Literaturarchivs, in dem ja die Deutsche Schillergesellschaft der Hausherr ist.

Michel Foucault, Aby Warburg und Marc Bloch

Dabei ist Raulff kein Wissenschaftsmanager. Er ist selber Forscher, Autor, Historiker und Essayist. Die organisatorische Seite ist die Pflicht, das Schreiben die Kür.

Ulrich Raulff 2015 während der Frankfurter Buchmesse, auf einem Sofa sitzend, mit den Händen nach oben zeigend. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Philipp Kuchler)
Ulrich Raulff 2015 picture-alliance / dpa - Foto: Philipp Kuchler

Raulff wurde intellektuell vor allem durch Michel Foucault und den französischen Poststrukturalismus geprägt; seine Forschungsinteressen sind kulturgeschichtlich und reichen von Aby Warburg über Marc Bloch bis zum George-Kreis.

Marbacher Atmosphäre von Disziplin und intellektueller Lebensfreude

Neben seiner Direktorentätigkeit hat er ein Buch über das Verschwinden der Pferde aus der Gesellschaft geschrieben und die „Zeitschrift für Ideengeschichte“ gegründet, die sich für ein solches Minderheiten-Projekt sogar gut verkauft.

Erstaunlich ist die Leichtigkeit, mit der Raulff all das bewältigt – und die Atmosphäre zwischen Disziplin und intellektueller Lebensfreude, die in Marbach herrscht und die er maßgeblich vorgibt.

Der größte Coup: Kauf des Siegfried-Unseld-Archivs

Wenn Raulff ein Symposion eröffnet und ins Thema einführt, hat man oft das Gefühl, man könne jetzt eigentlich gehen – das Wesentliche ist gesagt. Eine Dichterlesung mit einem Raulff-Vorwort ist immer besser als ohne; selbst die peinliche Aufgabe, Politikern die Honneurs zu machen, gelingt ihm ohne Schaden am Rückgrat.

Der größte Coup von Raulffs Marbacher Zeit aber war der Kauf des Suhrkamp- oder vielmehr: Siegfried-Unseld-Archivs, das Forschern für Jahrzehnte Arbeit bietet und aus dessen Material zahlreiche Ausstellungen entstanden und noch entstehen werden.

Ulrich Raulff und das Gespräch als Lebensform

Die gesamte intellektuelle Nachkriegsgeschichte liegt hier vor uns und wartet darauf, neu entdeckt zu werden. Ulrich Raulffs Lebensform ist das Gespräch, das er in Marbach ausgiebig gepflegt und etabliert hat und das nun andere fortführen müssen.

Nur eines ist zu kritisieren: die ziemlich frugalen Speisen der Marbacher Kantine. Dieses Lokal grundlegend zu reformieren, das ist selbst Ulrich Raulff nicht gelungen.

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