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Unzählige konstruktive Ideen für einen gelingenden deutsch-deutschen Neustart seien vertan worden: In „Empowerment Ost“ benennt Thomas Oberender Defizite der letzten 30 Jahre deutsch-deutscher Geschichte. Dank seiner vielen präzisen Gedanken, Analysen und Schlussfolgerungen ist das Buch eine Anerkennung der Erfahrungen der Ostdeutschen vor, während und nach der friedlichen Revolution von 1989. Es ist eine mögliche Antwort auf die Frage, wie wir zusammen wachsen können, auch über den deutsch-deutschen Diskurs hinaus.

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„Es gab diesen kurzen Frühling der Anarchie, in dem die DDR noch bestand, aber alles neu verhandelt wurde. Und dieses Interim war die beste Zeit, die wir in Ost und West je miteinander hatten“, schreibt Thomas Oberender.

„Mit dem Einheitsvertrag kam das neue Geld und der neue Staat, kamen die neuen Experten aus dem Westen, die Vorgesetzte wurden. Es fand eine ungeheure Verdrängung des Ostens aus dem Osten statt.“

Thomas Oberneder in „Empowerment Ost“

Der deutsch-deutsche Neustart ist nicht gelungen

Der 1966 in Jena geborene Theaterwissenschaftler erinnert daran, wie schnell 1989/90 die Bestrebungen des Zentralen Runden Tisches, dessen primäres Ziel noch die Reform der DDR war, von der Kohl-Regierung unterminiert wurden. Mit dem 10-Punkte-Plan kam die deutsche Einheit mit aller Macht auf die politische Agenda.

Die wollten auch viele Ostdeutsche. Allerdings ahnten sie nicht, was das vorgelegte Tempo und das westdeutsche Gebot des Beitritts für sie bedeuten würde. Unzählige konstruktive Ideen für einen gelingenden deutsch-deutschen Neustart wurden vertan.

Gesamtdeutsche Verfassung wurde verworfen

„Natürlich wäre die Erarbeitung einer gesamtdeutschen Verfassung das Zeichen für einen gemeinsamen Neubeginn in unserem ganzen Land gewesen. Dieses Prinzip wurde im Artikel 146 formuliert. Und für diesen sich nun abzeichnenden Fall wollte die letzte DDR-Regierung einen ostdeutschen Verfassungsentwurf vorbereiten, wofür am Zentralen Runden Tisch die Bildung einer dafür verantwortlichen Arbeitsgruppe beschlossen wurde“, schreibt Thomas Oberender.

Das Ergebnis ist bekannt. Der Entwurf wurde abgetan mit den berühmt gewordenen Worten des CDU-Poitikers Rupert Scholz, er sei "Lyrik, Utopie und Prosa".

Kaum Ostdeutsche in ostdeutschen Betrieben

Nachzulesen sind in Oberenders Buch auch noch einmal Zahlen und Fakten zur Treuhand, die die ehemals volkeigenen Betriebe privatisierte und zu 95% an westdeutsche und ausländische Investoren verkaufte. Darin arbeiteten dann – und das hat sich bis heute nicht geändert – kaum noch Ostdeutsche.

Thomas Oberender benennt viele Defizite der letzten 30 Jahre deutsch-deutscher Geschichte. Zusammenwachsen, so sein Fazit, können Ost- und Westdeutsche so nicht. Es bedürfe der weiteren Aufarbeitung und Benennung vieler Versäumnisse.

Thomas Oberender: Wir leben heute wieder in einer Wendezeit

So zum Beispiel sollte man nicht verkennen, welch progressives Potential auch und gerade für die Gegenwart in dem verworfenen Verfassungsentwurf von 1989 steckt, für den Christa Wolf übrigens die Präambel schrieb. „So sollte z.B. das Grundrecht auf Wohnen und Arbeiten, also der rechtliche Anspruch auf Arbeit und eine Wohnung, Teil der neuen Verfassung sein. Auch der Umweltschutz, Geschlechtergleichheit und andere Dinge sollten Staatsziele des wiedervereinten Deutschlands werden.“

Die Forderungen sind auch heute in aller Munde, denn wieder leben wir nach Ansicht des Autors in einer Wendezeit –Thomas Oberender spricht vom Klimawandel, der dazu zwänge, die Pausentaste zu drücken.

„Empowerment Ost“ ist mit seinen vielen präzisen Gedanken, Analysen und Schlussfolgerungen eine Anerkennung der Erfahrungen der Ostdeutschen vor, während und nach der friedlichen Revolution von 1989. Das schmale Bändchen kann durchaus als eine mögliche Antwort verstanden werden auf die Frage, wie wir zusammen wachsen können, nicht nur im deutsch-deutschen Diskurs.

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