Thomas Mann mit Frau und Tochter (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Klassiker der Schullektüre Thomas Manns "Buddenbrooks"

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Leiden an der bürgerlichen Existenz

Der zweite Teil des Titels ist Programm: "Verfall einer Familie". Thomas Mann erzählt in seinem Roman "Buddenbrooks" den allmählichen Abstieg einer reichen Kaufmannsfamilie aus dem hanseatischen Bürgertum über mehrere Generationen hinweg. Er stellt in seinem Werk, das 1901 veröffentlicht wurde, die Frage nach den Bedingungen bürgerlicher Existenz, ihren Widersprüchlichkeiten, Zwängen und möglichen Gegenentwürfen, wie sie sich etwa in der Existenz des "freien" Künstlers andeutet. Fragen, die sich jede jüngere Generation aufs Neue stellt: Thomas Mann schrieb die "Buddenbrooks" im Alter von nur 22 Jahren und erhielt 1929 dafür schließlich den Nobelpreis für Literatur.

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Familie Buddenbrook – ein bürgerliches Idyll

Es ist ein normaler Donnerstag im Oktober 1835, Familie Buddenbrook trifft sich traditionell zu einem späten Mittagessen. Dazu eingeladen sind nur wenige Hausfreunde, man feiert im neu erworbenen Haus in der Mengstraße, und wie üblich man wird "ganz unter sich" sein:

Da ist der Seniorchef der Handelsfirma, Johann Buddenbrook der Ältere mit seiner zweiten Frau, sowie sein Sohn, Konsul Johann, genannt Jean, und dessen Frau Antoinette. Sie sind die Eltern der kleinen Antonie, genannt Tony, und ihrer Brüder Thomas und Christian. Jahre später wird noch eine Schwester, Clara, hinzukommen. Um diese Kernfamilie gruppieren sich in feiner sozialer Abstufung zahlreiche Nebenfiguren von geringerer Bedeutung.

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Mehr Schein als Sein

Auf den ersten Blick die pure Idylle. Doch der Schein trügt und Thomas Mann bringt den beginnenden Niedergang der Familie Buddenbrook bereits hier zur Sprache: Das neue Haus ist von einer Familie übernommen worden, die, einst so glänzend wie die Familie Buddenbrook, wirtschaftlich ruiniert, das Feld hatte räumen müssen. Die Mitglieder der Familie Buddenbrook scheinen umso fester entschlossen, es besser zu machen. Sie entscheiden sich immer wieder für das ökonomisch Gebotene, glauben allerdings stets daran, aus eigener sittlich orientierter Willensfreiheit zu handeln. Und sie scheitern: zum Teil psychisch und physisch, ökonomisch, aber auch im zwischenmenschlichen Bereich.

Die Romanfiguren scheitern – grandios

Zum Beispiel die Figuren Tony und Thomas, die Kinder des Konsuls Jean Buddenbrook. Als junge Leute verlieben sich beide in unstandesgemäße Partner: Tony in einen jungen Studenten, Thomas in eine einfache Blumenverkäuferin. Beide verzichten jedoch darauf, ihre Liebe gegen den Widerstand der Eltern durchzusetzen. Sie glauben zum Wohle der Familie und der Firma zu handeln, wenn sie schließlich ungeliebte, aber dem sozialen Status entsprechende Partner heiraten: Tony den Geschäftsmann Grünlich, Thomas die Tochter eines Amsterdamer Kaufmanns.

Kopf über Herz

Doch paradoxerweise sind es gerade diese Vernunftehen, die Firma und Familie in bedenkliche Schieflagen bringen. Tonys Mann Grünlich entpuppt sich als windiger Bankrotteur, der ihre Mitgift verschleudert und von dem sie sich schließlich scheiden lässt. Auch die zweite Ehe, die Tony eingeht, wird mit der Trennung enden. Thomas' Frau Gerda wiederum bestärkt den gemeinsamen Sohn Hanno in seiner Lebensuntüchtigkeit und in seinen künstlerischen Neigungen, die ihn als zum Erben der Firma untauglich macht. Aber auch für Hanno gibt es keinen glücklichen Ausgang, er stirbt mit 16 an Typhus.

Am Ende überleben nur die weiblichen Romanfiguren: Gerda kehrt wieder nach Amsterdam zurück. Tony, die naive, aber dafür gesunde Schwester des ebenfalls längst elend verstorbenen Thomas, will sich fortan den Familiendokumenten widmen, zusammen mit ihrer Tochter Erika. Das einst von Thomas erbaute Haus ist da schon längst verkauft – wie auch das Haus in der Mengstraße.

Ohne Chance gegen das Schicksal

Der Roman titelt nicht umsonst "Verfall einer Familie": Keiner der Buddenbrooks scheint auch nur im Ansatz und zu keiner Zeit eine reelle Chance zu haben, anders zu enden als vom Schicksal gewollt. Vor allem Schopenhauers pessimistischer Gedanke eines blinden, in der Welt waltenden Willens hat Thomas Mann schon früh beeinflusst, weiß der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering. Die Figuren dieses Romans denken "für den Augenblick ihrer Existenz, sie seien autonome willensfreie Wesen, ehe sie wieder untergehen im Strom, der sie hervorgebracht hat und der sie mit sich fortreißt." Sie sind Gefangene von Konventionen und Traditionen, überlieferten und selbstgemachten. Die Suche nach innerem Halt und nach Erfüllung der eigenen Bedürfnisse sind nicht vereinbar mit den Ansprüchen, die die Umwelt an sie stellt.

Autobiographische Parallelen

Als Thomas Mann die "Buddenbrooks" veröffentlichte, war er selbst alles andere als ein Klassiker, bemerkt Heinrich Detering. Er war vielmehr "ein sich selbst und anderen verdächtiger, gescheiterter Schüler aus Lübeck, ein gescheiterter Abkömmling einer Kaufmannsfamilie, der nicht wusste, was aus ihm werden sollte und er hatte alles auf die Karte dieses Buches gesetzt." Als Sohn eines Lübecker Kaufmanns und Senators genoss Thomas Mann einst ein sehr privilegiertes Leben, konnte die damit verbundenen Erwartungen aber ebenso wenig erfüllen wie seine Romanfigur Hanno: Es lag daher nahe, dass der junge Thomas Mann seine Erzählung vom Niedergang der Kaufmannsfamilie Buddenbrook mit der eigenen Familienbiographie verknüpft.

Durch den Erfolg versöhnt: die Heimatstadt

Obwohl der Name Lübeck kein einziges Mal fällt, werden im Roman auch die geographischen Details der Stadt deutlich genannt. Beispielsweise das heute "Buddenbrookhaus" genannte Kaufmannshaus in Lübeck in der Mengstraße 4 ist nicht zufällig ein Hauptschauplatz der Geschichte, denn Thomas Mann und sein älterer Bruder Heinrich waren in ihrer Kindheit hier häufig bei den Großeltern zu Besuch: im Familienkreis, auch donnerstags – wie im Roman beschrieben. Als die "Buddenbrooks" zum großen Erfolg wurden, versöhnte das schließlich auch die Bürger von Thomas Manns Heimatstadt Lübeck, von denen sich einige in den manchmal wenig schmeichelhaften Schilderungen der Romanfiguren wiedererkannten.

Doch damit sind die "Buddenbrooks" nicht etwa Schlüsselroman oder Autobiographie, ganz im Gegenteil. Der Roman hat zwar Anklänge an die Herkunft des Autors, allerdings können nur wenige Romane unter so vielfältigen Aspekten gelesen werden wie dieser: als Familien-und Gesellschaftsroman ebenso wie als Wirtschaftsroman, als philosophischer Essay, als historischer Epochenroman...

Kein "Hanno": der "freie Künstler" Thomas Mann

Thomas Mann kam am 6. Juni 1875 als zweites von insgesamt fünf Kindern zur Welt. Er besuchte zunächst eine Privatschule und wechselte im Alter von 14 Jahren auf ein Gymnasium. Er arbeitete an der Schülerzeitung mit und machte später mit eigenen Werken wie der Novelle "Gefallen" und dem Gedicht "Zweimaliger Abschied" auf sich aufmerksam. Während eines zweijährigen Italienaufenthalts begann Thomas Mann die "Buddenbrooks" im Örtchen Palestrina und beendete seinen Roman erst drei Jahre später, in München. Wieder zurück in Deutschland folgten weitere bedeutsame Werke wie die Novelle "Gladius dei", die Erzählung "Beim Propheten" oder das Theaterstück "Fiorenza". 1929 erhielt Thomas Mann für die "Buddenbrooks" den Nobelpreis für Literatur.

Literaturnobelpreis – die Zeit danach

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kehrte Thomas Mann Deutschland 1933 den Rücken und emigrierte zunächst in die Schweiz, fünf Jahre später nach Frankreich und anschließend in die USA. In Deutschland wurden ihm die Staatsbürgerschaft sowie die Doktorwürde aberkannt. In den Nachkriegsjahren – und ab 1952 wieder in der Schweiz – verfasste Thomas Mann bis zu seinem Tod am 12. August 1955 in Zürich einige der wichtigsten Werke der deutschen Literatur, darunter "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull", "Der Tod in Venedig", "Der Zauberberg" und "Doktor Faustus". Thomas Mann hat zwölf Romane geschrieben, mehr als 30 Erzählungen, zwei Bühnenstücke, 30 Essays sowie einige autobiographische Schriften.

Für seinen internationalen Erfolg als Schriftsteller war kein Abitur nötig – das hat er nie erlangt, und:

Diese und mehr Informationen verrät Jan Bovensiepen vor allem den schulpflichtigen Besuchern des "Buddenbrookhauses" in Lübeck immer wieder gerne.

Dass viele glauben, die "Buddenbrooks" hätten tatsächlich das Haus in der Mengstraße 4 bewohnt, beweist, wie sehr der Roman und seine Figuren offenbar bis heute einen festen Platz in der Realität haben: So erhält Frau Antonie Buddenbrook regelmäßig Post – beispielsweise Werbeangebote für eine Telefonflatrate.

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