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Donna Leon hat Venedig als Krimistadt salonfähig gemacht. Nun schickt der Stuttgarter Wolfgang Schorlau mit Co-Autor Claudio Caiolo einen neuen Commissario nach Venedig. Sein Buch „Der freie Hund” ist streckenweise sehr faktenreich, gleichwohl prallt literarische Freiheit auf die Wirklichkeit. Die in Venedig lebende Journalistin und Autorin Petra Reski hatte den Autoren vorgeworfen, ihre eigenen Recherchen geplündert zu haben.

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Kommissar Morello aus Sizilien wird nach Venedig versetzt

Vielen gilt Venedig ja als schönste Stadt der Welt, doch Wolfgang Schorlau beschreibt in seinem neuen Roman keine Idylle. Sein Kommissar Morello stammt aus Sizilien. Dort ist das Wasser blau, und die Mafia färbt die Straßen rot.

Zu seinem eigenen Schutz wurde er versetzt, und nun steht er am ersten Morgen in Venedig auf einer Brücke und schaut hinab.

Wolfgang Schorlau (Foto: Imago, imago images / Wilhelm Mierendorf)
Autor Wolfgang Schorlau Imago imago images / Wilhelm Mierendorf

Was für eine Drecksbrühe. Wo ist er hier hingeraten? Das Wasser ist nicht tief, trotzdem kann er nicht bis auf den Grund sehen. Die Brühe ist undurchdringlich – und sie stinkt. Angewidert geht er weiter. In den Wellen schaukelt eine alte Zeitung. Die Strömung versucht vergeblich, die Titelseite umzublättern. Daneben treiben eine Plastikflasche und ein gebrauchtes Kondom.

Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo: „Der freie Hund“

Schorlaus Beschreibungen weichen teilweise von der Wirklichkeit ab

Hier prallt die literarische Freiheit auf die Wirklichkeit. Schorlau beschreibt den Canale di San Pietro als „schleimige Brühe“, was eine fiese Unterstellung ist. Wenn keine Boote fahren, kann man dort am Rand der Insel manchmal bis auf den Grund des Wassers hinuntersehen.

Gegenüber vom Markusplatz liegen im Buch „protzige Jachten, eine größer, neuer und teurer als die andere.“ Doch realiter erstreckt sich die Lagune dort, und dann ragt in weiter Ferne die Kirche San Giorgio Maggiore empor. Daneben ankern kleine Segelyachten, die man mit dem bloßen Auge kaum erkennen kann.

Wer vertraut ist mit Venedig, dem stoßen solche Differenzen auf. So kann auch weder am frühen Morgen noch zu irgendeiner anderen Zeit ein Kreuzfahrtschiff seinen Schatten auf den Canal Grande werfen, der im Buch auch mal Canale Grande heißt.

Ein echter Caravaggio als Bettvorleger

Wolfgang Schorlau ist bekannt geworden durch die Figur des Stuttgarter Privatermittlers Dengler. Man will’s ihm nicht verübeln, dass er seinen neuen Kommissar nun lieber nach Venedig schickt, dorthin wo Donna Leons Kommissar Brunetti bereits 28 Fälle löste.

Da Schorlau aber selbst kein Italienisch spricht, hat er als Co-Autor den Schauspieler Claudio Caiolo mit ins Boot geholt. Keine Frage, auch wer diesen Schorlau liest, weiß mehr: Dass in Venedig 56.000 Bewohner alljährlich 30 Millionen „Barbaren“ ertragen müssen, dass für das neue Hafenprojekt „Venedig 2.0“ nicht weniger als 2 300 000 Kubikmeter Lagunengrund ausgegraben werden und dass ein Mafiaboss offenbar mal einen echten Caravaggio als Bettvorleger nutzte.

Ein paar Brocken Italienisch lernt man außerdem – etwa das Lieblingswort des Commissario: „Cazzo!“ – „Scheißdreck!“

Plötzlich ist die Sonne verschwunden. Ein kühler Schatten fällt auf die Szene. Etwas Gespenstiges, Riesiges drängt sich durch die Lagune. Ein Monster, größer als alles, was Morello je gesehen hat. Ist das noch ein Schiff? Cazzo! So groß wie ein Wolkenkratzer! Der Dogenpalast und der Campanile wirken plötzlich klein wie Spielzeug neben dem Monster aus Stahl.

Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo: „Der freie Hund“

Mit Morello taucht man ein in die Verwicklungen von Wirtschaft, Mafia und Politik, und da der Neuankömmling aus Sizilien manches noch nicht weiß, klären ihn die Venezianer auf, was passagenweise leider die literarische Qualität von Wikipedia-Artikeln hat.

Auch in seinen jüngsten Roman hat Schorlau wieder viele Fakten eingeflochten. Dazu kleine Schmankerl wie die Geschichte vom Hund der Pathologin, der nicht in den Seziersaal darf, weil er so gerne Innereien frisst. Der Kommissar kocht sizilianische Caponata, singt Canzoni und flirtet mit der neuen Nachbarin, und am Ende steht ein Showdown nach Mafia-Manier.

Erneut hustet die Maschinenwaffe, und Morello sieht mit maßlosem Entsetzen, wie der Schädel des Mannes platzt. Blut, Knochenstücke und Hirnmasse werden in die Luft geschleudert und hinterlassen an der Wand grausliche Muster.

Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo: „Der freie Hund“

Cazzo! Doch keine Angst, es gibt ein Happy End. Und glücklich legt man dieses Buch danach beiseite.

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