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Steffen Kopetzky hat in den letzten Jahren mit seinen Romanen Risiko und Propaganda Kriegsromane geschrieben, die Bestseller wurden und die die Kritik feierte. In seinem neuen Roman geht es um den Krieg gegen ein Virus, Variola, Pocken. Das hört sich nach Mittelalter an – gab es aber zuletzt vor 50 Jahren zum letzten Mal in Deutschland genauer in der Eifel.

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Monschau, das ist ein kleiner Ort in der Eifel, bei Aachen, unweit von Belgien, Frankreich, Luxemburg. Auf der einen Seite also sehr international, auf der anderen Seite etwas abgelegen. Das ist nicht unwichtig, wenn man den neuen Roman von Steffen Kopetzky liest.

Es geht darin um den Ausbruch einer Seuche 1961. Eine wahre Geschichte: Damals brachte ein Mitarbeiter einer Schmelzofenfabrik von einer Indienreise die Pocken mit, sie galten in Deutschland längst als quasimittelalterliche Schauergeschichte – und platzten plötzlich ins Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit.

Die hohe Kunst der Kolportage

Steffen Kopetzky macht daraus eine Kolportagegeschichte, und es ist wichtig sofort zu betonen, dass Kolportage nicht trivial sein muss, sondern zum Beispiel in diesem Fall zu einem ganz besonders wunderbaren Roman führt.

Der Autor Steffen Kopetzky (Foto: Pressestelle, Enno Kapitza/Rowohlt Berlin Verlag)
Der Autor Steffen Kopetzky Pressestelle Enno Kapitza/Rowohlt Berlin Verlag

Der Held heißt Nikos Spyridakis, er kommt aus Griechenland, studiert in Deutschland Medizin. Er ist der einzige Mediziner, der sich in die erkrankten Familien traut. Als Schutzkleidung dient der schwere Anzug der Schmelzofenfabrik, wie eine Rüstung trägt er ihn, die Anzüge wurden damals gerade entwickelt.

Er wohnt in einer Personalwohnung im Herrensitz der Schmelzofenfabrik, im Buch heißt die Fabrikanten-Familie Rither. Natürlich ist die Tochter gerade aus Paris zurückgekehrt, hat einen Haufen toller Musik mitgebracht und aufregende Bücher. Natürlich begegnen die beiden sich.

Steffen Kopetzky weckt die Aufbruchsstimmung der frühen 60er Jahre zum Leben

Nein, Vera und er, solche wie sie, die Generation, die während der Schrecken des Zweiten Weltkrieges mit Murmeln gespielt, als Kinder in Luftschutzbunkern geschlafen hatte – und manche von ihnen hatten die Hölle der Lager aller Art kennengelernt – , sie wollten ein neues Europa. Und sie wollten guten amerikanischen Jazz.

Dem Buch ist ein ganzer Soundtrack eingeschrieben rund um Jacques Brel und Miles Davis, der im Jahr 1962 seiner Frau Grace ein Album widmete.

Ein paar Lektürehinweise, Colette zum Beispiel, gibt es auch, wenn die Fabrikantentochter und der griechische Arzt ihre Abende ganz unschuldig mit Wein und seltsamen Gerichten wie Lachsnudeln mit Cognac und Kraftbrühe verbringen.

Nikos stand pünktlich auf die Minute in Sakko und Krawatte vor dem Dienstboteneingang und klingelte. Dann überreichte er ihr eine Schachtel Pralinen. Oostender Muschelkonfekt.

Die alten Nazi-Seilschaften sind noch aktiv

Der Familienname Rither und die Ritterrüstung des jungen Griechen kommen nicht von ungefähr Rittergeschichten waren die ersten Kolportageromane. Vera und Nikos kämpfen gegen sowas wie einen Drachen, und der kommt in Gestalt alter Naziseilschaften.

Die in der Gier der Nachkriegswirtschaftswunderjahre verdrängten Völkerverbrechen sind wie ein vielköpfiger Gegner. Und der bricht vor allem aus in Gestalt des Geschäftsführers der Fabrik, Richard Seuss, der einiges zu verstecken hat. Und vieles kontrollieren will. Gut kämpft gegen Böse.

Seuss wollte Verflechtung, dachte in Verflechtung. Und, dass war auch klar, er war auf Wachstum aus. Aber letzten Endes konnte es doch nur um ihn selbst gehen. Um seine Position als Chef der Firma, die er zwar nicht besaß, aber an der er gut verdiente und in der er, wohl am wichtigsten, alle Macht, das alleinige Sagen hatte.

Das Personal, dass Kopetzky zeichnet, erinnert stark an alte Mabuse-Spielfilme – ohne dass die Klischees je billig erscheinen.

Wie gut Kopetzky erzählen kann, hat ja vor zwei Jahren mal wieder der Roman Propaganda gezeigt, in dem er Ernest Hemingway in einer Schlacht in der Eifel einem jungen Soldaten begegnen lässt, dem er später in den Vietnamkrieg folgt.

Kopetzky urteilt nicht, er beschreibt

Jetzt entwirft er die Zeit dazwischen, wieder nah an der Realität. Und nie von oben herab, immer aus der Zeit selbst, er urteilt nicht, er beschreibt. Einen kriegsversehrten Chauffeur zum Beispiel.

Dafür, dass Seuss ihn nach seiner Rückkehr aus Gefangenschaft und Sanatorium anstandslos als ordentlich bezahlten Chef-Fahrer angestellt hatte, war Lembke ihm bis heute dankbar. Seuss wusste sehr genau, dass man den jungen Menschen vor dem Krieg systematisch beigebracht hatte, sich selbst groß darin fühlen zu können, nichts zu sein und alles für Führer und Volk zu geben. Sich zu opfern. …
Dies waren nun die etwa Fünfunddreißigjährigen in Deutschland, beziehungsweise diejenigen von ihnen, die überlebt hatten. Immer noch zuverlässig, wenn auch voller Schmerz und Verzweiflung, oft nicht gesund an Körper oder Geist oder beidem.

Die Fabrik, die Pocken, die Region, die Verbindungen gab es wirklich, eine der Hauptfiguren, der heldenhafte Günter Stüttgen, tauchte auch schon im vergangenen Buch auf. Als Unternehmertochter habe ich mir Conny Froboess vorgestellt, als bösen Geschäftsführer eine Mischung aus Wolfgang Völz und Gert Fröbe.

Schuldig bin ich noch die Begründung, warum Monschau ein wirklich tolles Buch ist und nicht nur eine Räuberpistole aus der Nachkriegszeit. Es ist ein Spannungsroman, klar. Und ein wenig ein Liebesroman. Vor allem aber ist es ein Roman, der die Situation seiner Leser unheimlich klug mit einbezieht.

Natürlich denkt jeder beim Lesen an die derzeitige Pandemie, vergleicht Pocken und Corona. Und vor einiger Zeit gab es eine Diskussion darüber, wie man mit den ganzen in der Quarantäne entstehenden literarischen Bewältigungsversuchen umgehen soll.

„Monschau“ ist ein unaufdringlich aktuelles Buch

Bei diesem frühen Exemplar eines Corona-Romans kann man nur sagen: Lesen. Denn die Parallelen, die Kopetzky unaufdringlich zur Corona-Pandemie zieht, springen dem heutigen Leser ins Auge, die Familientragödien, die Quarantänezumutungen, die unglücklichen Feierversuche – alles taucht auf, der Erzähler aber bleibt auf Augenhöhe seiner Zeit, der 60er Jahre.  Nein, er weiß nichts besser. Aber jeder, der das Buch liest merkt: Die Pandemie, die auf eine sowieso gerade belastete Gesellschaft trifft, das war damals Pocken in der unbewältigten Nazivergangenheit – aber heute passt das auch.

Und trotzdem wirkt es heimelig. Dafür sind die Liebesgeschichte, die Pariser Kulturszene und vieles andere Erzählebenen einfach zu schön. Und so wird am Ende fast alles gut.

Steffen Kopetzky erzählt von einer Bewährungsprobe in einer Zeit des Aufbruchs, als die Jugend noch nicht rebellierte, sondern von Freiheit träumte. Lange nicht mehr ein so tröstliches, spannendes und unaufdringlich aktuelles Buch gelesen!

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