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Ein komplett verwöhntes Mittelstandsgirl, so bezeichnet sich Sophie Passmann. Und gerne würde sie raus aus ihrer Haut, gerne wäre sie ernsthafter und aufrichtiger in dem Versuch, das eben nicht mehr zu sein, ein verwöhntes Mittelstandsgirl. Aber weil niemand seine Haut einfach so ablegen kann, radikalisieren sich Sophie Passmann und ihre Freunde eben in ihrer Langweiligkeit - so beschreibt sie es in ihrem neuen Buch „Komplett Gänsehaut“.

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Emotionen statt Argumente

Komplett radikalisierte Langweiligkeit ist dieses Buch eigentlich. Es aber nur langweilig zu nennen, wäre zu wenig. Es ist eine groß angelegte Denk-Vermeidungsstrategie:

„… ohnehin sind wir oft fassungslos oder auch unendlich traurig, wahnsinnig verletzt, immer dann, wenn man gut und gerne auch mal einen Gedanken fassen könnte, setzen wir einen neuen Affekt an, wir fühlen da, wo denken angebracht wäre, wir ersetzen Argumente mit Emotionen.“ (Sophie Passmann: Komplett Gänsehaut, S. 65)

Zu den Eltern fahren bedeutet: mit der Erbschaft konfrontiert werden, die wartet

Wir – damit meint Sophie Passmann sich und ihre Generation. Und auch wenn sie betont, dass es nicht die eine homogene Generation gibt, weicht sie nicht davon ab, mit großer Überzeugung von Wir und Uns zu schreiben.

Das „Wir“, das sie meint, lebt in schönen Altbauwohnungen mit USM-Haller Design-Regalen, kocht abends Risotto, geht auf den Markt und besitzt natürlich keinen Fernseher, sondern guckt Filme über den Beamer.

Zu ihren Eltern fahren sie selten, denn dort werden sie vor allem mit der Erbschaft konfrontiert, die auf sie wartet:

„Ich fahre selten in die Stadt, aus der ich komme, in das Haus, in dem ich groß geworden bin, weil ich es nicht ertrage, mir den ganzen Krempel anzuschauen, den ich irgendwann erben muss.“ (Sophie Passmann: Komplett Gänsehaut, S. 158)

Sophie Passmann schreibt über ein bürgerliches Milieu, dem sie selbst angehört

Ein bisschen Ironie, ein bisschen Selbstreflexion, ein bisschen Wut auf sich selbst: So schreibt Sophie Passmann über ein bürgerliches Milieu, dem sie selbst angehört. Viele Gefühle, wenig Tiefe. Passman genießt Privilegien, für die sie sich 170 Seiten lang geißelt. Ihr Verlag nennt das dann „Literarischen-Selbsthass“. Passmann schreibt: „Unser Leben ist so, als würden wir kurz vorm Einschlafen keine gemütliche Liegeposition finden.“ Es ist wirklich tragisch.

„Wenn strenge Menschen im Internet sagen, man müsse seine Privilegien reflektieren, dann ist das doch genau das: Dahin ziehen, wo man sich am wenigsten deplatziert fühlt, und dann alle hassen, die genauso aussehen wie man selbst.“ (Sophie Passmann: Komplett Gänsehaut, S. 106)

Wenn das Ironie sein soll, so ist sie selbstverliebt und zynisch

„Bionade-Biedermeier“ - so nannte Die Zeit vor 14 Jahren diese Form der bürgerlichen Mitte. Passmann schreibt für das Zeit Magazin, vielleicht hätte eine Kolumne gereicht, um so zu tun, als würde man mit der eigenen Herkunft abrechnen.

Das privilegierte Mittelstands-Girl Sophie Passmann entdeckt und beschreibt ihre Klasse, ihre Generation und ihre Herkunft und verpackt das alles in einer endlosen Thomas-Bernhard-Suada. Leider ist das keine kritische Ironie, die das bürgerliche Bewusstsein demaskiert. Und wenn es Ironie sein soll, so ist sie selbstverliebt und zynisch.

Statt zu analysieren bleibt Passmann an bizarren Konsum-Oberflächen kleben

Passmann vermeidet es, tief in die gesellschaftlichen Strukturen hineinzugehen und beispielsweise die Verbindungen zwischen Kapitalismus, Nationalismus und patriarchalen Machtverhältnissen aufzuzeigen. Stattdessen bleibt sie an bizarren Konsum-Oberflächen kleben.

Den neuen frechen Weinladen um die Ecke enttarnt sie als Treffpunkt für Nazi-Enkel, in Kneipen geht ihre Generation nur, um nah am Lifestyle der Arbeiterklasse zu sein. Und den Rest ihres Lebens verbringen sie damit, ihre Familiengeschichte zu verdrängen:

„Geht man in Deutschland vor die Tür und denkt nicht, überall Nazis, denkt man nicht gründlich genug. Es ist vielleicht das Einzige, das unser Land eint: Überall Nazis.“ (Sophie Passmann: Komplett Gänsehaut, S. 100)

Passmann verlässt ihre Komfortzone nicht

„Komplett Gänsehaut“ ist ein sehr deutsches Buch. Es klagt über sich, blendet alle aus, die es nicht so gut haben, wie man selbst, weiß um seine eigenen Makel und will doch wenigstens den ein oder anderen zustimmenden Lacher für seinen Jammerzustand abgreifen.

Ein wenig argumentiert Sophie Passmanns mit ihrer Pseudo-Wut auf das Establishment wie die alten weißen Männer, die sie sonst immer kritisiert. Ähnlich wie sie, verlässt sie ihre Komfortzone nicht. Warum denn auch, eine Altbauwohnung mit Stuck ist ja zu schön.

Gespräch Gewitzte Influencerin: Sophie Passmann

„Natürlich bin ich am Ende des Tages nur ein Girl, das witzige Sachen ins Internet schreibt. Aber mir folgen Chefredakteure, Staatssekretäre, Politiker und wichtige Menschen." Jörg Armbrüster spricht mit der Autorin und Moderatorin.  mehr...

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