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75 Jahre deutsche Mediengeschichte mit dem ,,Spiegel“: ,,Sich selbst feiern gehörte schon immer dazu“

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Vor 75 Jahren, am 4. Januar 1947, erschien der erste ,,Spiegel“. Seitdem hat das Nachrichtenmagazin nicht nur die Medien-, sondern auch die politische Geschichte der Bundesrepublik mitgeprägt, sagt Volker Lilienthal, der an der Universität Hamburg Journalistik lehrt.

Das Zeugnisverweigerungsrecht für Journalisten vor Gericht sei beispielsweise eine der direkten Folgen der sogenannten Spiegel-Affäre 1962, so Lilienthal. Dabei habe aber auch das öffentliche Aufsehen um die Titelgeschichten des Magazins stets zum Geschäftsmodell gehört. Nicht zuletzt sei aus der Spiegel-Affäre der Nimbus des ,,Spiegel“ entstanden und der werde auch vom Magazin selbstbewusst gefeiert.

Auch wenn die Süddeutsche Zeitung" den Hamburgern da mittlerweile etwas den Rang abgelaufen habe, sei die kritische Recherche über Jahrzehnte der Kern des Erfolgsmodells „Spiegel“ gewesen, erklärt Lilienthal weiter. Daran ändere auch der Fall Claas Relotius nicht unbedingt etwas, der Teile seiner Reportagen für den Spiegel erfunden hatte, denn bei der Aufarbeitung der Affäre habe der ,,Spiegel“ sehr viel richtig gemacht, meint Lilienthal.

Für die Zukunft sieht Lilienthal sowohl digitale wie auch gesellschaftliche Herausforderungen auf das Magazin zukommen. Dazu gehöre, zu allen gesellschaftlichen und politischen Strömungen eine journalistische Distanz zu halten. Dann bleibe auch die Marke ,,Spiegel“ lebendig.

SWR2 Archivradio: Die Spiegelaffäre

27.10.1962 „Bedingt abwehrbereit“: Beginn der Spiegel-Affäre

27.10.1962 | Am Abend des 26. Oktober 1962 besetzte die Polizei Redaktionsräume des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ im Hamburger Pressehaus. Vorausgegangen waren Berichte des „Spiegel“, die sehr kritisch gegenüber der Politik von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) waren. Insbesondere der Artikel, der am 10. Oktober 1962 unter der Überschrift „Bedingt abwehrbereit“ erschienen war.
Der Artikel kam zu dem Ergebnis, dass die Verteidigungsstrategie der Bundeswehr im Fall eines sowjetischen Angriffs nicht funktionieren würde. Die Bundeswehr sei dafür zu schlecht ausgestattet.
Diesen Artikel und die darin enthaltenen Details betrachteten Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und Verteidigungsminister Strauß als Landesverrat, aber auch Bundesanwalt Albin Kuhn sah das so.
Am 23. Oktober 1962 ergingen Haftbefehle, drei Tage später schlug das Bundeskriminalamt zu und am folgenden Morgen, dem 27. Oktober 1962, informierte der Verlag die Öffentlichkeit über die Vorgänge.
Später, am selben Tag, befragen Journalisten die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, worüber wiederum der Südwestfunk berichtete. Darin fällt auch das Stichwort „Onkel Aloys“. Unter diesem Titel war im September bereits ein Strauß-kritischer Artikel im Spiegel erschienen – und zwar darüber, dass ein enger Vertrauter der Strauß-Familie, Aloys Brandenstein, durch Rüstungsgeschäfte der Bundesregierung Millionen an Provisionsgeldern kassiert habe.
Minister Strauß verklagt „Spiegel“-Chef Rudolf Augstein. Viele spekulieren, dass die aktuelle Aktion gegen den „Spiegel“ ein Racheakt des Verteidigungsministeriums sei. Auch diese Frage sprechen die Journalisten gegenüber der Bundesanwaltschaft an.  mehr...

29.10.1962 Nach Augstein-Verhaftung: öffentliche Spiegel-Betriebsversammlung mit Verlagschef Becker

29.10.1962 | Zwei Tage nach der Durchsuchung der "Spiegel"-Redaktionsräume stellte sich "Spiegel"-Chef Rudolf Augstein am 28. Oktober 1962 der Polizei und wurde verhaftet. Am 29. Oktober lädt Verlagschef Hans Detlev Becker die Belegschaft zu einer Betriebsversammlung. Er gibt sich gut gelaunt und selbstsicher, macht sich über die Regierung lustig und erklärt, dass ein "Spiegel" ohne Augstein sicherlich ein anderer Spiegel wäre. Zugleich zeigte er sich zuversichtlich, dass sich die Beschuldigungen in Luft auflösen würden. | Spiegel-Affäre  mehr...

14.5.1965 Rudolf Augstein zum Ende der Spiegel-Affäre

14.5.1965 | Rudolf Augstein bleibt 103 Tage in Haft. Am 7. Februar 1963 wird er freigelassen, weil die Haftgründe – Flucht- und Verdunkelungsgefahr – als nicht mehr gegeben angesehen werden. Das Verfahren wegen Landesverrats ist damit aber noch nicht ausgestanden. Das passiert erst zwei Jahre später. Im Februar 1965 werden die Ermittlungen gegen Rudolf Augstein eingestellt, am 13. Mai 1965 kommt sogar der Bundesgerichtshof zum Ergebnis, dass es für den Vorwurf des Landesverrats keine Beweise gibt. Alle Details, die der Spiegel in seinem regierungskritischen Artikel „Bedingt abwehrbereit“ verwendet habe, seien bereits von anderen Medien genannt worden oder öffentlich zugänglich gewesen. Am Tag nach diesem sehr klaren Urteil des Bundesgerichtshofs äußert sich Rudolf Augstein in einem Interview mit NDR-Redakteur Helmut Günther.  mehr...

Eine Medien-Geschichte der Kanzler-Sprecher Willy Brandt und Conrad Ahlers — Stimmen der Macht

Mit Conrad Ahlers wird ein Regierungssprecher erstmals zum Gesicht der Regierung. Es ist die erste Blütezeit des Fernsehens. Durch seine Fernsehauftritte wird Ahlers bundesweit bekannt, ebenso dank seinen flapsigen Bemerkungen.  mehr...

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