Nachlass von Rainer Maria Rilke im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (Foto: SWR, Silke Arning)

Jahrhunderterwerb für Literaturgeschichte

Sensation: 10.000 Seiten Nachlass von Rainer Maria Rilke - jetzt im Deutschen Literaturarchiv Marbach

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Silke Arning
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Clemens Zoch

Der umfangreiche Nachlass des Lyrikers Rainer Maria Rilke lag bislang in einem schlichten Einfamilienhaus im badischen Gernsbach. Es war der letzte große Bestand eines Autors der Moderne in Privatbesitz. Nun ist dieser Schatz im Deutschen Literaturarchiv (DLA) Marbach eingezogen: 10.000 Seiten, fast 9000 Briefe, außerdem Fotos und Zeichnungen des Autors. Schon jetzt gilt der Erwerb dieses Nachlasses als Sensation.

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Jahrhunderterwerb in unterirdischem Archiv

Selten präsentiert sich ein „Jahrhunderterwerb“ so unspektakulär: ein fensterloser, unterirdischer Raum, Neonlicht, kalte Metallregale mit meterweise grünen Archivkästen. Doch in den Boxen schlummern Geheimnisse, die die Literaturwissenschaftler schon heute andächtig den Atem anhalten lassen.

Nachlass von Rainer Maria Rilke im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (Foto: SWR, Silke Arning)
Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs und Ulrich von Bülow, Leiter der Marbacher Archivabteilung, sichten den Nachlass Rilkes. Silke Arning

Literarische Zeitgeschichte in Briefen und Leserzuschriften

Ulrich von Bülow zum Beispiel. Behutsam, Blatt für Blatt, hat der Leiter der Marbacher Archivabteilung den Rilke Nachlass aus den Umzugskisten umgebettet und war völlig erstaunt: „Rilke hat alle Briefumschläge aufgehoben, auch Leserzuschriften usw., die andere Autoren eher wegwerfen. … die Briefe waren so gut erhalten, die hat selten jemand in der Hand gehabt.“

„Daraus atmet tatsächlich die Atmosphäre der 10er und 20er Jahre, in denen so viel möglich war … Eine Atmosphäre der Freiheit der Intellektuellen ... und das begeistert mich besonders.“

Fotos lassen die Welt von vor 100 Jahren wieder auferstehen

 

Nachlass von Rainer Maria Rilke im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (Foto: SWR, Silke Arning)
Rainer Maria Rilke 1903 im Atelier in Rom Silke Arning

Einmal den Deckel einer Archivbox gelupft, scheint die Welt von vor 100 Jahren wiederaufzuerstehen. 1903 hält sich der Dichter zusammen mit seiner Ehefrau, der Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff mehrere Monate in Rom auf. Ein altes, schon leicht verblichenes Schwarz-Weiß-Foto aus dem Nachlass erzählt von dieser Zeit.

Tagesschau-Bericht zum Rilke-Nachlass:

Korrespondenz mit Walther Rathenau

Aus einer weiteren Mappe, die Sandra Richter aus einer anderen Archivbox gezogen hat, sticht ein cremeweißer Briefbogen mit aufgedrucktem Wappen und ebenmäßig schöner Schrift hervor. Geschrieben von dem liberalen Politiker Walther Rathenau aus dem Grand Hotel Continental in München. Das war im Jahr 1915, der Krieg hatte schon begonnen. „Man vermutet nicht, dass er mit Rathenau korrespondierte“, so Richter. „Aber er war am Politischen durchaus interessiert, nicht nur an der Kunst.“

Nachlass von Rainer Maria Rilke im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (Foto: SWR, Silke Arning)
„Lieber Herr Rilke ... “ Einladungsschreiben ins Hotel „oder besser in die Odeonsbar ... “ von Walther Rathenau an Rilke vom 2. Mai 1915. Silke Arning

Tausende Briefe – Rilke war kein Einzelgänger

Man werde sicher noch etliche, weniger bekannte Seiten dieses Dichters entdecken, vermutet Sandra Richter. Stoff gibt es jedenfalls mehr als genug. 2500 Briefe hat Rainer Maria Rilke hinterlassen, über 6000 weitere hat er bekommen. Dabei gilt der Lyriker als Einzelgänger, der zurückgezogen gelebt habe, so die Marbacher Archiv-Chefin. Für sie scheint die umfangreiche Korrespondenz, die Rilke geführt hat, eher auf einen Menschen hinzudeuten, der in seiner Zeit gestanden und gelebt habe. 

Nachlass von Rainer Maria Rilke im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (Foto: SWR, Silke Arning)
Rilkes Notate zu den Duineser Elegien Silke Arning

Aufarbeitung des Nachlasses wird Jahre dauern

„Und auch dieser Bestand ist hoch interessant. Denn es geht nicht nur um Rilke, sondern um einen ganzen riesigen Freundeskreis, Mäzenekreis, um ein Europa, das heute in dieser Form nicht mehr existiert. Ein Europa der Adligen und Wohlhabenden, das mit dem ersten Weltkrieg verschüttet worden ist. Dieses wiederzuentdecken ist jenseits von Rilke auch sehr reizvoll.

Nachlass von Rainer Maria Rilke im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (Foto: SWR, Silke Arning)
Katalog zum Rilke-Nachlass erstellt von den Nachfahren aus dem badischen Gernsbach Silke Arning

Konservierung, Aufarbeitung und Digitalisierung dieses umfangreichen Nachlasses werden wohl Jahre dauern, vermutet Sandra Richter, die noch immer mit seligem Blick die grünen Archivboxen betrachtet.

Literaturarchiv Marbach Jahrhunderterwerb: Nachlass von Rainer Maria Rilke kommt Marbach

Das Deutsche Literaturarchiv kann sich über einen spektakulären Ankauf freuen: der Familien-Nachlass von Dichterlegende Rainer Maria Rilke. Rund 100 Jahre lagerten Rilkes Schriften bei seinen Nachfahren im badischen Gernsbach. Germanist und Rilke-Experte Christoph König erhofft sich durch den Ankauf ganz neue Erkenntnisse zu Leben und Werk Rilkes.

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Literatur Rilkes Nachlass kommt 96 Jahre nach seinem Tod ins Deutsche Literaturarchiv

Die Nachkommen des Dichters Rainer Maria Rilke (1875-1926) übereignen dessen Nachlass dem Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Gedichte und ihre Geschichte „Die Konfirmanden" von Rainer Maria Rilke

Der Pfingstsonntag ist der Tag, an dem die Jünger Jesu vom Heiligen Geist erhellt wurden. So steht es in der Apostelgeschichte in der Bibel. Traditionell wird in protestantischen Kirchengemeinden rund um Pfingsten die Konfirmation gefeiert. Rainer Maria Rilke hat im Mai 1903 in Paris am Pfingstsonntag Konfirmandinnen und Konfirmanden bei ihrer Feier beobachtet und sich davon zu einem Gedicht inspirieren lassen. Auch wenn Rilkes Werk zeitlebens von religiösen Themen durchzogen wurde, so hinterfragte er diese stets. Er fühlte sich einem nahen und schwer fassbaren Gott verbunden - aber der Glaubenswelt des Christentums gegenüber war er skeptisch. Dies zeigt sich auch in seinem Gedicht „Die Konfirmanden“.

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