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„Es ist ein bisschen wie mit dem Muttertag“, sagt die saudi-arabisch-deutsche Übersetzerin und Schriftstellerin Rasha Khayat in SWR2 über den deutschen Diversity-Tag in der der Literatur. „Einmal im Jahr schenkt man Mama Blumen, auch wenn sie die restlichen 364 Tage die gleiche Arbeit leistet. Dabei ist Diversität auch gelebt, passiert jeden Tag.“ In dieser Hinsicht wirke der deutsche Kulturbetrieb noch immer sehr weiß und bildungsbürgerlich, hinke der Gegenwart hinterher.

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Der Fall Amanda Gorman: So durchsichtig, dass man sich dafür schämen müsste

Die Debatte um die Übersetzung von Gedichten der jungen afroamerikanischen Dichterin Amanda Gorman habe gezeigt, so Rasha Khayat, dass die Verlage in Deutschland zumindest unbeholfen auf das Thema Diversity reagierten – oder aber nur ein Marketing-Instrument darin sähen.

So kritisiert Rasha Khayat, dass für die deutsche Übersetzung von Gormans Gedichten zwei Frauen verpflichtet wurden, die zwar prominent in der identitätspolitischen Debatte vertreten seien, jedoch über keinerlei Übersetzungserfahrung verfügten. „Das war einfach so durchsichtig“, so Khayat, „dass ich mich gefragt habe, wie man das machen konnte, ohne sich nicht zu schämen“.

„Ich finde es fast ein bisschen unverschämt, wenn man so einen Tag erfindet und sagt: Jetzt feiern wir etwas ganz Besonderes, obwohl es eigentlich völlig normal sein sollte.“ — Rasha Khayat

Schon jetzt fragen Verlagsvertreter: ,Ach, schon wieder ein Migrantenroman?'

Von Verlagen würden nicht nur Übersetzer*innen, sondern auch Autor*innen und People of Colour „von Instagram weggecastet, namentlich gerne auch welche, die zehntausend Follower und mehr haben“. Es sei jedoch fraglich, ob sich die Verlage damit längerfristig einen Gefallen täten. Der Markt werde derzeit mit Diversity-Literatur überschwemmt, womöglich mit dem Ergebnis, dass in einer späteren Saison niemand mehr davon hören wolle.

„Man erlebt es mit Verlagsvertretern und Journalisten teilweise jetzt schon“, so Khayat, „dass sie sagen: ,Ach, schon wieder so ein Migrantenroman‘.“ Dabei stimme dieses Vorurteil nicht. Es gebe hervorragende Autor*innen – und eine große Bandbreite verschiedener Geschichten. „Es ist ganz nett, wenn man mal genauer hinschaut“, so die Schriftstellerin und Übersetzerin mit Blick auf den Diversity-Tag, aber eigentlich sei es „etwas unverschämt“, sich einen einzelnen Tag für das zu reservieren, was man eigentlich jeden Tag wertschätzen sollte.

Wie eine Zirkus-Attraktion - nicht wie eine Schriftstellerin

Rasha Khayat: „Bei einer Veranstaltung von mir haben die Veranstalterinnen mal ein Büfett aufgebaut mit Baklava und einem Samowar, der dann die ganze Zeit über gerauscht hat. Und dann hat man mir eine junge geflüchtete Syrerin vorgestellt, die dann in der Pause Musik machen sollte. Da fühlt man sich dann doch wie eine Zirkus-Attraktion und nicht wie eine Schriftstellerin.“

Gespräch „The Hill We Climb“ von Amanda Gorman – Deutsche Übersetzung erscheint

„Die Übersetzung ist insgesamt sehr frei angelegt und versucht die Rhythmen des Gedichts und die Klangwiederholungen des Originals aufzunehmen“, sagt SWR2 Literaturkritikerin Katharina Borchardt über die autorisierte zweisprachige Ausgabe von Amanda Gormans Gedicht „The Hill We Climb“. Gorman wurde mit einem Schlag weltweit berühmt, als sie das Gedicht bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden vortrug. Der symbolische und bewegende Moment sorgte noch Wochen später für Schlagzeilen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Jagoda Marinić zur Debatte um Amanda Gormans Gedicht ,,The Hill We Climb“

,,Gedichte dürfen nicht zum Kampfplatz der Diskurse werden", sagt die Autorin Jagoda Marinić mit Blick auf die Debatte um Amanda Gormans Gedicht ,,The Hill We Climb". Dass für die deutsche Übersetzung ein diverses Team beauftragt wurde, sei gut gemeint gewesen: ,,Ein Übersetzungstrio wird vielleicht die richtige Übersetzung kreieren, aber nicht immer die beste, denn Poesie ist doch etwas ganz anderes als Soziologie, als Journalismus, als Aktionismus." Dennoch sei die angestoßene Debatte um Teilhabe sehr wichtig. Der Literatur- und Übersetzungsbetrieb sei auch in Deutschland zu wenig divers. ,,Da ist Arbeit zu tun."  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Literatur | Gespräch Mit einem Gedicht antwortet Marieke Lucas Rijneveld auf die Debatte um ihre Gorman-Übersetzung

Ein medialer Paukenschlag – das ist die heutige Publikation eines Gedichtes von Marieke Lucas Rijneveld. SWR2-Literaturredakteurin Katharina Borchardt hat den Text gelesen und sieht in ihm einen Mix aus Kampflied und Altem Testament.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Diversity Gemeinsam sind wir Vielfalt

Menschen machen unterschiedliche Erfahrungen mit dem Thema Diversität – von Diskriminierung und Ausgrenzung bis hin zu Anerkennung und Interesse. Manche von ihnen teilen ihre Erlebnisse und machen Mut. Dem widmen wir uns, geben Menschen eine Plattform und zeigen: Gemeinsam sind wir Vielfalt.  mehr...

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