Gespräch

Sasha Marianna Salzmann erhält „Preis der Literaturhäuser“ – Mit dem Herzen in Osteuropa

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INTERVIEW
Martin Gramlich

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„Ich habe seit dem 24. Februar nicht mehr geschlafen“

„Atemlos“ – so nennt die Schriftstellerin Sasha Marianna Salzmann ihren aktuellen Zustand angesichts des Ukraine-Kriegs. Im Gespräch mit SWR2 anlässlich der Verleihung des „Preises der Literaturhäuser“ bei der Leipziger Buchmesse sagt die 1985 in Wolgograd geborene Autorin: „Ich habe seit dem 24. Februar nicht mehr geschlafen.“ Sie sei angesichts der Situation in der Ukraine vor allem aber sehr dankbar für die Möglichkeit, etwas tun zu können: „Weil ich sonst vermutlich den Verstand verliere.“

Direkte Bekannte habe sie nicht mehr in den umkämpften Gebieten in der Ukraine – diese hätten flüchten können, doch befinde sich die Mutter einer Freundin zurzeit in der vom russischen Angriff umzingelten Stadt Mariupol. Insgesamt sei ihre Lage, so Salzmann, etwas bizarr: „Ich schaue quasi meinen Freundinnen zu, wie sie den Krieg auf dem Telefon mitverfolgen und mit dem Herzen dort sind.“

„Ich hätte nie gedacht, dass ich für Waffenlieferungen bin“

Welche Wirkung der Krieg auf die Bevölkerung in Russland habe, ist aus Salzmanns Perspektive noch nicht klar: Viele Menschen dort wüssten nicht dass Krieg herrsche. Es sei auch noch nicht absehbar, wie sich der gesellschaftliche Schock auswirke, wenn der russischen Bevölkerung die Situation klar werde. „Momentan ist es zu früh für Wahrsagerei“, meint Salzmann angesichts der langjährigen Desinformationsstrategie des Putin-Regimes.

Feststeht für sie hingegen, dass sich durch den Krieg alle Menschen verändert haben. Das gelte auch für sie persönlich, sagt Salzmann und erklärt dies an einem Beispiel: „Ich hätte nie gedacht, dass ich für Waffenlieferungen bin oder für den Einsatz der Bundeswehr in anderen Ländern.“ Ihr Leben lang sei sie für Abrüstung eingetreten, beteuert sie – um einzugestehen: „Wenn ich ganz ehrlich bin, hätte ich im Januar nicht gedacht, dass ich solche Sätze sagen werde.“

Sasha Marianna Salzmann kam im Alter von 10 Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling aus Moskau nach Deutschland. Sie hat in Hildesheim Literatur, Theater und Medien studiert und arbeitet als Dramatikerin, Essayistin, Kuratorin und Romanautorin. Zu ihren Büchern gehören unter anderem „Außer sich“ (2017) und „Im Menschen muss alles herrlich sein“ (2021).

Der „Preis der Literaturhäuser“ ist mit 20.000 Euro dotiert und wird am 17. März im Rahmen einer Veranstaltung in Leipzig verliehen. Am 11. Mai 2022 wird die diesjährige Preisträgerin Sasha Marianna Salzmann mit einer Veranstaltung im Literaturhaus Stuttgart gefeiert; diese wird auch im Videostream übertragen. Im vergangenen Jahr ging der Preis an Ingo Schulze.

Buchkritik Sasha Marianna Salzmann - Im Menschen muss alles herrlich sein

Der Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ von Sasha Marianna Salzmann ist ein ernüchterndes Portrait der späten Sowjetzeit sowie ein Familienroman, der sich auf die Verlusterfahrungen starker Frauenfiguren stützt. Dabei werden Migrationsbiografien mit der schroffen Identitätssuche nachfolgender Generationen verbunden. Ein preiswürdiges Buch.
Rezension von Carsten Otte.
Suhrkamp Verlag, 384 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-518-43010-1

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Das größte Atomkraftwerk Europas im Süden der Ukraine war in den vergangenen Tagen mehrfach mit Raketen beschossen worden. Dabei wurden Teile der Anlage beschädigt, ein Reaktor musste abgeschaltet werden. Russland und die Ukraine schieben sich dafür gegenseitig die Verantwortung zu. „Wir haben ziemlich viele Belege, dass die russische Armee aus der Nähe des Atomkraftwerkes die ukrainische Seite beschießt. Und sie tun das, weil sie wissen, es kommt keine Antwort, weil die Ukrainer nicht auf die Anlage in Saporischschja schießen“, erklärt Wendland die Grundkonstellation. „Dabei kam es auch zu Treffern in der des Standortzwischenlagers für abgebrannte Brennelemente und das ist natürlich besorgniserregend“, meint die Expertin.
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