Sachbuch Merz statt AKK: „Konservativ 21.0“ von Andreas Rödder

Von Rainer Volk

Der Mainzer Historiker Andreas Rödder ist einer der profiliertesten Kenner der Zeitgeschichte in Deutschland. Hochgelobt wurden seine Bücher über die deutsche Einheit und das veränderte historische Bewusstsein in der digitalisierten Welt. Neu erschienen ist der Essay des aktiven CDU-Mitglieds über die Krise des Konservativismus in Deutschland, „Konservativ 21.0 – eine Agenda für Deutschland“. Das pointierte, teils aphoristische Buch bleibt hinter dem Agenda-Versprechen allerdings zurück.

„Konservativ 21.0“: Die CDU „nicht mehr sprechfähig“?

Andreas Rödder ist unzufrieden mit seiner Partei: zu lange war Angela Merkel am Ruder. In „Konservativ 21.0 – eine Agenda für Deutschland“ schreibt Rödder nun auf, welche Folgen das habe für die Schwarzen im Land.

„Die CDU ist in dieser langen Regierungs-Zeit Angela Merkels ausgezehrt und sie ist nicht mehr sprechfähig. Und wenn Alexander Gauland Gustav Stresemann für die AfD reklamiert, dann sind hier politisch-kulturelle Entwicklungen und Verschiebungen im Gange, die ganz eminent sind.“

Elitäre „Anywheres“ gegen kleine „Somewheres“

Nur ärgern geht aber nicht. Der Historiker Rödder hat schließlich einen Ruf. Wissenschaftlichkeit muss also sein. Elegant schreibt er so von elitären „Anywheres“, die sich Multikulturalismus leisten könnten, während kleinen „Somewheres“ die Heimat fremd werde. Klar, die Urväter des Konservatismus von Chateaubriand und Burke bis Ernst Jünger und Hermann Lübbe kennt Rödder.

Bilanzen, die in Aphorismen enden

Andererseits enden Rödders Bilanzen mitunter in Aphorismen: „Der Traditionalist will, dass alles so bleibt, wie es ist. Der Reaktionär zurück zu einem vermeintlich goldenen Zeitalter. Der Konservative hingegen weiß, dass nichts zurückkommt und das goldene Zeitalter nicht wirklich golden war.“

Keine Frage, Rödder weiß um den Makel, den Preußen-Deutschland und NS-Zeit dem Konservatismus hinterlassen haben. Weshalb sonst hängt die CDU im Spagat zwischen Herz-Jesu-Sozialismus und ordoliberalem Unternehmergeist, klammert sich in einer säkularisierten Welt an den Minimal-Konsens des „C“ im Parteinamen?

Durchdeklinieren der Probleme

Als Analytiker dieses Dilemmas ist Andreas Rödder stark: „Wir haben es mit multi-kulturalistischen Hyper-Moralisten auf der linken Seite zu tun. Und auf der anderen Seite haben wir Ressentiment-geladene Nationalisten, die sich fremdenfeindlich artikulieren. Und dieses beides schaukelt sich immer weiter auf.“

Dem Leser wäre freilich mehr geholfen, bliebe es auf diesen 120 Seiten nicht beim bloßen Durchdeklinieren der Probleme, der verkorksten Bildungspolitik, mangelndem Realismus in den Außen- und Sicherheitsbeziehungen von Brüssel bis Moskau und Washington, den Änderungen des Weltbilds durch die Digitalisierung.

Kürze und Emotion verleiten zu Allgemeinplätzen

Kann es sein, dass Kürze und Emotion Rödder zu Allgemeinplätzen verleiten? „Konservativen ist bewusst, dass gute Dinge leicht zu zerstören, aber nicht leicht zu beschaffen sind. Daher ist ihnen pragmatische Besonnenheit ein hoher Wert.“

Das ist zu einfach gestrickt. Auch wenn Rödder nur Konservativen „gelassene Menschenfreundlichkeit“ zubilligt, fragt man sich: Gibt es etwa eine rot-gelb-grüne Front der Verkrampften? Wie menschenfreundlich waren die Karnevals-Scherze von Annegret Kramp-Karrenbauer über Transgender-Toiletten?

Friedrich Merz statt AKK

Doch mit AKK kann Andreas Rödder wenig anfangen. Er war für Friedrich Merz als CDU-Chef – dafür muss man nicht zwischen den Zeilen lesen.

So greift eine der zehn Thesen, in denen der Essay mündet, die von Merz geforderte Leitkultur für Deutschland auf: „Sie vermittelt Heimat für die Somewheres, die sich in der gesellschaftlich-kulturellen Ordnung wiederfinden und respektiert fühlen können, anstatt den Eindruck zu haben, dass ihnen der multikulturelle Kosmopluralismus der Anywheres eine neue Ordnung aufzwingt.“

Andreas Rödder war möglicherweise schon einmal besser

Es gelte den Wandel so lange zu verzögern, bis er harmlos geworden ist – hat der britische Staatsmann Lord Salisbury, einer von Andreas Rödders Säulenheiligen, einmal gesagt. Das Zitat fehlt auch in diesem Buch nicht.

Aber reicht das für die Welt der Postmoderne? Man wird da als Leser beim Nachdenken sekündlich skeptischer. Und kommt möglicherweise zu der Einsicht: Dieser Autor war schon mal besser.

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