Buchkritik

Ronja von Rönne - Ende in Sicht

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Mit dem Roman „Ende in Sicht“ erzählt Ronja von Rönne die berührende Geschichte zweier ungleicher Frauen, die sterben möchten: Hella ist ein gefallener Schlagerstar, Juli ein depressiver Teenager. Auf einer gemeinsamen Autoreise durch die deutsche Provinz finden die beiden schließlich zurück ins Leben.

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Die erst fünfzehnjährige Juli leidet unter Depression

Der Roman beginnt mit einem Suizidversuch, der kläglich scheitert. Die erst fünfzehnjährige Juli ist im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüde. Weder eine Therapie noch das Engagement des alleinerziehenden Vaters konnten ihr helfen, das Krankheitsmonster namens Depression zu besiegen.

Jetzt steht der Teenager auf einer sogenannten Grünbrücke, die gebaut wurde, damit „Rehe und Wildschweine nicht der A33 zum Opfer fielen“, nicht als „Fallwild“ in den „Rädern des Feierabendverkehrs“ verenden. 

„Aber Juli war kein Reh. Und Juli plante keine Überquerung. Ganz im Gegenteil. Juli plante, in wenigen Minuten und mit voller Absicht selbst zu Fallwild zu werden.“
(Aus: Ronja von Rönne: Ende in Sicht)

Juli wird nach ihrem Suizidversuch von Hella gerettet. Die will sich aber selbst das Leben nehmen

Grotesk-melancholische Formulierungen prägen Ronja von Rönnes Prosa, in die immer wieder eine Kritik technokratischer, man könnte auch sagen: herzloser Sprache eingeschrieben ist. Die Protagonistin aber hat Glück im Unglück. Weil die Brücke fürs Wild nicht sehr hoch und die Strecke kaum befahren ist, wird Juli ihren Sturz überleben.

Sie wird von Hella Licht gefunden, die in einem klapprigen Passat nur langsam vorwärtskommt. Rechtzeitig erkennt sie den verletzten Körper auf der Autobahn, kann Juli an den Fahrbahnrand retten.

Womit die gemeinsame Geschichte der beiden ungleichen Frauen mit einer bitteren Pointe beginnt: Denn auch Hella, die einst als Schlagersängerin gefeiert wurde und mittlerweile höchstens mal auf einer Kaufhausbühne steht, will ihr Leben, das sie nun als glanzlos empfindet, mit einem Giftcocktail in der Schweiz beenden.     

„Das Beste, dachte sie so leise wie möglich, denn der Gedanke war ihr vor ihr selbst peinlich, das Beste war, dass sie in der Schweiz zwei Termine hatte: einen zum Sterben und einen einige Stunden davor: zum Schminken und Frisieren.“
(Aus: Ronja von Rönne: Ende in Sicht)

Hella und Juli sind grob zueinander, so wie beide es in ihrem Alltag erlebt haben

Hella und Juli sind sich nicht sympathisch. In ihren Gesprächen reproduziert sich jene Grobheit im Umgang, unter der die beiden im Alltag immer gelitten haben. Manchmal scheint der schroffe Ton aber auch die Sorge füreinander auszudrücken, wenn Hella etwa verhindern möchte, dass die verletzte Juli auf dem Beifahrersitz wegdämmert.   

„KÖNNTEST DU DIE FREUNDLICHKEIT BESITZEN, NICHT IN MEINEM AUTO ZU STERBEN?“, brüllte sie also, und Juli fuhr erschrocken auf und sah ihre Chauffeurin irritiert an, drückte wieder die Serviette an die Wange. Dann nickte sie schließlich und Hella atmete aus.“
(Aus: Ronja von Rönne: Ende in Sicht)

Hella wollte nie ein Kind bekommen, und jetzt muss sie sich kurz vor ihrem geplanten Tod um eines kümmern. Zu diesem Lebensdrama gehört ein gestörtes Verhältnis zur Mutter, die sich nur ungern mit der künstlerisch ambitionierten Tochter befassen wollte und zeitlebens die Schwester bevorzugte.

Hella und Juli haben beide Probleme mit ihren Müttern

Auch Juli hat mit einer lieblosen, nämlich völlig abwesenden Mutter zu kämpfen: Die verließ früh den Vater, der für das zurückgelassene Mädchen eine rührende Geschichte erfand. Die Mutter sei eine vielbeschäftigte Schneckenforscherin, die überall auf der Welt das Wesen der merkwürdigen Kriechtiere erkunde. So bekam die Tochter regelmäßig Nachrichten aus fernen Ländern, die aber wie die ganze Schneckengeschichte nicht stimmten.

„Noch immer erreichte sie jedes Jahr eine Postkarte, aber ihre Magie hatte sie längst verloren, seit Juli herausgefunden hatte, aus wessen Feder sie tatsächlich stammten.“ 
(Aus: Ronja von Rönne: Ende in Sicht)

Die Lüge aber wirkt noch nach, denn die Tochter hat stets ein Schneckenhaus dabei, das angeblich von der Mutter kam, aber doch vom Vater zum Geburtstag auf den Gabentisch gelegt wurde. Mit einer kalkigen Schale tritt Juli auch an den Brückenrand, um in die Tiefe zu springen. Das Tiergehäuse zerbröselt, das Kind überlebt.

Ronja von Rönne versteht sich besonders gut auf Szenen mit Knalleffekten, die letzten Endes gar keine sind

Es sind solche Details auf der Motivebene, die dem Roman, der ständig von Ruppigkeiten erzählt, eine seltsam-schöne Zärtlichkeit verleihen. Die Stärke der Autorin besteht aber nicht nur in solchen kleinen Einfällen, die in den Text mit leichter Hand eingebunden sind. Ronja von Rönne versteht sich besonders gut auf Szenen mit Knalleffekten, die letzten Endes gar keine sind, weil die Zündschnur zwar brennt, der explosive Stoff aber nicht in die Luft geht, sondern nur mit dumpfen Geräuschen verpufft.

Wie beim Streit mit einem überkorrekten Putzmann im Raststätten-WC, beim Übernachten in der abgeschalteten Sauna eines Thermalbades oder bei einem Dorffest, auf dem Hella von einem alten Fan wiedererkannt und auf die Bühne gezerrt wird, um ihren größten Hit, nämlich „Ende in Sicht“ vorzutragen.    

„Im Licht des Scheinwerfers existierte Hella nur im Moment. Und der war gut. Vor ihr johlten sturzbetrunkene Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr ihren Liedtext mit und prosteten ihr zu. Hella sang.“
(Aus: Ronja von Rönne: Ende in Sicht)

Der größte Hit der inzwischen abgehalfterten Schlagersängerin Hella war „Ende in Sicht“

Selbst dieser zweifelhafte Moment des späten Ruhms währt nicht lange. Plötzlich ist der Akku des Mikrofons leer, niemand hört mehr ihre Stimme, außer Hella, die weiter vom Ende singt, das in Sicht sei. Bald stürzt sie betrunken von der Bühne, das Bierzeltpublikum grölt, desinteressiert an dem strauchelnden Star. Nun muss Juli sie auflesen.

Ronja von Rönne schont ihre traurigen Heldinnen nicht, konfrontiert sie mit großen und kleinen Lügen. Hella hat ihr ärztliches Gutachten für die Schweiz gefälscht. Juli muss sich eingestehen, dass es sich nicht lohnt, sich in Selbstmitleid zu ergehen.

Auf ihrem Trip durch die westdeutsche Provinz kommen sich die Figuren immer dann am nächsten, wenn sie einander besonders fremd sind. Wenn Depression als Zustand des mentalen Stillstandes begriffen werden kann, ist es nur folgerichtig, dass die Autorin von der Depression in einem literarischen Roadmovie erzählt und die Literatur damit ein Stück weit auch zum Therapeutikum wird.

Im Mittelpunkt steht das brüchige Verhältnis der beiden trostlos Traurigen

Das Buch erfindet das derzeit beliebte Genre keineswegs neu, der Roman vermag auch die Untiefen der seelischen Erkrankung nicht wirklich erschöpfend auszuloten. Aber das ist auch gar nicht nötig, denn im Mittelpunkt steht das brüchige Verhältnis der beiden trostlos Traurigen.

Es gibt großartig pathetische Sätze in diesem Buch, manchmal überzeugen einzelne Wortneuschöpfungen, etwa wenn von den „Selbsthassverantwortlichen“ die Rede ist.

Etwas Kritik ist dennoch angebracht: Das Lektorat hätte gewiss ein, zwei Phrasen tilgen können. Wenn eine Antwort zum Beispiel „wie aus der Pistole geschossen“ erfolgt, dann wirkt eine solche Redewendung eher unpassend im ansonsten originellen Schnodderton. Außerdem schwingt sich die allwissende Erzählerin an wenigen Stellen auf ein Erklärpodest, um das Geschehen, das ohnehin klar ist, noch einmal grundsätzlich einzuordnen. 

Es gibt großartig pathetische und ein paar überflüssige Sätze

„Auf sonderbare Weise hatte das Schicksal sie aneinander gekettet, und so einfach kamen sie nicht voneinander los.“
(Aus: Ronja von Rönne: Ende in Sicht)

Vielleicht sind solche überflüssigen Sätze dem Umstand geschuldet, dass sich der Text mit seinem ausgestellten Thema auch an ein jüngeres Publikum richten soll. Die rhetorischen Redundanzen können indes als bewusste Schönheitsfehler eines Buches gelesen werden, das nicht auf literarische Perfektion setzt, sondern vielmehr darauf anlegt ist, gesellschaftliche, emotionale und sprachliche Brüche offenzulegen.  

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