Reiten und Streiten mit Juli Zeh und Denis Scheck

Reitgespräch über "Sensibel" von Svenja Flaßpöhler

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Denis Scheck

Sensibilität ist eine zivilisatorische Errungenschaft, die den Fortschritt ermöglicht. Doch die zunehmende Sensibilisierung der Gesellschaft zwingt dazu, das Limit des Zumutbaren immer wieder neu zu justieren: Was sind die Grenzen des Sagbaren? Wann wird eine Berührung zur Belästigung? Die Philosophin Svenja Flaßpöhler befasst sich mit der Geschichte des sensiblen Selbst und den zentralen Streitfragen zum Thema Sensibilität. 

Die Philosphin Svenja Flaßpöhler zielt in ihrem neuen Essay "Sensibel" genau ins Herz der politischen Korrektheit.

Aus philosophischer Perspektive erzählt Svenja Flaßpöhler die Geschichte des sensiblen Selbst und stellt sich den zentralen Zeitfragen unserer Zeit. Einerseits ist Sensibilität ein Fortschritt, weil Menschen sich miteinander solidarisieren, andererseits gilt sie als Gegensatz zur Widerstandskraft – und damit als Schwäche. Und die zunehmende Sensibilisierung führt bei vielen zu neuen Unsicherheiten: Wo liegen die Grenzen des Sagbaren? Wann wird aus einer Berührung eine Belästigung? Wissenschaftlich fundiert und zugleich unterhaltsam durchleuchtet die promovierte Philosophin dialektisch die Sensibilität und resümiert, dass die Zukunft nur im Zusammenspiel von Sensibilität und Resilienz gemeistert werden kann.

Die 1975 in Münster geborene Svenja Flaßpöhler studierte Philosophie und Germanistik und arbeitete zunächst als freie Autorin. Bis 2017 leitete sie die Redaktion für Literatur und Geisteswissenschaften beim Deutschlandfunk Kultur. Die Mitveranstalterin für die „Phil.cologne“, das größte Philosophie Festival Deutschlands, lebt in Berlin. Sie ist Chefredakteurin des Philosophie Magazins.

Gespräch Svenja Flaßpöhler über ihr Buch „Sensibel“ - Sensibilität und Resilienz gehören zusammen

Dass Menschen sensibler werden für eigene und fremde Grenzen, dass wir vorsichtiger miteinander umgehen, das sei auf jeden Fall erstmal ein Zeichen von zivilisatorischem Fortschritt, sagt die Philosophin und Autorin Svenja Flaßpöhler in SWR2. Aber derzeit würde man eben erleben, dass das Progressive der Sensibilität umkippe in eine Regression, also eine zerstörerische Kraft, weil – so scheint es – die Sensibilität uns nicht mehr verbinde, sondern die Gesellschaft zersplittere.
Sensibel zu sein für subtile Arten von Sexismus und Rassismus sei erstmal gut. Aber es gebe einen Punkt, wo man fragen könnte, ob nicht einfach nur noch jede Sensibilität eine neue Sensibilität hervorbringe. „Und deshalb plädiere ich dafür, dass wir nicht nur gucken müssen, dass wir sensibel miteinander umgehen, sondern dass wir tatsächlich auch die Widerstandskraft, die ja immer so als Gegensatz zur Sensibilität begriffen wird, dass wir diese Widerstandskraft ins Bündnis bringen mit der Sensibilität.“
In einer freiheitlichen Gesellschaft seien persönliche Krisen und Verletzungen unvermeidbar. „Die Resilienz rechnet damit, dass das passieren wird und ermächtigt uns eben dann, damit umzugehen," sagt Flaßpöhler.
Von Svenja Flaßpöhler erscheint heute das Buch „Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenze des Zumutbaren“, ein Buch zur aktuellen Debatte, wie wir miteinander umgehen.  mehr...

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