Buchkritik

Rakel Haslund-Gjerrild – Adam im Paradies

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AUTOR/IN
Ulrich Rüdenauer

„Adam im Paradies“ von Rakel Haslund-Gjerrild ist ein sprachlich opulenter Künstlerroman über den dänischen Maler Kristian Zahrtmann. Zwar führt er uns zurück ins frühe 20. Jahrhundert, doch beschäftigen uns die darin verhandelten Themen heute noch genauso: Kunst, Malerei und queere Selbstvergewisserung.

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Wenn etwas bleibt, dann die Wehmut. Das Alter mag einen irgendwann vom Begehren erlösen, aber nicht von der Sehnsucht danach, dem Gefühl, das man als Begehrender einstmals empfand. Unter anderem davon handelt „Adam im Paradies“, ein mit der poetischen Patina der Jahrhundertwende überzogener Künstlerroman.

In neun Kapiteln skizziert Rakel Haslund-Gjerrild kurze Episoden aus dem Leben des dänischen Malers Kristian Zahrtmann. Den gab es wirklich: Zahrtmanns Werk bedeutete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Traditionsbruch: Sein Schwelgen in Farben konterkarierte die vorherrschende Mattigkeit der Malerei seiner Zeit. Sein Spiel mit der Mythologie und mit historischen Sujets machte ihn bekannt, doch seine homoerotischen Motive wurden eher mit Missfallen zur Kenntnis genommen. In Farben badet auch Haslund-Gjerrilds nach einem berühmten Bild von Zahrtmann benannter Roman „Adam im Paradies“.  Pinkfarben sind die Päonien, türkisfarben ein Haustier, cremefarben ein Hut, das Licht auf der Leinwand ist eingedampft in einer „Farbenmarmelade“.

„Heute scheint die Sonne, das höre ich am arbeitslüsternen Summen, das aus dem Garten zu mir hereindringt, nun, da all meine Sommerblumen sich zu voller Blüte geöffnet haben und mit ihren Staubblätterzungen benommen nach den Bienen lecken. Die Sonne treibt ihre Messer in die Erde: So lasst denn Grünes sprießen und Blütenflor, Triebe schlagen und Knospen bersten, denn heute ist der Tag, an dem Adam kommt!“

Adam, Modell für eines von Zahrtmanns berühmtesten Bildern, wird sehnsüchtig erwartet. Ein junger Soldat, muskulös und wohlgeformt, der den Maler an einen früheren Schüler erinnert, mit dem er unglücklich gebrochen hat. Dieser Schüler und ein paar andere mehr haben Auftritte in den verschiedenen Episoden des Romans; das Zahrtmann`sche Beziehungsgeflecht, ein Gewebe aus enttäuschter Leidenschaft und leidenschaftlicher Projektion, offenbart sich nach und nach. Immer tiefer dringen wir ein in die Gefühlswelt dieses Malers, dessen Blick von großer Zärtlichkeit und rauschendem Übermut erscheint, dessen Gedanken aber in melancholische Sepiatöne getaucht sind.

„Es ist immer derselbe Laut, der sich wiederholt. Tick tack ist ein Hirngespinst, eine Geschichte, die unsere grauen Zellen einander aus purer Langeweile erzählen: Tick tack. Und in Wahrheit gehen die Sekunden einfach nur tick tick tick tick, bis man stirbt."

Das ist vielleicht das Faszinierendste an diesem in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg spielenden Buch: Wie überzeugend Rakel Haslund-Gjerrild dieser alternden Künstlerfigur ambivalente Züge verleiht, sie nicht recht in eine beruhigende Balance bringt. Erzählt wird konsequenterweise aus der Ich-Perspektive, mit allen Fallstricken der Selbsttäuschung,

über die Zahrtmann als Erzähler stolpern kann. In ihm ist die Spannung eines Menschen zu spüren, der den Willen zum Schöpferischen triebhaft in sich spürt und den eigenen Verfall doch nicht mehr verleugnen kann. Der weit mehr schon in der Erinnerung lebt als in der Gegenwart. Fast, als hinke er sich selbst hinterher.

Das vielleicht Kurioseste an diesem Buch: Wie geschickt die erst 34-jährige Rakel Haslund-Gjerrild darin ist, uns durch ihre leicht altertümliche, vom Fin de Siècle infizierte, impressionistisch anmutende Sprache in die Zeit Zahrtmanns zu versetzen. Andreas Donat ist es in seiner Übersetzung gelungen, der Blumigkeit von Haslund-Gjerrilds Sprache nicht den Anschein von Schwülstigkeit zu verleihen. Jeder Abschnitt trägt den Titel eines Gemäldes von Zahrtmann, und zwischen den Kapiteln finden sich historische Dokumente, die das gesellschaftsmoralische Klima jener Jahre illustrieren: Briefe, Zeitungsartikel, Prozessberichte über ein seinerzeit hohe Wellen schlagendes Verfahren gegen Homosexuelle, dem in Dänemark der Paragraph 177 des Bürgerlichen Gesetzbuches zugrunde lag:

„Umgang wider die Natur wird mit Zwangsarbeit in einer Besserungsanstalt bestraft.“

Einer der damals in den Strudel der Ermittlungen geriet, war der Schriftsteller Hermann Bang, der seine Homosexualität nicht versteckte. Sein Kollege Johannes Vilhelm Jensen, Nobelpreisträger des Jahres 1944, tat sich hingegen mit hässlichen Kolumnen über die „Sittenbrecher“ hervor.

„Indes ist es gewisslich nicht ganz korrekt, Männer für den Umgang mit Männern zu bestrafen, sie sollten dem Arzt übergeben werden. Wenn die Geisteskrankheit nicht behoben werden kann, wofür nur in wenigen Fällen eine gewisse Aussicht besteht, wäre es der Erwägung wert, ob der überzeugte Patient nicht auf Lebenszeit in öffentlichen Gewahrsam genommen werden sollte."

Wie es Kristian Zahrtmann selbst mit der Homosexualität hielt, darüber hat er nie öffentlich geredet. Rakel Haslund-Gjerrild lässt diese Frage ebenfalls offen. Wenngleich ihre sublimen Schilderungen von Interieur und Gesten, von sprachlichen und seelischen Stimmungen, die psychologisch fein sezierten Beziehungen zu seinen Modellen und Schülern diese Lesart geradezu erzwingen. Ihr gelingt eine Gratwanderung: Sie stellt uns einen Menschen hin, der künstlerisch über die Konventionen seiner Zeit hinausgegangen ist und sich ihnen doch fügen musste, der zu leiden gelernt hat und durch seine Kunst zu lieben, der eigensinnig und eigentümlich und Stimmungen unterworfen war, die auch Haslund-Gjerrild nicht zu erklären sucht. Inwieweit die literarische Figur mit der realen des Malers Zahrtmann korrespondiert, das ist freilich kaum zu ermitteln. Authentische Literatur gibt es schließlich nicht; sie verwandelt immer, was ihr ins Auge fällt. Aber mit diesem historischen Roman aus dem frühen 20. Jahrhundert liefert Haslund-Gjerrild sozusagen einen fiktiv-historischen Prolog zu unseren heutigen Debatten über Geschlechtsidentität, Queerness und die weltweit eingeforderten Rechte der LGBTQ-Community.

Aus dem Dänischen von Andreas Donat
Albino Verlag, 330 Seiten, 26 Euro
ISBN 978-3-86300-341-8

SWR2 lesenswert Magazin: Dänen lügen nicht – neue Bücher frisch gefischt!

Mit Büchern von Arno Geiger, Katharina Pressl, Isabel Fargo Cole, Franziska Thun-Hohenstein, Warlam Schalamow und Rakel Haslund-Gjerrild

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