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Er ließ Jack Kerouac und Charles Bukowski ins Deutsche übersetzen, er sanierte den Melzer Verlag mit dem Erotik-Besteller „Die Geschichte der O“, 1968 gründete er den MÄRZ Verlag. Jörg Schröder hat die Verlagsgeschichte der Bundesrepublik verändert. Nun ist der Verleger und Erzähler im Alter von 81 Jahren verstorben.

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Immer wieder setzte Jörg Schröder auf die Grenzüberschreitung

Schon das Layout war eine Sensation, die roten und schwarzen Lettern auf knallgelbem Grund. „Acid“ hieß die erste Anthologie des MÄRZ-Verlags, und der Titel spielte sowohl auf die Droge LSD als auch auf die literarische Säure an, die dieses politisch-kulturelle Manifest enthielt. Das programmatische Konglomerat umfasste Lyrik und Essays, ambitionierte Textmontagen und pornografische Abhandlungen, Comics und Interviews. Dementsprechend groß war der Medienrummel, und so ging es auch weiter mit MÄRZ.

Schröder setzte immer wieder auf Grenzüberschreitungen, die Prozesse und Proteste verursachten, zudem viel Schulden, die, wie der Verleger selbst verriet, auch durch „Suff und Puff“ entstanden. Dieser Mann machte Bücher, wie er lebte, nämlich schlitzohrig, gewieft und, wenn es gut lief, radikal inkonsequent.

„Sexfront“ von Günter Amendt und „Die Reise“ von Bernward Vesper

Er hielt sich für den coolsten Verleger der Studentenrevolte und Wegbereiter der deutschen Popliteratur, und wahrscheinlich war er beides. Schröder brachte etwa „Die Reise“ von Bernward Vesper heraus oder das zigtausendfach verkaufte Aufklärungsbuch „Sexfront“ von Günter Amendt. Aber natürlich konnte dieser Rausch nicht endlos so weitergehen. Es folgten Herzinfarkte, Pleiten und immer wieder neue Versuche, den für tot erklärten MÄRZ-Organismus wiederzubeleben.

Auf dem Höhe- und vorläufigen Endpunkt der Verlegertätigkeit gab Schröder sein literarisches Debüt, das wiederum mit allen Regeln brach: „Siegfried“ war Autofiktion, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Und der Schriftsteller Schröder hatte sein genreloses Prosawerk noch nicht mal selbst „geschrieben“, sondern es einem anderen Autor, nämlich Ernst Herhaus erzählt, der es in eine lesbare Form brachte. Das Buch war ein Skandal, eine wüste Abrechnung mit dem Literaturbetrieb, mit der eigenen Sex- und Sauflust und den erotischen Eskapaden medienbekannter Moralapostel. Da die Personen mit Klarnamen erwähnt wurden, lagen bei Auslieferung acht Einstweilige Verfügungen gegen „Siegfried“ vor.

Jörg Schröder glaubte, die Friedensbewegung initiiert zu haben

Jenseits der juristischen Konflikte aber hatte Schröder zu einer eigenen Literaturform gefunden, die ihn zu einem wichtigen Erzähler der Bonner Republik machte. 1982 erschien mit „Cosmic“ eine weitere unglaubliche Schröder-Geschichte. Das Buch handelte von geheimen Atomraketen in der hessischen Provinz sowie der Verschränkung von Wahrheit und Lüge in der veröffentlichten Meinung.

Schröder erzählte diese Story dem journalistischen Sprachkünstler Uwe Nettelbeck, der nebenbei bewies, dass literarische Urheberschaft sich selten über den Inhalt, sondern meist nur über die Form definiert. Der Erzähler aber war selbstbewusst genug, zeitlebens zu behaupten, er habe mit „Cosmic“ die deutsche Friedensbewegung initiiert. Diese und andere nicht minder kuriose Heldentaten hat der sympathische Rechthaber und selbstironische Angeber fast dreißig Jahre lang in seiner Reihe „Schröder erzählt“ veröffentlicht, die nur Subskribenten beziehen konnten. Die vielen tausend Seiten umfassende Anekdotensammlung liest sich heute wie eine skurril-subversive Biografie der Bundesrepublik, in der Klatsch und Tratsch zum Aufklärungsprinzip erkoren wird.

Vom Verlegerrüpel zum stilvollen Homme de lettres

Das in den besten Passagen schrecklich komische und zugleich erschütternde Monumentalwerk konnte übrigens nur entstehen, weil das Erzähler-Ego mit Barbara Kalender eine nicht nur geduldige Zuhörerin, sondern endlich auch kongeniale Übersetzerin seiner Verbalvorläufe fand. Der Verlegerrüpel von einst wurde in späten Jahren ein stilvoller Homme de lettres, auch wenn Schröder diesen Titel für sich abgelehnt hätte.

Fast vierzig Jahre lang haben Kalender und Schröder zusammen Literaturgeschichte geschrieben, und es schwer vorstellbar, dass nun eine Hälfte dieses so umtriebigen Verlegerpaars fehlen wird. Jörg Schröder starb, wo er geboren wurde, nämlich im Alter von 81 Jahren im Berliner Virchow-Klinikum. Wer nur einmal von seinen Erzählungen in Bann geschlagen wurde, von seinen Büchern oder bei bester Bewirtung bei ihm daheim, wird sich nicht wundern, dass selbst den letzten Stunden dieses Mannes etwas Literarisches innewohnt.

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