Literatur

Protokoll einer Katastrophe: Andy Neumann hat ein Buch über die Flutnacht im Ahrtal geschrieben

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AUTOR/IN
Martina Gonser

Der Familienvater, Hobbymusiker und BKA-Beamte Andy Neumann aus Ahrweiler schildert in seinem Buch „Es war doch nur Regen?! Protokoll einer Katastrophe“ seine ganz persönlichen Erlebnisse während der Flutnacht vom 15. Juli und den Wochen danach.

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Facebook-Postings bildeten die Grundlage für das Buch

Andy Neumann hat sich vom ersten Tag an alles von der Seele geschrieben, was die Flutkatastrophe bei ihm ausgelöst hat. Das Entsetzen über die komplette Zerstörung seiner Umgebung und des Erdgeschosses seines gerade mal 3 ½ Jahre alten Hauses.

Und vor dieser Bestandsaufnahme der Sachschäden die pure Panik, wie weit das Wasser noch steigen würde. Noch in der Flutnacht schreibt der 46jährige Familienvater und Freizeitmusiker auf Facebook „Liebe Facebook-Freunde, unser Haus wurde heute Nacht im absoluten Wortsinn geflutet. Und ich, ein erwachsener Mann, Polizist voller Selbstvertrauen, der sich nicht daran erinnern kann seit seiner späten Jugend je etwas wie Angst gefühlt zu haben, ich hatte eine Scheißangst. Um meine Kinder, meine Frau und ja, sogar um mich selbst.“

Diese Sätze und weitere Posts waren die Grundlage für das 180 Seiten starke Buch „Es war doch nur Regen?!“: Andy Neumanns Aufzeichnungen kamen bei den Leser*innwn so gut an, dass sie ihn auf die Idee brachten, ein Buch daraus zu machen. Und so hat Andy Neumann seine Flut-Geschichte dem Gmeiner Verlag angeboten. Dort hat er erst vor eineinhalb Jahren einen Thriller mit dem Titel „Zehn“ herausgebracht.

Neumann klagt in seinem Buch auch Verantwortliche an

Schnell gab ihm der Verlag das Okay und akzeptierte auch seine Forderung, dass ein Teil des Erlöses an die Flutopfer gehen solle. Schon sieben Wochen später lag Andy Neumanns „Protokoll einer Katastrophe“ in den Buchhandlungen. Im Moment kommt der Verlag mit dem Drucken kaum nach.

Wie die anderen Betroffenen der Flutkatastrophe hat Andy Neumann in seinem Haus zusammen mit freiwilligen Helfern Matsch geschippt, Putz weggeklopft und sich mit Behördengängen, Versicherungen und Gutachtern herumgeschlagen. In seinem Buch beschreibt der BKA-Beamte an vielen Stellen stellvertretend für alle Flutbetroffenen, was ihn ohnmächtig und wütend gemacht hat.

Aber auch für sie klagt er stellvertretend an. Wendet er sich an den verantwortlichen Landrat Pföhler, der nicht nur in seinen Augen in der Katastrophennacht gänzlich versagt hat, weil er die Menschen nicht rechtzeitig gewarnt hat wie es seine Aufgabe gewesen wäre. Er ließ sich inzwischen in den einstweiligen Ruhestand versetzen und die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn.

Ein persönlicher Erlebnisbericht mit Bewertungen und Einordnungen

Darüber hinaus positioniert sich Neumann auch in Sachen Klimaschutz: Die Menschen im Ahrtal haben hautnah erlebt, was Klimawandel bedeutet, sagt er.

Das Buch ist eine Dokumentation der Ereignisse, ein ganz persönlicher Erlebnisbericht, vermischt mit Innenansichten, Bewertungen und Einordnungen. Und immer wieder dankt er den vielen fremden Helfer*innen, ohne die er heute noch lange nicht so weit wäre, wie das jetzt der Fall ist.

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Das Haus der Neumanns ist ausgetrocknet und bald wieder bewohnbar

Dann wird seine oft umgangssprachliche und saloppe Schreibweise fast schon poetisch: „Mit zwölf, ich wiederhole zwölf Mann mit einem Minibagger im Gepäck und einem LKW stehen sie plötzlich vor dem Haus und ich denke, ich bin im Film. Die Szene, wo sie alle auf den Tisch steigen: Oh Captain, my Captain, nur dass die Jungs der Captain sind und ich bin alle Schüler der Welton-Acadamy auf einmal. Leider ist der Tisch kaputt. Traum zerplatzt.“

Doch der Traum von einem intakten Zuhause ist für die Familie Neumann inzwischen wieder in erreichbare Nähe gerückt. Das Haus ist ausgetrocknet, hat neue Fenster und Türen bekommen. Jetzt muss noch neuer Estrich rein :„Und auch das werden wir schaffen, denn wie meine Frau so gerne sagt, das Größte, das sind wir und das beweisen wir dem Schicksal auch. So!“

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