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Marcel Beyer erhält den Peter-Huchel-Preis 2021 für deutschsprachige Lyrik. Ausgezeichnet wird er für seinen bei Suhrkamp erschienenen Gedichtband „Dämonenräumdienst“.

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Was für eine tolle Wort-Neuschöpfung: „Dämonenräumdienst“. Gleich tauchen vor dem inneren Auge städtische Angestellte in orange-farbenen Overalls auf, die man über eine Hotline herbeirufen kann. Aber gegen welche Art von Dämonen sollen diese Leute denn ausrücken?

„Die Bunkerkönigin“

Es können böse Geister sein: Todesängste, die das lyrische Ich befallen. Oder früh morgens am Schreibtisch der horror vacui vorm leeren Blatt, wenn es mit der Arbeit nicht recht vorwärts geht. Beklemmende Kindheitserinnerungen oder auch dunkle Schatten der Vergangenheit – wie in dem Langgedicht „Die Bunkerkönigin“ am Ende des Gedichtbandes:

„Hier hebe ich keinen mächtigen
Deckstein an, hier suche ich nicht
nach Grabbeigaben oder
nach Leichenschatten, ich lasse
Moorbrühe sprudeln in der
Kammer, auf den Gängen, lasse
die Bunkerlauge, den ewig
nachtropfenden Bunkerschweiß,
lasse das ganze faule Gebräu sich
mit Kriegs- und Nachkriegsdreck
vermengen, lasse Betondecken
Moorboden sein: Ich räume
auf vor meinem inneren Auge.“

Moshammer. Ein Wort wie Baggerblut

Doch Marcel Beyer bannt diese sehr unterschiedlichen Dämonen nicht nur in dunklen Dichterworten, sondern in vielen Gedichten auch mit reichlich Humor und Ironie.

Ganz unterschiedliche Figuren haben ihre Auftritte: ein Nachwuchskosmonaut, ein Pferde-Krimileser, Elfen aus dem Drogeriemarkt, Hildegard Knef oder der Münchner Modedesigner und Schickeria-Liebling Rudolph Moshammer mit seinem Hündchen namens Daisy:

„Moshammer. Ein Wort wie Baggerblut.
Der Name flößt Vertrauen ein.
So möchte man heißen. Doch du
heißt Daisy und läßt dich leicht durch
einen milden Münchner Abend tragen.“

Andere Perspektiven einnehmen, neue Blickwinkel suchen, das sieht Marcel Beyer als eine wichtige Aufgabe von Dichtern.

Marcel Beyer, geboren am 23. November 1965 in Tailfingen, wuchs in Kiel und Neuss auf. Er studierte Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen. Für sein Lyrik, Prosa und Essays umfassendes Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2008 mit dem Joseph-Breitbach-Preis und 2016 mit dem Georg-Büchner-Preis. Bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig.

Begründung der Jury

„Marcel Beyers Gedichte sind Abenteuerexpeditionen in vertrautes Gelände, das plötzlich fremd und unheimlich erscheint. Elternhaus und Elvis, die Eindrücke der Kindheit, magische Begegnungen mit den Phänomenen der Popkultur und den Helden der Klatschspalten – all das wird in Beyers streng komponierten Gedichten aufgegriffen, in unerhörte Zusammenhänge gerückt, verfremdet und mit den Mitteln von Zitat, Collage, Komik und ironischer Brechung neu arrangiert.

Der Titel „Dämonenräumdienst“ ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen. Hier werden die Geister der jüngeren deutschen Vergangenheit aufgerufen, um sie durcheinanderzuwirbeln und einer poetischen Choreographie zu unterwerfen: Aufräumarbeiten vor dem inneren Auge eines erfindungsreichen Dichters.“

SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte über „Dämonenräumdienst“ von Marcel Beyer

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Der mit 10.000 Euro dotierte Peter-Huchel-Preis wird voraussichtlich am 21. Mai 2021 in Staufen im Breisgau verliehen. Bei dieser Gelegenheit wird auch die Verleihung des Peter-Huchel-Preises 2020 nachgeholt, die im letzten Jahr coronabedingt abgesagt werden musste. Der Preis ging an Henning Ziebritzki für seinen 2019 bei Wallstein erschienenen Band „Vogelwerk“.

Zu den bisherigen Preisträgern des Peter-Huchel-Preises gehören unter anderem Ernst Jandl, Durs Grünbein, Thomas Kling und Friederike Mayröcker.

Peter-Huchel-Preis 2020

Der Peter-Huchel-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird vom SWR und vom Land Baden-Württemberg gestiftet.

Verliehen wird der Preis in Staufen im Breisgau, wo Peter Huchel nach seiner erzwungenen Ausreise aus der ehemaligen DDR seine letzten Lebensjahre verbrachte. Der Dichter, geboren am 3. April 1903 bei Berlin, gestorben am 30. April 1981 in Staufen, war ein bedeutender Lyriker und langjähriger Chefredakteur der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“. Die Jury besteht aus sieben unabhängigen Literaturkritiker*innen, -wissenschaftler*innen und Autor*innen.

Buch der Woche Marcel Beyer - Dämonenräumdienst

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