Buchkritik

Orhan Pamuk – Die Nächte der Pest

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AUTOR/IN
Sigrid Löffler

In seinem neuen historischen Roman "Die Nächte der Pest" erzählt der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk davon, wie sich der Ausbruch einer Seuche auf die Menschen auswirkt – auf den Einzelnen und auf die Gesellschaft. Das liest sich streckenweise wie ein in die Vergangenheit projizierter Kommentar auf die aktuelle Lage.

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Der Roman will zugleich figurenreich wimmelnder Roman und faktengenaue Studie über einen historisch verbürgten Pest-Ausbruch sein

Ein romantisches Paradies – so sollen wir uns die kleine Mittelmeer-Insel Minger östlich von Kreta vorstellen, die Orhan Pamuk erfunden und zum Schauplatz seines neuen Romans "Die Nächte der Pest" gemacht hat. Seine Erzähler-Figur, die Historikerin Mina Mingerli, kann von der "Wunderwelt" Minger nur schwärmen, von seiner Rosenzucht, seinen Düften, seinen leuchtenden Farben, seiner üppigen landschaftlichen Schönheit.

"Das Vorliegende ist sowohl ein historischer Roman als auch ein Geschichtsbuch in Romanform. Eingebettet in einen historischen Rahmen werden die erschütterndsten sechs Monate geschildert, die meine geliebte Heimat, die Insel Minger, die Perle des östlichen Mittelmeers, je erlebt hat.
Bei der Untersuchung der Ereignisse während des Pestausbruchs auf der Insel im Jahr 1901 kam ich zu der Auffassung, dass die Geschichtswissenschaft nicht ausreiche, um zu begreifen, wie die Handelnden in dieser kurzen, dramatischen Zeitspanne zu ihren Entscheidungen gelangten, sodass ich auch die Kunst des Romans zu Hilfe zog und versuchte, die beiden Ansätze zu verquicken."
(Aus: Orhan Pamuk: Die Nächte der Pest)

Der Roman will also ein Hybrid sein, er gibt sich ein doppeltes Programm: Er will einerseits frei fabulierender und figurenreich wimmelnder Roman sein und andererseits faktengenaue Studie über einen historisch verbürgten Pest-Ausbruch, gespickt mit allerhand seuchenpolitischen Detail-Erörterungen gemäß dem damaligen Wissensstand.

Orhan Pamuk passt sein erfundenes Romanpersonal auf der fiktiven Insel Minger akkurat in die tatsächliche Geschichtsepoche zu Anfang des 20. Jahrhunderts ein, samt allen Interessenkonflikten der damaligen Großmächte im Mittelmeerraum.

Pamuk interessieren die Reaktionen der Menschen auf die Seuche vor dem Hintergrund des zerfallenden Osmanischen Reichs

In China brach am Ende des 19. Jahrhunderts die Pest aus und sprang von Hongkong aus von Hafenstadt zu Hafenstadt weiter, bis sie 1901 Alexandria erreichte und damit das Osmanische Reich und Europa bedrohte. Die Seuchengefahr verschärfte die prolongierte Krise des Niedergangs des Osmanischen Reichs unter dem schillernden Sultan Abdülhamit II.

Wollte Orhan Pamuk, der Literaturnobelpreisträger von 2006, mit diesem Pest-Roman womöglich auf die Corona-Aktualität spekulieren und davon profitieren? Der Verdacht liegt nahe, ist aber unbegründet. Am Romanende vermerkt Pamuk, dass er bereits seit 2016 an diesem Roman gearbeitet hat. Ihn interessieren vor allem die Reaktionen der Menschen auf die Seuche, vor dem Hintergrund des zerfallenden Osmanischen Reichs.

Im Roman lässt Pamuk die Beulenpest in den muslimischen Vierteln der Insel-Hauptstadt Arkaz ausbrechen. Fünfzehn Menschen sind ihr bereits zum Opfer gefallen, als Sultan Abdülhamit seine beiden führenden Seuchen-Spezialisten aus Istanbul nach Minger beordert: seinen Generalinspektor für das Gesundheitswesen und den Quarantäne-Arzt Doktor Nuri Bey, der mit seiner jungen Ehefrau anreist, Prinzessin Pakize, der Nichte des Sultans.

Im Epilog wird am Ende enthüllt, dass die Roman-Erzählerin die Urenkelin von Doktor Nuri und Prinzessin Pakize ist.

Die fiktive Insel Minger verwandelt sich durch die Pest von einem Paradies in einen Höllenort

Der Pest-Ausbruch soll der Öffentlichkeit unbedingt verheimlicht werden, doch den Seuchen-Ärzten gelingt es nicht, die Epidemie einzudämmen. Die Pest durchrast die ganze Insel, und Minger verwandelt sich von einem Paradies in einen Höllenort, in ein Inferno explodierender Ansteckungen und täglich hochschnellender Todesfälle.

Mit ermüdender Pedanterie verzeichnet der Roman die Zahl der täglichen Pest-Toten – das macht die Lektüre etwa so spannend wie die tägliche Corona-Statistik in den Nachrichten.

In der Bevölkerung grassieren die wildesten Gerüchte und Verschwörungsfabeln, Schuldige werden gesucht, Quarantäne-Ärzte werden ermordet, der Gouverneur wird hingerichtet, Chaos breitet sich aus, wer kann, flieht per Schiff von der Insel. Schließlich einigen sich die Mittelmeer-Mächte auf eine extreme Maßnahme: die See-Blockade der Insel.

"Der Blockade-Beschluss war von den internationalen Mächten gemeinsam gefällt worden. Noch bevor es Mittag war, wusste ganz Minger, dass Schiffe aus Frankreich, Großbritannien und Russland sowie ein osmanisches Schiff eintreffen würden, um Menschen aufzuhalten, die sich ohne Quarantäne von der Insel davonmachen wollten. Die Mingerer begriffen, dass der Name ihrer Insel in der internationalen Presse auftauchen würde. Nicht nur waren sie der Seuche nicht Herr geworden, sondern das erfuhr jetzt auch noch die ganze Welt."
(Aus: Orhan Pamuk: Die Nächte der Pest)

Die Bevölkerung hält sich nicht an die Quarantäne-Regeln und äußert ihre Wut in Protestmärschen

Die Roman-Parallelen zu heute liegen auf der flachen Hand. Die Insel-Behörden schwanken und ändern unentwegt ihre Quarantäne-Politik, geben mal dem Druck der Bischöfe und Scheichs nach, die ihre Kirchen und Moscheen offenhalten wollen, mal fügen sie sich dem Wunsch der Reisebüros und Geschäftsleute nach Öffnung ihrer Läden.

Folglich hält sich auch die Bevölkerung nicht an die Quarantäne-Regeln und äußert ihre Wut in Protestmärschen und Demonstrationen. Die ethnischen und politischen Konflikte zwischen Christen und Muslimen, osmanischen Beamten, Derwisch-Klöstern, Militärs, Konsuln der Kolonialmächte und Flüchtlingen aus Kreta brechen offen aus. Zwischen allen Gruppen entbrennen Machtkämpfe. Es kommt zu Terror-Anschlägen und Attentaten.

Pamuks Roman entwickelt sich von der historischen Seuchen-Erzählung zum politischen Thesen-Roman

Spätestens ab hier entwickelt sich Pamuks Roman von der historischen Seuchen-Erzählung mit aktuellen Anklängen zum politischen Thesen-Roman. Die Insel erweist sich als politisches Modell und Mikrokosmos, in dem die historischen Konflikte im Mittelmeerraum um 1900 exemplarisch vorgeführt werden sollen.

Bei Pamuk führt eine konfuse und inkompetente Seuchen-Bekämpfung gleichsam unausweichlich zum Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, zu separatistischen Ausbrüchen und national-romantischen Tumulten und schließlich zum revolutionären Umsturz und zur Abspaltung vom Osmanischen Reich, ausgelöst von einem jungen militärischen Hitzkopf:

"Nun trat der Major an die Balkonbrüstung. ‹Wenn wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, ohne auf Anweisungen aus Istanbul zu warten, wird die Quarantäne ein Ende haben, die Seuche wird abklingen, und es wird uns echte Gnade zuteil›, sagte er wie ein wahrhaftiger Politiker. Dann wandte er sich dem Platz zu und rief aus Leibeskräften: 'Es lebe Minger! Es leben die Mingerer! Es lebe das Mingerer Volk!'"

In der Folge lösen sich die Insel-Regierungen quasi im Wochenwechsel ab. Mal ist der Major Insel-Präsident, mal der Scheich eines Derwisch-Ordens, schließlich wird Prinzessin Pakize zur kurzzeitigen Insel-Königin ernannt.

Pamuk pflegt einen antiquierten Erzählgestus und neigt zu umständlichen Wiederholungen

Orhan Pamuks politische Phantasien offenbaren skurrile Auswüchse. Mit deren Unterhaltsamkeit ist es allerdings nicht weit her, denn der Autor pflegt einen antiquierten gravitätischen Erzählgestus und neigt zu umständlichen Wiederholungen und langatmigen zeithistorischen Erörterungen. So genau will man es als Leserin gar nicht wissen. Die titelgebenden "Nächte der Pest" mögen ja noch angehen; es sind die Tage der Pest, die sich ganz grässlich ziehen.

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Buch der Woche am 02.10.2017 Orhan Pamuk: Die rothaarige Frau

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Hanser-Verlag
22 Euro  mehr...

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Sigrid Löffler