Kommentar

Vor dem Literaturnobelpreis 2021: Nirgendwo gibt es so viele Besserwisser wie im Literaturbetrieb

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In den Tagen vor der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises gibt es sehr Widersprüchliches aus dem Buchbetrieb zu hören und zu lesen: Im Ranking diverser Wettbüros steigen und fallen in kurzen Abständen die Namen renommierter Autorinnen und Autoren, bei den Verlagen steigt und fällt dementsprechend die Sektlaune, weil Hoffnungen auf schnelle Verkäufe oder Abschlüsse mit lukrativen Übersetzungen bestehen oder wieder schwinden.

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Literatur Der tansanische Autor Abdulrazak Gurnah erhält den Literaturnobelpreis 2021

Der Nobelpreis für Literatur 2021 geht an den tansanischen Schriftsteller Abdulrazak Gurnah "für seine kompromisslose und mitfühlende" Darstellung "der Folgen des Kolonialismus", so der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, Mats Malm, bei der Bekanntgabe  mehr...

Der Literaturnobelpreis hat nach etlichen Skandalen nicht den besten Ruf

Der Buchhandel ist froh, wenn es die jeweiligen Titel überhaupt auf Lager gibt, und innerhalb der Kritik ist man sich sowieso leidenschaftlich uneinig. Ohnehin hat der Nobelpreis seit den Skandalen in der Vergangenheit, die von lukrativen Nebengeschäften der Jury bis zu sexuellem Missbrauch reichen, nicht den besten Ruf.

Die Entscheidungen des Nobelkomitees sind fast immer umstritten

Über manche Entscheidungen wurde im Feuilleton und in den Literaturblasen der sozialen Medien heftig gestritten. Etwa bei Peter Handke, dem man seine literarische Leistungen absprach, weil er sich politische Ungeheuerlichkeiten erlaubte. Und weil natürlich wieder mal ein alter, weißer Mann aus Westeuropa und keine junge Frau aus Asien oder Afrika ausgezeichnet wurde.

Als im vergangenen Jahr die US-amerikanische Dichterin Louise Glück nobilitiert wurde, stritten sich selbst die Freunde der gehobenen Poesie, galt die Autorin in manchen Kreisen der lyrischen Avantgarde doch eher als konservativ. Und die Mehrheit des lesenden Publikums hatte den Namen noch nie gehört.

Beim Literaturnobelpreis gibt es eine merkwürdige Sehnsucht nach der absolut richtigen Entscheidung

Statt sich aber über all diese Diskussionen und Streitgespräche zu freuen, die der Literaturnobelpreis auslöst, gibt es bis heute eine große und äußerst merkwürdige Sehnsucht nach der absolut richtigen Entscheidung. Wenn schon Nobelpreis, dann soll doch bitteschön die ästhetische Weltgeltung nicht zu beanstanden sein.

Doch dieser Wunsch nach einem sakrosankten Votum ist völlig unsinnig, denn auch die Nobel-Jury ist kein göttliches Gremium und hat selbstverständlich ein Recht auf Irrtum. Und wer mit etwas Abstand auf die Preisträgerinnen und Preisträger schaut, wird feststellen, dass neben diskussionswürdigen Entscheidungen – wie etwa für den durchschnittlich begabten Songschreiber Bob Dylan – dann doch herausragende Werke geehrt wurden, wie etwa das von Alice Munro als „Virtuosin der Kurzgeschichte“ oder das von Patrick Modiano als literarischer Erinnerungskünstler. 

Wird es Annie Ernaux?

Und nun? Wird es Annie Ernaux, die seit Tagen bei vielen Buchmachern führt und nicht nur im Netz für ihre autofiktionale Familienprosa und ihren weiblichen Blick auf soziale Brüche gefeiert wird? Hat Haruki Murakami eine Chance, auf den seit Jahrzehnten gewettet wird? Oder doch die Bestseller-Autorin Margaret Atwood? Vielleicht die Experimental-Lyrikerin und Essayistin Anne Carson? Mit Ngũgĩ wa Thiong’o ist seit Jahren ein kenianischer Autor von Weltruf im Gespräch. 

Wenn die Entscheidung verkündet worden ist, wird der Streit wieder losgehen

Die Genannten hätten den Preis allemal verdient. Wenn die Entscheidung dann verkündet worden ist, wird der Streit aber wieder losgehen: welche politische oder unpolitische Sicht der Jury-Spruch offenbare, ob das Werk in ästhetischer Hinsicht nobelwürdig oder ob die ganze Institution nicht doch auf den Hund gekommen sei.

Die Nobelpreise im Bereich der Medizin, Physik oder Chemie werden so gut wie nie in breiter Öffentlichkeit diskutiert. Warum also immer dieser Ärger mit den Buchmenschen? Ganz einfach: Nirgendwo gibt es so viele Besserwisser wie im Literaturbetrieb. Das ist einerseits sehr anstrengend. Aber auch beruhigend. Zumal die Qualität zeitgenössischer Literatur, die wirklich relevant ist, nicht zuletzt darin besteht, sich einer Zustimmung von allen Seiten zu verweigern.   

SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte (Foto: SWR, Georg Bielfeldt)
SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte Georg Bielfeldt

Gespräch ,,Ein freundlicher, sehr präsenter Mensch” - Der Journalist Ulrich Noller über den Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah

,,Er ist ein sehr freundlicher, zurückhaltender und trotzdem aber sehr präsenter Mensch”, sagt der Journalist Ulrich Noller, der vor drei Jahren eine Lesung mit Abdulrazak Gurnah moderiert hat. Er habe den tansanischen Literaturnobelpreisträger als einen Menschen erlebt, der es nicht nötig gehabt habe, sich und sein Werk in den Mittelpunkt zu stellen. Nur einen melancholischen Moment habe es gegeben: „Als wir über die Verfügbarkeit seiner Bücher auf Deutsch gesprochen haben, da änderte sich doch etwas“. Gurnahs Bücher sind auf Deutsch zurzeit nicht verfügbar. Im englischen Sprachraum hingegen sei Abdulrazak Gurnah bereits ein anerkannter Schriftsteller. Hier gäbe es nur eine kleine Aufmerksamkeit für Literatur, die nicht aus den westlichen Ländern stammt. Doch diese Offenheit sei beschränkt auf kleine Verlage. Noller hoffe, dass sich das mit dem Literaturnobelpreis an Abdulrazak Gurnah ändere  mehr...

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Literaturnobelpreis Louise Glück erhält den wichtigsten Preis für Literatur 2020

Die amerikanische Lyrikerin Louise Glück erhält den Nobelpreis für Literatur "für ihre unverwechselbare poetische Stimme, die mit strenger Schönheit das allgemein Gültige der individuellen Existenz herausarbeitet." (Begründung der Jury)  mehr...

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