Buchkritik

Nino Haratischwili – Das mangelnde Licht

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In „Das mangelnde Licht“ wendet sich die Autorin Nino Haratischwili einmal mehr der jüngeren Geschichte Georgiens zu. Sie erzählt darin über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren die Geschichte von vier Freundinnen, die sich in der Schule kennen lernen und aufwachsen in einem Land, das sich unter der Perestroika von einem kommunistisch regierten in ein unabhängiges verwandelt und in dem das Leben seiner Bewohner von Umbruch, Krieg und Gewalt bestimmt wird.

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Fotos erwecken die Erinnerungen an die Jugend in Tiflis zum Leben

Im Jahr 1987 steigen nachts vier junge Mädchen in einem Akt jugendlichen Leichtsinns, der ihre enge Freundschaft illustriert, in den Botanischen Garten von Tiflis ein. Es sind Keto Kipiani, die Erzählerin, aus der eine Restauratorin und Malerin werden wird, Dina, eine zukünftige Kriegsfotografin, Ira, aus der eine erfolgreiche Juristin werden wird, und Nene, die vaterlos aufwächst, von ihrem mächtigen Onkel, einem der kriminellsten Einwohner der Stadt, erzogen wird und sich zeit ihres Lebens den Gesetzen des Familienclans beugt.

Von hier springt die Romanhandlung in das Brüssel des Jahres 2019. Dort findet eine posthume Ausstellung der gefeierten Fotos von Dina Pirwili statt. Die drei noch lebenden Freundinnen treffen sich wieder. Beim Anblick eines Fotos wird Keto von Erinnerungen überfallen. Von diesem Eindruck ausgehend blendet der Roman nun immer wieder zurück in die Vergangenheit:

Die Fotografie, die als eine Art Prolog zu dieser Ausstellung fungieren soll, trägt keinen ihrer sonst so einprägsamen Titel, sie ist nur, sehr schlicht, mit dem Ort der Aufnahme und der Jahreszahl versehen: „Tbilissi, 1987“. Ich bleibe wie gebannt stehen, ich kann mich nicht bewegen, und Bilder fangen an, meinen Kopf zu fluten, ich habe keine andere Wahl, ich werde mich fortreißen lassen, es hat keinen Sinn, gegen etwas anzukämpfen, das einer Naturgewalt gleichkommt. Ich bin machtlos, ich bin plötzlich wieder Kind, ich bin wieder die, die mich von diesem Foto anblickt.
(Aus: „Das mangelnde Licht“ von Nino Haratischwili)

Keto wächst nach dem Tod ihrer Mutter mit ihrem Bruder Rati in einer Wohnung in der Rebengasse von Tiflis auf als Kind eines weltfremden Wissenschaftlers und unter der Obhut ihrer beiden Großmütter. Sie entdeckt ihr malerisches Talent. Im Hof der Rebengasse, wo Keto lebt, beginnt auch die Freundschaft mit Dina, die mit Mutter und Schwester in der Nachbarschaft zieht. Zu den beiden stoßen Ira und Nene, und die vier Mädchen wähnen sich in ihrer wachsenden Freundschaft inmitten der Umbrüche im Land zunächst noch in Sicherheit.

Der politische Umbruch Georgiens bestimmt das Schicksal der Mädchen

Damals starrten wir in einen grimmigen, wolkenverhangenen Septemberhimmel. Veränderung lag in der Luft, aber wir hatten Wichtigeres zu erledigen, als uns um die Politik zu scheren. Alles, was zählte, war das Jetzt. Wir taten alles, um der Dauerbeschallung durch die bläulich vom Bildschirm flackernde Propaganda und der seit dem 9. April über die Stadt verhängten Ausgangssperre zu entgehen. Wir wollten uns weder über die „abchasische Frage“, noch über die „nationale Frage“ unterhalten, wir wollten weder „Minderheitenprobleme“ erörtern, noch die Toten zählen, die vor wenigen Monaten bei der Demonstration vom 9. April ihr Leben ließen und an die uns täglich rote Tulpen auf dem Rustaweli-Boulevard erinnerten.
(Aus: „Das mangelnde Licht“ von Nino Haratischwili)

Nachdem es im Frühjahr 1989 in Tiflis immer wieder zu Massendemonstrationen gegen die sowjetische Regierung gekommen war, lösten am 9. April 1989 Sondereinheiten der Roten Armee gewaltsam eine friedliche Kundgebung auf. Soldaten setzten Giftgas ein und erschlugen Demonstranten mit Spaten. 16 Menschen wurden getötet. Bis heute ist nicht klar, wer den Einsatzbefehl gegeben hat. Michail Gorbatschow bestreitet noch immer, davon gewusst zu haben.

Klar dagegen ist, dass diese Ereignisse zu einer inneren Zerrissenheit des Landes führten. Und klar ist auch, dass die Mädchen in „Das mangelnde Licht“ von den Umbrüchen nicht verschont bleiben.

Dieses Buch hätte zu einem lesenswerten Roman über diese politischen Umbrüche Georgiens nach der bleiernen Zeit unter sowjetischem Regime werden können. Anhand der Geschichten der vier Frauen zeichnet er nach, wie aus den Umstürzen Fehden zwischen Familien erwachsen oder sich verstärken, wie sich durch die Öffnung des Landes das Heroin ausbreitet, wie Liebesgeschichten der Mädchen scheitern und auch die Freundschaften zwischen ihnen zeitweise ganz zerbrechen zu drohen.

Der Roman scheitert am Stil, den die Autorin gewählt hat

Doch „Das mangelnde Licht“ scheitert mit Karacho. Ursache dieses Scheiterns ist Sprache der Erzählerin, die plastisch scheinen will, aber schnell so ungebremst zu kochen beginnt wie „Der süße Brei“ im gleichnamigen Märchen:
In der Brüsseler Ausstellung steht Keto „wie gebannt “, kann sich „nicht bewegen“, hat „keine andere Wahl“, ist „machtlos“. Als traue die Erzählerin sich und ihren Lesern nicht, wird alles breit, oft redundant erzählt. Dabei schreckt sie auch nicht vor Klischees zurück. Das zeigt zum Beispiel die Schilderung einer Liebesszene, wie sie sich in Ketos Phantasie zwischen ihrem Bruder Rati und Dina abgespielt haben könnte:

Alles, was sie brauchten, fanden sie ineinander. Sie saß rittlings auf ihm und bewegte sich wie bei einem heidnischen Ritual, als wollte sie zornige Götter besänftigen, sein Wollen beschlug die Fenster. Sie waren eine Einheit, und nichts schien sie trennen zu können, auch das keuchende, auf sein Ende hinsteuernde Jahrhundert nicht, auch der Krieg nicht und auch nicht die Ungewissheit, genannt Zukunft, sie waren unverwundbar in ihrem Zusammensein. […] Die Zärtlichkeit tropfte von ihrer Stirn, er fing sie mit seinem Mund auf.
(Aus: „Das mangelnde Licht“ von Nino Haratischwili)

Ob man die Engführung von Sex und der Krieg im Land im Blick auf das historische Geschehen an- oder unangemessen findet, sei dahingestellt. Man mag darüber streiten, wie sehr Bilder wie „sein Wollen beschlug die Scheibe“, oder „die Zärtlichkeit tropfte von ihrer Stirn“ ins unfreiwillig Komische kippen. Unstrittig ist aber, dass in diesem Roman Adjektive nicht nur in der Sexszene im Überfluss vorhanden sind.

Tränen sind „dick“, Leidenschaft ist „kompromisslos“, Kälte „unerträglich“, es wird „laut aufgelacht“ und geht „himmelschreiend ungerecht“ zu, jede Grenzkontrolle und jede Autofahrt ziehen sich „ewig“ hin. Folgt man einer Feststellung Inger Christensens alle Adjektive seien sehr hilflos und müssten sich Tag für Tag an die Substantive klammern, die sie finden können“, dann wirken die Adjektive in „Das mangelnde Licht“ manchmal geradezu panisch hilflos.

Selbst tiefe Einsichten der Figuren wirken wie Allgemeinplätze

Der Eindruck einer Hilflosigkeit der Adjektive und der Sprache verstärkt sich durch die Erzählperspektive: Ketos Fragen an die Vergangenheit wirken rhetorisch, ihr Rückblick verwandelt sich in Durchblick, da die Erzählerin im Aussprechen dessen, was ihre Figuren erfahren und erleiden, deren Gedanken kennt. Dadurch klingen auch tiefe Einsichten wie Sentenzen. So etwa, als Keto gegen Ende begreift, warum Dina Kriegsfotografin sein wollte und an den traumatischen Folgen ihres Berufs zugrunde gegangen ist:

Sie stellte Fragen an den längst mit Kalaschnikows und endloser Dunkelheit aus unserem Land vertriebenen Gott, wohl wissend, dass es auf ihre Fragen keine Antworten gab. Und ich begriff, dass es ihr nicht um Antworten ging. Ich begriff, dass es vielmehr ein Gebet war und ihre Fragen in Form dieser Zumutung ein Geschenk an mich waren. Ein hilfloser und doch so dringlicher Versuch, uns für den Bruchteil einer Sekunde mit dem Unversöhnlichen unserer Vergangenheit zu versöhnen.
(Aus: „Das mangelnde Licht“ von Nino Haratischwili)

Die Mischung aus Allwissenheit und Beredsamkeit, aus historischem Fatalismus und Pathos rückt diesen Roman über Politik und Geschichte, über Liebe, Familie, Freundschaft, Drogen Sex, Selbstverletzung, Krieg und Kunst nicht selten peinlich in die Nähe der Kolportage.

Mit dem Erscheinen von „Das mangelnde Licht“ wird auch eine Bühnenadaption des Romans unter der Regie von Jette Steckel am Hamburger Thalia Theater zu sehen sein. Man wünscht dieser Inszenierung, es möge ihr besser gelingen, die Konflikte der Figuren und die Umbrüche in Georgien nach 1989 zuzuspitzen. So wortreich wabernd wie im Roman wird es auf der Bühne jedenfalls schon aus Zeitgründen nicht zugehen können.

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