Buchkritik

Kritik an der deutschen Erinnerungskultur: „Versöhnungstheater“ von Max Czollek

STAND
AUTOR/IN
Eva Marburg

Nach den bestechenden Gesellschaftsanalysen mit „Desintegriert Euch!“ und „Gegenwartsbewältigung“ legt der Lyriker und Essayist Max Czollek jetzt ein neues Buch vor, mit dem er die angeblich so vorbildliche Erinnerungskultur einer Prüfung unterzieht.

Audio herunterladen (4 MB | MP3)

Mit „Versöhnungstheater“ untersucht er den Umgang der Deutschen mit ihrer gewaltvollen Geschichte. Die vielbeschworene Erinnerungskultur, so die Kernthese, wird dabei zur Grundlage für eine positive Neuerfindung Deutschlands.

Mit Mahnmalen, Gedenktagen, Stolpersteinen und vor allem symbolischen Handlungen ist Deutschland in den letzten Jahrzehnten also wieder gut geworden – eine Wiedergutwerdung allerdings, die nie auf einer realen Wiedergutmachung basierte.

Eine unverzichtbare Stimme der Gegenwart

Während die Deutschen ihre Wiedergutwerdung jetzt in neu errichteten Preußenschlössern feiern, bleiben die Stimmen der Opfer, ihre Untröstlichkeit und Trauer aus dem „Versöhnungstheater“ ausgeschlossen.

Wie eine Erinnerungskultur aussehen müsste, die garantiert, dass sich die Gewalt der Vergangenheit nicht wiederholt, legt Max Czollek in diesem aufrüttelnden Essay dar, der ihn einmal mehr zu einer unverzichtbaren Stimme der Gegenwart macht.

Kurz-Essay Max Czollek: Manifest der pluralistischen Erinnerung

Welche Geschichte sich eine Gesellschaft erzählt, bestimmt darüber, wer dazu gehört und wer nicht. Für eine plurale Gesellschaft gilt es deshalb, auch die Erinnerungskultur zu pluralisieren. Entschieden fordert dies der Autor Max Czollek in einem Manifest, das selbst wiederum Ergebnis kollektiver Auseinandersetzung ist.

SWR2 am Morgen SWR2

Buchkritik Max Czollek - Gegenwartsbewältigung

Die einzige wirkliche Integrationsleistung der Bundesrepublik sei die Eingliederung von Nazitätern in die jungen demokratischen Strukturen nach 1945 gewesen. Diese These vertritt Max Czollek, der mit dem Kampfruf "Desintegriert Euch!" vor zwei Jahren gegen die Heuchelei des deutschen Selbstbilds wetterte. Auch in seinem neuen Essayband "Gegenwartsbewältigung", der sich fast tagesaktuell mit Corona, rechtem Terror, und der Erinnerungskultur beschäftigt, argumentiert Czollek polemisch, kompromisslos und messerscharf. Rezension von Phillip Kampert. Hanser Verlag ISBN 978-3-446-26772-5 208 Seiten 20 Euro

SWR2 lesenswert Kritik SWR2

Vor 77 Jahren wurde Auschwitz befreit Holocaust-Gedenktag 2022: Erinnerung darf nicht zum Ritual werden

Juden und Jüdinnen, Sinti*ze und Rom*nja, Menschen mit Behinderungen und psychisch Kranke fielen der grausamen NS-Vernichtungspolitik zum Opfer. Auch Homosexuelle, Zeugen Jehovahs und sogenannte Asoziale und Berufsverbrecher wurden von den Nazis systematisch verfolgt, gequält und ermordet. Ihrer und aller anderen Opfer der Nationalsozialisten – darunter auch politische Gefangene, Zwangsarbeiter*innen und Widerstandskämpfer*innen – wird seit 1996 am 27. Januar in Deutschland gedacht. Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee befreit. Seit 2005 ist er auch weltweit Gedenktag der Opfer des Holocaust.

Holocaust-Gedenken Michel Friedman fordert neue Erinnerungskultur: „Deutschland war lange ein Schweigeland“

In einer Zeit, in der immer mehr Zeitzeugen des Holocausts sterben, wirbt der Publizist Michel Friedman, selbst Kind von Shoa-Überlebenden, für ein neues Erinnern an das Grauen der NS-Zeit. Denn Deutschland sei „zu lange ein Schweigeland gewesen“, sagt Friedman im SWR2 Gespräch.

SWR2 am Morgen SWR2

Zeitgenossen Mehmet Daimagüler: „Wir müssen den Schmerz spüren.“

Für die Sinti und Roma, die den Nationalsozialismus überlebt haben, gab es keine „Stunde Null“. Sie wurden auch im Nachkriegsdeutschland weiter diskriminiert, sagt der erste Antiziganismusbeauftragte der Bundesregierung, Mehmet Daimagüler.

SWR2 Zeitgenossen SWR2

Leben Die Oelweins – Eine Familie im Nationalsozialismus

Die deutsche Erinnerungskultur beschäftigt sich nur ungern mit der Tatsache, dass die Mehrheit der Deutschen überzeugte Nazis waren und ein verbrecherisches Regime unterstützt haben. 

SWR2 Leben SWR2

Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Die documenta fifteen endet: Was bleibt von der deutschen Erinnerungspolitik?

Die documenta fifteen geht zu Ende – und nicht wenige Menschen würden jetzt hinzufügen: endlich. Was geht, wenn die größte deutsche Kunstausstellung für viele ein Fiasko ist? Die eine Seite beklagt, mit der Documenta habe man Antisemitismus in Deutschland wieder öffentlich ausstellen können, während die andere Seite meint, hinter der Kritik an den Künstler:innen stünde Rassismus.  Ein Scherbenhaufen also, zumindest in der öffentlichen Debatte.

Und was bleibt nun im Nachhinein von dieser documenta fifteen? Lässt sich aus diesem Scherbenhaufen etwas machen – zum Beispiel eine Auseinandersetzung über die deutsche Geschichts- und Gedenkpolitik und die Frage, welchen Platz die kolonialen Verbrechen darin neben der Shoah einnehmen können?

Als gescheitert würde die Journalistin Charlotte Wiedemann die documenta nicht bezeichnen. Wiedemann hat viel aus dem Ausland berichtet und beschäftigt sich mit unterschiedlichen Erinnerungskulturen. Sie hat die documenta besucht und dort viele Anregungen gefunden, die sie in der deutschen Debatte vermisst hat: “Über die documenta würde eine Glocke der Deutschtümelei gestülpt. Das Problem war für mich nicht die documenta selbst, sondern unser Umgang damit.” 

Anders sieht das der Kunstkritiker Hanno Rauterberg, er sagt, die mangelnde Kommunikationsbereitschaft habe den Austausch erschwert: “Der Kollektiv-Gedanke der documenta hat Kritik an einzelnen Künstlern erschwert.” Schnell habe es geheißen, Kritik meine nicht den Einzelnen, sondern alle und damit die gesamte documenta. Kritik sei deshalb von Ruangrupa schnell als rassistisch wahrgenommen worden.

Und auch der Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank und engagiert hätte sich gewünscht, dass die verschiedenen Seiten wirklich miteinander ins Gespräch kommen: „Es wurde zwar viel debattiert, aber da war das Gefühl, dass man aneinander vorbeiredet.“

Viel Stoff also für eine Debatte über die deutsche Erinnerungspolitik!

Charlotte Wiedemanns Buch „Den Schmerz der anderen begreifen“ ist im Mai 2022 bei Ullstein erschienen.

Unterschiedliche Positionen und Erklärungsansätze zur documenta-Debatte findet ihr in der Ausgabe 09/2022 von Politik & Kultur, der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats – alles abrufbar unter https://politikkultur.de/archiv/ausgaben/nr-9-22/

Die Bildungsstätte Anne Frank, deren Direktor Meron Mendel ist, hat eine Podiumsdiskussion zu Kunst und Antisemitismus veranstaltet, die ihr hier anschauen könnt: https://www.bs-anne-frank.de/events/kalender/zum-antisemitismusskandal-auf-der-documenta-fifteen

Bei „Was geht, was bleibt“ haben wir uns schon öfter mit den Themen Kolonialismus und Erinnerungspolitik beschäftigt, zum Beispiel in diesen beiden Folgen:
https://www.swr.de/swr2/programm/blinder-fleck-der-erinnerungskultur-unser-kolonialistischer-blick-nach-osteuropa-100.html
https://www.swr.de/swr2/programm/rueckgabe-von-raubkunst-dekolonisierung-oder-reine-symbolpolitik-100.html

Habt ihr noch mehr Themen, die wir uns dringend anschauen sollten? Schreibt uns auf kulturpodcast@swr.de

Host: Pia Masurczak
Redaktion: Pia Masurczak und Kristine Harthauer

STAND
AUTOR/IN
Eva Marburg