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Neues Buch von Fahim Amir über den Widerstand der Tiere Schwein und Zeit

Von Philine Sauvageot

Frei nach Martin Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ fragt Fahim Amir in seinem neuen Buch „Schwein und Zeit“ nach dem gemeinsamen Sein von Mensch und Tier. Der Wiener Dichter und Philosoph ist überzeugt, dass Mensch und Tier Kampfgefährten sein könnten, denn auch Tiere leisteten politischen Widerstand. Sie wehrten sich gegen die Kontrolle durch den Menschen.

„Der Verrückte bin ich“

„Nur ein Verrückter würde behaupten, Tiere seien politisch. Dieser Verrückte bin ich“, schreibt der Philosoph und Künstler Fahim Amir über sein Buch „Schwein und Zeit“. Wenn Nutztiere aus ihrem Stall fliehen, dann sei das eine Form des Widerstands. Nicht ein Überlebensinstinkt, den man eigentlich vermuten würde.

Fahim Amir wirft alte Vorstellungen vom Tier über Bord - auch unsere hohe Meinung vom politisch Sein. Kritik sei eine Weigerung, so regiert zu werden, zitiert Amir Michel Foucault.

Tiere wehren sich gegen ihre industrielle Verarbeitung

Dann sei auch jeder Fluchtversuch eines Tieres eine praktische Kritik der Verhältnisse. Dafür reiche es, sich der eigenen Beherrschung zu widersetzen. Und das, so Amir, tun Tiere. Sie wehren sich gegen ihre industrielle Verarbeitung.

Das Schwein wird zum Protagonisten, weil es diesen Widerstand wie kein anderes Tier verdeutlicht: Ingenieure konnten bis heute keine Maschine für die Tötung und Zerlegung von Schweinen entwickeln. Bis heute sind Menschen nötig, um den Kopf zu entfernen oder die leicht zu beschädigenden Gedärme herauszunehmen.

Das Schwein bestimmt die Zeit

Dass durch jede Schlachtfabrik heute ein Fließband läuft, sei maßgeblich dem Schwein zu verdanken. Sein toter Körper sei so widerspenstig und unkooperativ, dass sich der Mensch dem fügen musste.

Schweine als Ko-Produzenten der Massentierhaltung - das ist neu geschriebene Sozialgeschichte, mit Tier und Mensch in den Hauptrollen. In „Schwein und Zeit“ bestimmt das Schwein unsere Zeit.

Tierischer Widerstand ohne artikulierte Absicht

Wir sind hier nicht auf George Orwells „Animal Farm“. Die Schweine übernehmen nicht die Macht. Sie lehnen sich im Kleinen auf. Ihre Widerspenstigkeit entspricht zwar nicht dem organisierten Widerstand, wie wir ihn kennen.

Er ist nicht rational durchdrungen und folgt keiner artikulierten Intention. Doch Psychoanalyse und Cultural Studies lehren, dass es eine solche Form von Widerstand auch bei Menschen gibt.

Kühe bewegen sich nicht, bis sie zu fressen bekommen

Es wird absurder: Soziologen um Jocelyne Porcher filmten das Treiben in einem Kuhstall und erklärten nach einem Monat: Kühe üben gewerkschaftsähnliche Macht aus. Jüngere Kühe folgten dem Beispiel älterer und bewegten sich so lange nicht, bis bestimmte Forderungen wie Nahrung oder Abkühlung erfüllt seien.

Das schreit förmlich nach einer marxistischen Theorie der Tiere - und tatsächlich wünscht sich Amir, Adorno und Horkheimer zu korrigieren: Tiere seien eben nicht nur passive Opfer menschlicher Gewalt, wie es noch in der „Dialektik der Aufklärung“ hieß. Sondern: weltformende Subjekte.

Die unberührte Natur gibt es nicht

Fahim Amir provoziert gern. Sein Performance-Duo „Dolce und Afghaner“ pinkelte vor die Karlskirche in Wien und nannte das Patriotismus-Kritik. Übersteigerte Moral ist ihm verpönt - nicht wegen ihr solle man Tierrechte schützen. Sondern aus politischer Solidarität.

Amir ist auch die romantische Vorstellung der Linken von einer „unberührten Natur“ verpönt. Wir erfahren, dass Vögel dank Hormonen im Abwasser schneller und länger singen und so mehr Sexualpartner für sich gewinnen - eine Chance für die Artenvielfalt?

Kakerlaken im Drogenrausch

Andere schützen mit Nikotin aus Zigarettenstummeln ihre Nester vor Parasiten. Und Amir gönnt auch den Kakerlaken in der Kanalisation unter dem Berliner Techno-Club Berghain mal einen richtigen Drogenrausch. Für ihn sind wir alle Raver einer Party und gehen alle unter: Mensch und Tier.

Seine Lust an der Provokation macht selbst wieder Lust - und sprüht Funken Wahrheit. Am Ende det Party ändert aber auch die größte Widerspenstigkeit nichts an der massiven Unterdrückung und Ausbeutung der Tiere.


Fahim Amir, „Schwein und Zeit. Tiere, Politik, Revolte“, Nautilus, 208 Seiten, 16 Euro.

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