Literatur

Hanya Yanagihara: Zum Paradies - Neuer Roman der Bestseller-Autorin

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Der neue Roman von Hanya Yanagihara hat nicht ganz das Zeug zum Reißer, meint SWR Literaturredakteur Alexander Wasner. In nur eineinhalb Jahren hat die New Yorker Schriftstellerin den 900-Seiten-Roman „Zum Paradies“ geschrieben. Erzählt wird von einer Welt, die sich in ewigen Pandemien selbst erstickt. Der Bogen, den die Bestsellerautorin dabei spannt, reicht von einem erfundenen schwulen New York im Jahr 1893 bis zur totalen Herrschaft der Seuchenbekämpfer im Jahr 2093.

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Aber ein paar interessante Gedanken zur Zukunft unserer Freiheitsliebe stecken schon darin, schließlich kommt die Autorin aus einer Virologenfamilie.

Die amerikanische Geschichte wird umgeschrieben: im Jahr 1893 ist New York schwul

Hanya Yanagihara schreibt im ersten Teil ihres umfangreichen neuen Romans einfach mal die amerikanische Geschichte um. Der Held lebt 1893 in einem New York, das sich als Freistaat versteht im ansonsten reaktionären Amerika. Und in diesem Freistaat ist Homosexualität normaler als Heterosexualität.

David Bingham, der Held, ist ein etwas zu empfindsamer Mensch. Beruflich traut ihm die großbürgerliche Familie nichts zu, man will ihn in eine arrangierte Ehe vermitteln. Aber natürlich bricht er aus, verliebt sich in den schicken farbigen Edward. Und der entpuppt sich als Hochstapler. Die Familie schickt einen Privatdetektiv los.

„Er liebt Dich nicht mein Kind, Er liebt bereits einen anderen. Was er liebt ist Dein Geld, die Vorstellung es zu besitzen.“
(Hanya Yanagihara: Zum Paradies, S.199)

Das hört sich ziemlich schnulzig an. Nach dem langen Ausflug ins Ende des 19.Jahrhunderts folgen weitere Ausflüge ins Jahr 1993, in die AIDS-Pandemie und dann in das Jahr 2093. Die Aussichten sind mies. Fortwährende Pandemien haben den Menschen die Gestaltungsmöglichkeiten genommen. New York ist ein totalitärer Staat geworden, in dem alles dem wirtschaftlichen und medizinischen Überleben untergeordnet ist. Die Welt ist in Zonen unterteilt, es herrscht Arbeitszwang, Ehen werden wieder arrangiert, es ist insgesamt unwirtlich, aber leider nicht ganz unwirklich.

Klimawandel, Pandemie, Freiheitsrechte, Diversität, LGBTQ+, alles kommt vor

Hanya Yanagihara fährt in „Zum Paradies“ die ganz großen dramaturgischen Geschütze auf. Klimawandel, Pandemie, Freiheitsrechte, Diversität, LGBTQ+, alles kommt vor. Das wirkt manchmal geradezu emsig um Korrektheit bemüht.

Es gibt zwei Gründe, warum man dieses Buch lesen wollen könnte. Das eine ist das Markenversprechen. Mit ihrem ersten Roman „Ein wenig Leben“ hat Hanya Yanagihara vor sieben Jahren einen Riesenerfolg gelandet.

„Zum Paradies“ liest sich wie eine recht ordentliche Fernsehserie. Viele werden dennoch dezent enttäuscht sein vom neuen Roman. Die dreiteilige Konstruktion, die Themenvielfalt – all das macht das Buch weniger eindeutig als den Riesenerfolg.

Der zweite Grund sind Thema und Timing. Dazu muss man wissen: Die Autorin kommt aus Hawaii, ihr japanischer Vater war dort Virologe - die Pandemie der vergangenen zwei Jahre konnte sie nicht kalt lassen.

900 Seiten in anderthalb Jahren, das ist ziemlich anspruchsvoll und es fehlte die Zeit zum Kürzen. Da ist vieles zu lang, doppelt sich, passt nicht recht zusammen, anscheinend wurden Ideen zusammengerührt, die nicht zusammen gedacht waren.

Das große Thema dieses Romans: die Kluft zwischen Vernunft und Freiheit, Aufklärung und Selbstbestimmung

Am Ende ist es trotzdem nicht verkehrt. Denn da zieht sich ein großes Thema durch alle drei Teile. Immer geht es um die Kluft zwischen Vernunft und Freiheit, Aufklärung und Selbstbestimmung: Müssen wir handeln, wie wir handeln bloß weil wir wissen, was wir wissen? Es treffen sich die arrangierte Vernunftehe vom Anfang mit den vernunftgesteuerten Beschränkungen der Pandemiebekämpfung.

Wie ihre Vorgänger in den Teilen vorher macht sie sich die Heldin im dritten Teil auf in eine bessere Welt

Gegen Ende lässt Yanagihara die dritte Heldin, die der Zukunftszeit, als Kind plötzlich ganz altmodischen Geschichtenerzählern begegnen, und die öffnen ihr im Erzählen einen Weg. Sie soll doch bitte anderen Geschichten glauben. Wie ihre Vorgänger in den Teilen vorher macht sie sich auf in eine bessere Welt, die letzten beiden Worte lauten: Zum Paradies. Am Ende fliegt sie davon. Von ihrer Ankunft allerdings wird nichts erzählt.

Die Literaturkritikerin Beate Tröger im Gespräch Hanya Yanagihara - Zum Paradies

Wie frei lebt es sich in New York? Davon erzählt Hanya Yanagihara. Die amerikanische Journalistin und Bestsellerautorin erfindet für ihre Heimatstadt eine neue Vergangenheit und eine neue Zukunft. |Alexander Wasner im Gespräch mit Beate Tröger. |Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Kleiner | Claassen Verlag, 896 Seiten, 30 Euro | ISBN: 9783546100519  mehr...

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