Graphic Novel

„Nestor Burma“: Neue Gesamtausgabe des Comic-Klassikers von Léo Malet und Jacques Tardi

STAND
AUTOR/IN

Lange vergriffene Comic-Krimis des Gespanns Leo Malet und Jacques Tardi sind jetzt in einem schön editieren Sammelband wieder erhältlich. Das Zentrum des Bandes: Die Geschichte „120, Rue de la gare“. Privatdetektiv Nestor Burma ermittelt hier in zwei Mordfällen, die ebenso sehr mit dem tragischen Leben des Gentleman-Verbrechers „Eiffelturm“-Jo zu tun haben, wie mit seiner schönen Tochter, wie auch mit der Atmosphäre des winterlichen Frankreichs unter deutscher Besatzung.

Audio herunterladen (6,6 MB | MP3)

Doppelung und Spiegelung als Grundprinzip

„120, Rue de la gare“: Zwei Mal die gleiche Adresse, zwei Mal die letzten Worte eines Sterbenden. In der zentralen Geschichte in diesem Band ist alles doppelt. Von zwei Morden handelt sie, im Zweiten Weltkrieg spielte sie, zwischen einem deutschen Kriegsgefangenenlager, zwischen Lyon und Paris.

Zwei Morde, zwei Detektive, zwei Polizisten und zwei Frauen, die beide Hélène heißen. Zwei französische Städte im kalten Winternebel, zwei geheimnisvolle Häuser und zwei Straßen, die ineinander übergehen. Die Doppelung, die Spiegelung ist das Grundprinzip des „Noir“, im Film, in der Literatur und in diesem Comic.

Burma (Foto: Pressestelle, Verlag Edition Moderne)
Der Autor und Zeichner Jacques Tardi hat sich tief hinbegeben in die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Pressestelle Verlag Edition Moderne Bild in Detailansicht öffnen
Und er schont seine Leser nie, wenn er – realistisch und expressiv zugleich – die Grausamkeiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges aufs Papier bringt. Pressestelle Verlag Edition Moderne Bild in Detailansicht öffnen
Ohne Hoffnung und mit ganz klarem Blick erzählt Tardi von der Geschichte. Von der Pariser Kommune, von der Gesellschaft des Fin de Siècle und immer wieder vom Ersten Weltkrieg. Pressestelle Verlag Edition Moderne Bild in Detailansicht öffnen
Und selbst als er die Stories des Krimi-Autors Leo Malet in Comic-Form brachte, waren diese Comics gezeichnete Moment-Aufnahmen der Geschichte. Pressestelle Verlag Edition Moderne Bild in Detailansicht öffnen
Lange vergriffen, sind nun die vier düsteren Krimis des Autorengespanns Leo Malet/Jacques Tardi wieder in einem Sammelband erhältlich. Pressestelle Verlag Edition Moderne Bild in Detailansicht öffnen

Meisterhafte Zeichnungen mit dumpfer Schwere

Schwarz und Weiß, Licht und Schatten, ein einsamer Detektiv zwischen zwei Welten, hier ist es der Franzose Nestor Burma. Dieser kommt aus der deutschen Kriegsgefangenschaft zurück nach Frankreich. Sein Land ist besetzt und im Bahnhof von Lyon wird vor seinen Augen seiner früherer Mitarbeiter Bob erschossen. Bob, der auf eigene Faust einem Gentlemen-Verbrecher und seiner schönen Tochter und einem Millionen-Versteck auf der Spur war.

Die Vergangenheit ragt in die Gegenwart, die große, die politische Geschichte der deutschen Besatzung ragt in die kleinen Geschichten. Ineinander verschränkt sind das große Morden und die kleinen Morde.

Nasse Nebelnächte, verschneite Landstraßen, die Kälte zugiger Bahnhöfe. Jacques Tardi gibt seinem Noir eine dumpfe Schwere. Seine meisterhaften Zeichnungen sind vor allem Atmosphäre, mehr noch: Die Atmosphäre ist Tardis eigentliches Thema.

Eine Verknüpfung von Expressionismus und Realismus

Im Film ist „Noir“ in erster Linie ein Stil, eine Verknüpfung von Realismus und Expressionismus: Licht und Schatten, Schein und Sein, Kontraste und Konflikte bestimmen eine Welt, in der der einzelne allein und verloren ist, bedrängt von übermächtigen sozialen Kräften.

„120, Rue de la gare“ ist eine Comic-Geschichte aus den 80er Jahren, einer Zeit, in der der Noir wieder in Mode kam, auch im Comic. Aber Jacques Tardi ist kein Epigone von Raymond Chandler und Hollywood. Er geht weiter zurück, zum Marquis de Sade und Edgar Allan Poe, zu einer Literatur, aus der sich düstere Rätselsätze machen lassen, Rätsel, an denen sich selbst Meisterdetektiv Nestor Burma die Zähne ausbeißt.

Die Bilder sind nur Anzeichen der Geschichte

Tardis Stil ist komplexer als die klassischen Schwarz-Weiß-Kontraste. Der Realismus, die traurige Weite seiner winterlichen Stadtlandschaften trifft auf die Enge klaustrophobischer Innenräume.

Hände und Gesichter seiner Figuren sind grob und flächig, die Panels scheinen zu eng zu werden und lassen einem eine Geschichte entgegenkommen, die sich zugleich entzieht, weil sie schon immer weiter ist, als die Bilder, die nur Anzeichen sind.

Erdrückende Anzeichen, erdrückend durch eine Atmosphäre der Vergeblichkeit. Das Weiß von Tardis Schnee, das Schwarz seiner Regenpfützen auf dem Kopfsteinpflaster, lassen dem Gentlemen-Verbrecher Eiffelturm-Jo und seiner Tochter schon bildlich keinen Raum, während die deutsche Wehrmacht mit ihren grauen Uniformen anrückt.

Tardi macht einen Krimi zum Spiegel des 20. Jahrhunderts

Die Brutalität dieser Welt, in der auch die Stützen der Gesellschaft, der Anwalt, der Arzt, der Kommissar, Verbrecher sind, diese Brutalität entsteht nicht im Kontrast von Schwarz und Weiß, sondern zwischen Grau und noch mehr Grau.

Seine Geschichten und die große Geschichte verschränken sich stets bei dem Comic-Zeichner Jacques Tardi. Von der Pariser Kommune, von der Gesellschaft des Fin de Siècle erzählt er und immer wieder vom Krieg, vom Ersten und vom Zweiten Weltkrieg. Selbst wenn die Story bloß ein Krimi von Leo Malet ist, unter Tardis Feder wird sie zu einem Spiegel des 20. Jahrhunderts.

Graphic Novel Wie Angela Davis vor dem FBI floh – Graphic Novel über die Ikone der Black-Power-Bewegung

1969 wird die Bürgerrechtlerin Angela Davis zum Staatsfeind Nummer eins der USA. FBI-Chef J. Edgar Hoover trifft Präsident Nixon, um den „Fall Angela Davis“ zu besprechen und sagt es so: Sie ist eine Frau, Schwarz und Kommunistin. Angela Davis müsse aufgehalten werden, bevor sie bei der Bevölkerung zu beliebt werde. „Gejagt. Die Flucht der Angela Davis“ erzählt von einer selbstbewussten, studierten jungen Frau, die sich von nichts und niemanden einschüchtern lässt, weder vom FBI noch von der Politik. Ihre Flucht vor der Verfolgung durch das FBI bildet den roten Faden der Graphic Novel von Fabien Grolleau und Nicolas Pitz. Ganz gleich, ob man Angela Davis bereits kennt oder zum ersten Mal von ihr hört: „Gejagt. Die Flucht der Angela Davis“ ist spannungsvoll und gut recherchiert erzählt.  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Léo Malet/ Emmanuel Moynot Blüten, Koks und blaues Blut

Der französische Privatdetektiv Nestor Burma ermittelt in Cannes. Sein Auftraggeber, ein Graf, begeht Selbstmord. In seiner Villa wird jede Menge Falschgeld gefunden. War der Graf in dunkle Geschäfte verwickelt? Eine Comicadaption des Kriminalromans von Léo Malet.| Aus dem ranzösischen von Resel Rebiersch, Verlag Schreiber und Leser, 18,80 Euro.| Rezension von Sabine Grimkowski.  mehr...

SWR2 Lesenswert Kritik SWR2

Literatur Freiburger Initiative macht Comic aus AFD-Zitaten: „Vogelschiss. Die Graphic Novel gegen Rechts“

Eine Freiburger Initiative macht unter dem Namen „Guano Project“ auf die wachsende Gefahr rechtspopulistischer und rechtsextremer Propaganda aufmerksam. Aus ihrer Sammlung von Originalzitaten aus dem AFD-Umfeld ist jetzt der Comic „Vogelschiss. Die Graphic Novel gegen Rechts“ entstanden, professionell gemacht und durch Crowdfundig finanziert.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

STAND
AUTOR/IN